3. August 2017 – Eine Wanderung zum West Holland River

08.00 Uhr Ich werde pünktlich zum Achtuhrläuten von Georg geweckt. Mein Bruder tippt auf seine moderne Outdoor (löblich: Freiland) Uhr mit integriertem GPS Empfänger und erinnert, dass wir gleich zu einer Wanderung entlang des Lake Simcoe aufbrechen werden. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und lasse meinen Bruder wissen, dass ich nur kurz duschen werde – was muss ich denn noch alles ertragen.
08.30 Uhr Dreissig Minuten später werde ich in der Küche vorstellig und sehe mich dem Gelächter der Anderen ausgesetzt. James tippt sich an die Stirn und wirft ein, dass ich mich der geplanten Wanderung zur Mündung des West Holland Flusses kaum in kurzen Hosen anschliessen kann. Mein Grossneffe schlägt in die gleiche Kerbe und ermutigt mich, lange Beinkleider anzuziehen und das Hawaiihemd gegen ein Multifunktions-Shirt auszutauschen. Missmutig mache ich kehrt und präsentiere mich nach wenigen Minuten in einer dunkelblauen Tschienshose und einem modischen Flanellhemd. Währenddessen füllt Maria meine Kaffeetasse mit brühfrischem Bohnentrunk auf und informiert, dass es eine Gaudi werden wird, den Keswick Marsh (löblich: Keswick Sumpf) zu sehen und die neuen Nachbarn an der Cook’s Bay (löblich: Cooks Bucht) zu besuchen – das kann ja heiter werden.


Maria brüht Kaffee auf / Bild: Nevit Dilmen / CC BY-SA 3.0

09.30 Uhr Sechzig Minuten später verfrachtet Georg etliche Getränkedosen, vitaminreiche Wurst- und Käsebrote sowie eine Tube mit Sonnenkreme in einen lindgrünen Rucksack. Selbstverständlich erhebe ich augenblicklich den Zeigefinger und stelle klar, dass ich den Ranzen ganz bestimmt nicht schultern werde. Mein Verwandter winkt demonstrativ ab und sagt, dass James das Gepäckstück schleppen wird – wie beruhigend.
10.00 Uhr Nachdem ich Dixon an die Leine genommen haben, brechen wir zu einem ausgedehnten Spaziergang entlang des Westufers des Lake Simcoe auf. Mit einem lustigen Lied auf den Lippen folge ich meinen Bekannten und nutze die Gelegenheit, um ausgiebig mit Edelbert zu tratschen. Der schlaue Mann legt beste Laune an den Tag und meint, dass er es kaum noch erwarten kann, Morgen nach Barrie zu krusen und sich auf dem „Kempenfest“ zu amüsieren. In diesem Zusammenhang erfahre ich, dass das alljährlich stattfindende Volksfest viele Besucher aus dem Umland anlockt – das hört sich verlockend an.
11.00 Uhr Nach einer Stunde nähern wir uns einer schäbigen Blockhütte und Georg erzählt, dass diese Bruchbude einer steinreichen Familie aus Toronto als Sommersitz dient. James lacht laut und beteuert, dass dieser Schuppen der Waldhütte aus dem Gruselfilm „Tanz der Teufel“ (auf englisch: The Evil Dead“ gleicht. Bevor ich Worte finde, gesellt sich ein rothaariger Heini an unsere Seite und stellt sich uns als Gail McMullond (65) vor. Der Angeber lädt uns auf seine morsche Veranda ein und zögert nicht, selbstzubereitete Holunderlimonade aufzufahren. Darüber hinaus lernen wir auch Frau McMullond (49) kennen und bringen heraus, dass die Beiden Mitte der 1990er Jahre mit zwielichtigen Börsenspekulationen Millionen verdient haben – wie unlöblich.


Der Lake Simcoe

11.30 Uhr Während wir unsere Kehlen ölen, redet der Hausbesitzer ohne Unterlass auf uns ein und verdeutlicht, dass er im Frühjahr zwei Hektar Land am Lake Simcoe gekauft hat und in Kürze eine stattliche Herrschaftsvilla erbauen wird. Natürlich verwickelt Georg den Rotschopf in ein Fachgespräch und vergisst auch nicht, auf seine Baufirma zu verweisen – gleich platzt mir der Kragen.
12.30 Uhr Nachdem wir die Wurstbrote verzehrt haben, setzen wir unsere Wanderung fort und finden uns bald an der Mündung des West Holland Rivers wieder. Während Edelbert seine Kamera zückt und Photos am laufenden Band knipst, wische ich mir mit der Hand über das schweissnasse Gesicht und weise auf die Tatsache hin, dass mich die Moskitos in den Wahnsinn treiben. Maria gibt mir Recht und schlägt vor, dass wir nun kehrt machen und den Heimweg antreten sollten – das ist die beste Nachricht des ganzen Tages.


Hilfe, die Moskitos kommen

13.00 Uhr Als wir durch den Keswick Sumpf trotten, meldet sich Georg zu Wort und belehrt, dass in dieser Gegend viele Dexter Rinder gezüchtet werden. Ich zucke mit den Schultern und erkundige mich bei James, wie es mit seiner Musikkarriere vorangeht. Mein löblicher Neffe schenkt mir ein Lächeln und entgegnet, dass er sich vor wenigen Wochen einer neuen Rockkapelle namens „FROG“ angeschlossen hat – das hört sich spannend an.
14.00 Uhr Als der Zeiger meiner ROLEX auf 2 zugeht, erreichen wir endlich das Ferienhaus. Ich lasse mich erschöpft auf der Terrasse nieder und gebe vor, dass ich heute keinen Finger mehr rühren werde. Zudem bitte ich Maria, mir ein kühles Bier aus dem Eiskasten zu holen – immerhin kann ich mich nicht um alles kümmern.
15.00 Uhr Just als mir die Augen zufallen, stürzt Dixon kläffend zum Seeufer und macht es sich zur Aufgabe, zwei freche Stockenten zu verjagen. Ich lache laut und nehme mir das Recht heraus, aus den verschwitzten Klamotten zu schlüpfen und mich in die kühlen Fluten zu stürzen – was kann es schöneres geben.


Hund Dixon ist brav

16.00 Uhr Nun wird es aber langsam Zeit, ein loderndes Grillfeuer zu entfachen und für ein nahrhaftes Abendessen zu sorgen. Mit vereinten Kräften füllen wir Holzkohle in den Grill und stecken die in Spiritus getränkten Grillbriketts in Brand. Im Anschluss nehmen wir die gestern gefangenen Fische aus und sorgen im Handumdrehen für ein perfektes Nachtmahl – wie gut das duftet.
17.00 Uhr Endlich können wir uns an den Esstisch setzen und die Jause in vollen Zügen geniessen. Unter anderem kommt meine Schwägerin auf Guido zu sprechen und mutmasst, dass das schwarze Schaf der Familie bestimmt bald am Lake Simcoe eintreffen wird. Georg schüttelt entschieden den Kopf und meint, dass er den Gammler im Fall der Fälle eigenhändig vom Hof jagen wird – das hört man gerne.
19.00 Uhr Nach der Mahlzeit lassen wir den Abend vor der Glotze ausklingen und folgen interessiert den Nachrichten. Nebenher nippe ich zufrieden an einer Labatt Bierflasche und erkläre Edelbert, dass ich es mir durchaus vorstellen könnte, für immer am Lake Simcoe zu leben.


Das Bier fliesst in Strömen

20.00 Uhr Nachdem sich David auf sein Zimmer zurückgezogen hat, schalten wir auf den „MysteryTV“ Sender um und geben uns der Schauerserie „The Living and the Dead“ (löblich: Die Lebenden und die Toten) hin. Wir amüsieren uns köstlich und tauchen in das Leben eines englischen Farmers ein, der zum Ende des 19. Jahrhunderts einen Bauernhof bewirtschaftet und gegen übernatürliche Phänomene ankämpfen muss.
21.00 Uhr Als die erste Episode zu Ende geht, strecke ich mich ausgiebig und rufe Dixon ins Haus. Völlig erschöpft schleppe ich mich ins Bad und dusche mich kalt ab. Zu guter Letzt lösche ich das Licht und lege mich schlafen. Gute Nacht.