10. August 2017 – Holzarbeit und Leistenbrüche

08.00 Uhr Ich werde durch den Klang einer Gitarre geweckt und stelle beim Blick aus dem Fenster fest, dass sich James mit seiner Westernklampfe am Seeufer eingefunden hat. Natürlich rolle ich mich augenblicklich aus dem warmen Bett und zögere nicht, mich badebemäntelt an die Seite meines Neffen zu gesellen. Der Bube stimmt das schöne Lied „I Can’t Stop Loving You“ (löblich: Ich kann nicht aufhören dich zu lieben) an und berichtet, dass diese Komposition aus Don Gibsons Feder stammt. Ich nicke zustimmend und lasse mich am Steg nieder, um verträumt auf das stille Wasser zu spähen – was kann es schöneres geben.


Ich spähe auf den Lake Simcoe

08.30 Uhr Wenig später kommt Hund Dixon dazu und hüpft ausgelassen ins kühle Nass. Wir kommen aus dem Lachen gar nicht mehr heraus und werfen dem Vierbeiner Stöckchen zu.
09.00 Uhr Leider wird unser Müssiggang bald durch Amanda gestört. James Ehefrau schimpft wie ein Rohrspatz und erinnert, dass Maria gleich das Frühstück auftischen wird. Ich seufze laut und ziehe es vor, schnell im Badezimmer zu verschwinden und mich abzuduschen – da kommt Freude auf.
09.45 Uhr Kurz vor dem Zehnuhrläuten nehme ich am festlich gedeckten Küchentisch platz und kneife David (11) in die Backe. Maria verfrachtet einen stattlichen Haufen Bratkartoffeln auf meinen Teller und sagt, dass wir gleich nach Gilford krusen und Brennholz für den Winter einkaufen müssen. Georg schlägt in die gleiche Kerbe und rechnet vor, dass er bei seinem Stammhändler für einen Cubic Metre (auf deutsch: Raummeter) lediglich 60 Dollars bezahlen muss. Ich staune nicht schlecht und bringe weiter heraus, dass sich mein Bruder entschlossen hat, in diesem Jahr ausschliesslich Eichenholz zu verfeuern – das ist phantastisch.


Bratkartoffeln schmecken prima

10.30 Uhr Nach der Mahlzeit folge ich Georg und James zur Scheune und bemerke, dass der Holzvorrat fast aufgebraucht ist. Mein Bruder schenkt mir ein Lächeln und kündigt an, dass er mit vier Ster gut über den Winter kommen wird. Bevor ich antworten kann, drückt mir der gute Mann Arbeitshandschuhe in die Hände und ruft mich auf, den Autoanhänger zum JEEP zu schieben – wie unlöblich.
11.00 Uhr Als ich hart schufte, macht es sich Edelbert auf der Veranda bequem und behauptet, dass er in jungen Jahren einen Leistenbruch hatte und uns leider nicht zur Hand gehen kann. Ich werfe meinem Bekannten skeptische Blicke zu und verbinde den Anhänger mit der Kugelkopfkupplung des Geländewagens. Danach hüpfe ich auf den Rücksitz und rufe den Professor auf, während meiner Abwesenheit auf Dixon aufzupassen.
11.30 Uhr Kurz vor dem Mittagsläuten kommen wir mit quietschenden Bremsen vor „Hensons Firewood Shop“ zum Stehen und werden vom Geschäftsinhaber per Handschlag begrüsst. Der Heini rotzt kraftvoll in sein Taschentuch und sagt, dass er seine Handlanger beauftragen wird, das Brennholz auf den Anhänger zu verladen.
12.00 Uhr Während zwei dumm dreinschauende Knechte behäbig in die Gänge kommen, deutet Georg zum benachbarten „Mrs. Betty’s Mercantile Shop“ und meint, dass wir einen von Mrs. Betty selbstgebackenen Käsekuchen kaufen könnten – das hört sich verlockend an.
12.30 Uhr Nachdem wir auch Schokoladenkekse, Rasierklingen und Kerzen besorgt haben, kehren wir zum Holzgeschäft zurück und sehen uns genötigt, 120 Dollars zu bezahlen.


Ich lösche meinen Durst

13.15 Uhr Am Lake Simcoe angekommen, schlüpfe ich in die Arbeitshandschuhe und helfe James und Georg, das Holz in die Scheune zu schleppen. Ausserdem kippe ich mir ein eiskaltes Bier hinter die Binde und sehne mich nach Naples zurück. HEUREKA – diesen Stress hält nicht einmal der stärkste Rentner aus.
14.15 Uhr Nach getaner Arbeit ruft uns Maria ins Haus und verwöhnt uns mit einem delikaten Sahnegeschnetzelten. Darüber hinaus erzählt die Gute, dass sie die Sauce mit etwas Rosmarin verfeinert hat – das schmeckt.
15.00 Uhr Redlichst gestärkt verabschiede ich mich in die gute Stube und lege auf dem bequemen Lederkanapee die Beine hoch. Bereits nach wenigen Augenblicken döse ich ein und träume von meiner kleinen Villa in Florida.


Mein Zuhause unter Palmen

16.00 Uhr Kurze Zeit später wird die Ruhe durch das ohrenbetäubende Dröhnen eines Dieselmotors unterbrochen. Stinksauer laufe ich an die frische Luft und stelle mit grosser Sorge fest, dass James, David und Amanda mit dem Motorboot in See stechen wollen. Ich lege meine Stirn in Falten und lasse Georg wissen, dass sich dunkle Gewitterwolken am Himmel zusammengebraut haben. Mein Bruder winkt demonstrativ ab und meint, dass die jungen Leute bald zurück sein werden – das will ich hoffen.
16.30 Uhr Da ich mich nicht um alles kümmern kann, pfeife ich auf den Fingern und gehe mit Dixon Gassi. Ich folge dem Seeufer gen Süden und erblicke während des Spaziergangs zwei lustige Grauhörnchen, die Nüsse von einem hochgewachsenen Walnussbaum stibitzen – diese Idylle muss man erlebt haben.


Ein lustiges Grauhörnchen

17.30 Uhr Zurück am Ferienhaus werde ich von David freudig Willkommen geheissen. Der Bube präsentiert einen Eimer und vertellt, dass er das grosse Glück hatte, zwei Seesaiblinge zu fangen. Ich mache grosse Augen und vernehme, dass Maria die Lachsfische morgen im Olivenöl herausbraten wird – das gibt ein Festessen.
18.15 Uhr Ein nervenaufreibender Tag neigt sich langsam seinem Ende zu. Wir geniessen ein gemeinsames Abendessen in der guten Stube und tratschen nebenbei über dies und das. James legt besonders gute Laune an den Tag und unterbreitet, dass er morgen nach Toronto zurückfahren muss, um ein Konzert mit seiner Bande „FROG“ zu bestreiten. Als ich deprimiert drein blicke, beruhigt mich James redlichst und sichert zu, spätestens am Samstag Abend zurück zu sein – wie schön.
19.00 Uhr Während draussen ein Kuckuck singt, machen wir es uns vor der Glotze bequem und versüssen uns den Abend mit der amerikanischen Serie „Fargo“. Ich lehne mich entspannt zurück und tauche in das Leben einer Polizistin ein, die im ländlichen Beminji in Minnesota einen Doppelmord aufklären muss – da kommt Spannung auf.
21.00 Uhr Nach der zweiten Episode streiche ich die Segel und verabschiede mich ins Nebengebäude. Zum Abschluss dusche ich mich heiss ab und falle gähnend ins Bett. Gute Nacht.

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