10. Juli 2014 – Eine furchtbare Diagnose

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08.15 Uhr Ein neuer Tag beginnt und ich verspüre noch immer höllische Rückenschmerzen. Darüber hinaus habe ich auch noch grosse Probleme, mich aus dem Wasserbett zu rollen – wie unlöblich.
08.45 Uhr Als ich nach dreissig Minuten endlich im Badezimmer stehe, bemerke ich ausserdem, dass mein rechtes Bein unangenehm kribbelt. Ich fluche wie ein Bauarbeiter und entschliesse mich, Frau Pontecorvo anzurufen.
09.15 Uhr Wenig später steht die Dame vor der Haustüre und überreicht mir ECOTRIN Tabletten. Ich nehme die Schachtel argwöhnisch in Augenschein und informiere, dass ich ein stärkeres Medikament benötige.

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Eine Tasse Kaffee / Bild: Nevit Dilmen / CC BY-SA 3.0

09.45 Uhr Nachdem ich Bohnentrunk aufgebrüht und mich mit letzter Kraft ins Wohnzimmer geschleppt habe, nehme ich die Medizin ein und lasse meinen Gast wissen, dass ich übermorgen nach Tokio ausfliegen muss. Frau Pontecorvo überlegt ganz genau und sagt, dass es angebracht wäre, vorher einen Arzt aufzusuchen. Bevor ich Widerworte finde, nimmt die gute Seele das Telefon zur Hand und ruft bei Edelbert an. Der schlaue Mann macht sich die grössten Sorgen und sichert zu, in einer halben Stunde im Willoughby Drive zu sein – wie schön.
10.30 Uhr Als der Minutenzeiger meiner wertvollen ROLEX auf halb 11 deutet, klingelt es an der Türe und wir können den Professor begrüssen. Mein Bekannter reibt sich nachdenklich die Nase und unkt, dass ich mir gestern womöglich eine Zerrung zugezogen habe.

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Mein goldener Chronograh

11.00 Uhr Da die Schmerzen trotz weiterer ECOTRIN Dragees nicht abklingen wollen, zückt Edelbert sein strahlendes Handtelefon und macht es sich zur Aufgabe, Georg und Maria über meinen verheerenden Zustand in Kenntnis zu setzen. Mein Bruder gibt sich besorgt und rät, zum “Community Hospital” zu fahren. Ich rolle mit den Augen und bin mir sicher, dass der Arztbesuch ein Vermögen kosten wird.
11.45 Uhr Nach kurzem Überlegen willige ich ein und krieche auf allen Vieren in die Nasszelle, um mich frisch zu machen. Anschliessend zwänge ich mich in legere Kleidung und bitte Frau Pontecorvo, auf Hund Dixon aufzupassen.
12.30 Uhr Pünktlich zur Mittagszeit quäle ich mich auf den Beifahrersitz des schneeweissen JEEPS und fordere Edelbert mit erhobenem Zeigefinger auf, umsichtig zu fahren. Prof. Kuhn nickt eifrig und gleitet hupend aus dem Wohngebiet. Bei dieser Gelegenheit redet der Mann ohne Unterlass auf mich ein und beteuert, dass ich im Krankenhaus eine Spritze bekommen und spätestens in zwei Stunden Schmerzfrei sein werde – das will ich doch hoffen.
13.00 Uhr Am Ziel angekommen, hilft mir Edelbert aus dem Auto und begleitet mich zum Empfang. Dort heisst uns eine freundliche Afroamerikanerin herzlich Willkommen und erkundigt sich nach dem Rechten. Ich schildere der kleinen Frau meine Probleme und gebe zu Protokoll, dass ich grosse Schmerzen habe und kaum Laufen kann. Die Krankenhausmitarbeiterin fackelt nicht lange und unterbreitet, dass mit Rückenschmerzen nicht zu Spassen ist. Anschliessend greift die Gute zum Telefonhörer und kontaktiert einen muskelbepackten Pfleger, der mich in einen Rollstuhl verfrachtet und ins zweite Obergeschoss bringt.
14.00 Uhr Nach fünfundvierzig Minuten kommt Facharzt Dr. Rognatelli dazu und lässt sich mein Leiden ganz genau schildern. Während ich aus dem Plappern gar nicht mehr herauskomme, macht sich der Heini Notizen und kommt zu dem Ergebnis, dass höchstwahrscheinlich ein Bandscheibenvorfall (auf englisch: Herniated Disc) vorliegt.
14.45 Uhr Schlussendlich händigt uns der Mediziner Unterlagen für meine Krankenversicherung aus und führt uns in das nächste Behandlungszimmer, wo eine Computertomographie vorgenommen werden soll.
15.30 Uhr Während es sich Edelbert zeitungslesend im Wartezimmer bequem macht, werde ich von einer wortkargen Krankenschwester animiert, mich auf den Untersuchungstisch zu legen. Ich komme dem Aufruf anstandslos nach und registriere, wie die Pritsche automatisch in den futuristischen Röntgenapparat fährt. Die Maschine macht merkwürdige Geräusche und schon bald habe ich die Gewissheit, dass ich tatsächlich an einem Bandscheibenvorfall leide. Ich mache grosse Augen und gebe Dr. Rognatelli zu verstehen, dass ich morgen nach Japan ausfliegen wollte. Der Italoamerikaner schüttelt seufzend den Kopf und weist mich auf die Tatsache hin, dass ich innerhalb der nächsten 48 Stunden operiert werden muss – nun habe ich den Salat.

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Ich habe einen Bandscheibenvorfall

16.30 Uhr Stinksauer kehre ich ins Wartezimmer zurück und berichte dem Professor, dass ich die Reise vergessen und stattdessen mein Testament machen kann. Dr. Rognatelli wiegelt jedoch ab und informiert, dass eine minimalinvasive Operationsmethode angewandt wird, die es mir ermöglicht, das Krankenhaus nach zwei oder drei Tagen wieder zu verlassen. Wie nicht anders zu erwarten, kommt auch Prof. Kuhn auf unsere Forschungsreise zu sprechen und lotet aus, ob man einen Bandscheibenvorfall nicht mit Medikamenten heilen kann. Dr. Rognatelli nimmt Edelbert augenblicklich den Wind aus den Segeln und sagt, dass ich um eine zeitnahe Operation nicht herumkommen werde.
17.15 Uhr Letztendlich finden wir uns im Büro des Facharztes wieder und vereinbaren, dass am Samstag der Eingriff erfolgen soll. Ich blicke traurig drein und höre, dass morgen eine allgemeinen Untersuchung ansteht.

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Ich muss meine Japanreise leider absagen

18.00 Uhr Nachdem mir der Arzt eine schmerzstillende Spritze verabreicht und mich gebeten hat, am Freitag Nachmittag wiederzukommen, folge ich Edelbert zum Aufzug. Mein Bekannter gibt sich deprimiert und kündigt an, die Japanreise stornieren zu wollen. Ich winke jedoch ab und ermutige den schlauen Mann, sich die Vorfreude nicht nehmen zu lassen und ohne mich ins “Land des Lächelns” zu reisen.
18.45 Uhr Zuhause angekommen, werden wir von Maria und Georg sehnlichst erwartet. Die lieben Leute haben es sich mit Frau Pontecorvo auf der Terrasse gemütlich gemacht und staunen nicht schlecht, als ich ihnen von der Untersuchung erzähle. Anstatt in Tränen auszubrechen, wird mein Bruder hellhörig und meint, dass es ein Vergnügen wäre, für mich einzuspringen und Edelbert nach Japan zu begleiten.
19.30 Uhr Während die beiden die AIR CANADA Heissleine (unlöblich: Hotline) anrufen und die Flug- bzw. Hotelumbuchung in die Wege leiten, humple ich in die Küche und fülle Dixons Napf mit Trockenfutter auf. Maria leistet mir Gesellschaft und bereitet währenddessen Wurstbrote zu.

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Ich beisse kraftvoll zu

20.30 Uhr Als ich kraftvoll zubeisse, kommt mein Bruder freudestrahlend dazu und sagt, dass er mittlerweile Nägel mit Köpfen gemacht und Prof. Kuhn nach Japan begleiten wird. HEUREKA – das ist ja allerhand. Meine Schwägerin ist begeistert und sagt, dass sie noch heute Wäsche waschen und Georgs Koffer packen wird.
21.15 Uhr Nachdem meine Verwandten Lebewohl gesagt haben, trinke ich mit Frau Pontecorvo und Edelbert noch einen Schluck Wein. Nebenher streichle ich dem Vierbeiner über den Kopf und erzähle ihm, dass er in den nächsten Tagen ohne mich auskommen muss. Meine Nachbarin greift nach meiner Hand und verspricht, Dixon während meines Krankenhausaufenthalts in Pflege zu nehmen – wie schön.
22.00 Uhr Nun wird es aber langsam Zeit, die lieben Menschen zu verabschieden und mich schlafen zu legen. Völlig erschöpft quäle ich mich ins Schlafzimmer und bette mich zur Ruhe. Gute Nacht.