19. Mai 2017 – Lake Berryessa

08.00 Uhr Auch heute hüpfe ich voller Vorfreude aus dem Bett und kann es kaum noch erwarten, einen weiteren Rundgang über das Campusgelände der Berkeley Universität zu unternehmen. Um nicht noch mehr Zeit zu vertrödeln, öffne ich das Fenster und führe die Morgengymnastik durch – wer rastet, der rostet.
09.00 Uhr Nach dem Waschvergnügen schlüpfe ich in eine legere Tschienshose sowie ein schwarzes T-Hemd und lasse es mir nicht nehmen, Edelbert einen Besuch abzustatten. Mein Bekannter wünscht mir einen schönen Tag und plappert, dass wir jetzt frühstücken und anschliessend zur “Tolman Hall” spazieren sollten. Als ich genauer nachfrage, erhebt der Professor den Zeigefinger und informiert, dass er in besagtem Gebäude jahrelang Vorlesungen abgehalten hat – wie aufregend.
09.45 Uhr Nachdem wir ein spärliches Frühstück in der Cafeteria der “Alpha Gamma Omega” Studentenverbindung eingenommen haben, vertreten wir uns die Beine und passieren unter anderem die “Soda Hall”, in der neukluge Heimrechnerexperten ausgebildet werden. Edelbert schnalzt mit der Zunge und setzt mich darüber in Kenntnis, dass in dieser Einrichtung Herr Eric Brewer, der Erfinder der drahtlosen Netzwerke gearbeitet hat – jaja.


Auf dem Campus gibt es viel zu sehen

10.30 Uhr Schlussendlich betreten wir die “Tolman Hall” und ich lerne, dass dieser vierstöckige Bau vom weltbekannten Architekten Le Corbusier entworfen wurde. Prof. Kuhn lotst mich zielsicher durch die Gänge und erzählt, dass sein ehemaliges Büro im zweiten Stock zu finden war. Darüber hinaus erfahre ich, dass der Professor während seiner Dozentur nicht auf dem Campus gelebt, sondern ein schickes Haus in North Berkeley bewohnt hat. Mein Bekannter seufzt laut und beteuert, dass seine Lehrzeit an der Universität von Kalifornien sehr spannend war.
11.15 Uhr Wenig später stehen wir wieder auf der Strasse und fassen den Entschluss, den Heimweg anzutreten. Um etwas Abwechslung zu bekommen, wandern wir durch den “Chancellor’s Garden” und haben währenddessen das Vergnügen, hochgewachsene Pinien zu sehen. Mein Begleiter steckt sich seine Pfeife an und unterbreitet, dass er sich an diesem Ort sehr gerne auf seine Vorlesungen vorbereitet hat – das hört man gerne.


Im Chancellor’s Garden gibt es viele Pinien

11.45 Uhr Weil das kulinarische Wohl nicht zu kurz kommen darf, kehren wir kurzerhand ins gutbesuchte “Pizzahhh” Gasthaus ein, um hausgemachte Nudeln mit Fleischbällchen zu fressen. Nebenher komme ich auf unseren geplanten Abstecher zum Lake Berryessa zu sprechen und gebe zu Protokoll, dass wir bald losfahren sollten. Mein Tischnachbar nickt eifrig und schlürft genüsslich an seiner Diät Cola – da kommt Freude auf.
12.30 Uhr Als der Minutenzeiger meiner ROLEX auf halb Eins zugeht, schlendern wir zum Chevrolet Tahoe und vereinbaren, dass Edelbert die knapp siebzigminütige Reise auf sich nehmen wird. Ich nehme entspannt auf dem Beifahrersitz Platz und verrate dem Professor, dass der Zodiac Killer zwei Monate nach dem Überfall auf die Kellnerin Darlene Ferrin und ihrem Begleiter Michael Mageau an besagtem Stausee sein Unwesen getrieben hat.
13.15 Uhr Während Edelbert auf der Interstate 80 gen Norden krust, berichte ich ausserdem, dass der Meuchelmörder am Nachmittag des 27. September 1969 in einem langen Mantel mit Henkerskapuze die 22jährige Cecelia Shepard sowie den 20jährigen Bryan Hartnell mit Messerstichen malträtiert hat. Edelbert stimmt zu und erinnert, dass der Serienkiller zur gleichen Zeit diverse Briefe an den “San Francisco Chronicle”, der “Vallejo Times” und dem hiesigen “Examiner” verfasst hat – wie wahr.

Robert Graysmith schreibt in seinem Roman “Zodiac” folgendes:

Die Kapuze reichte vorne und hinten bis fast zur Taille hinunter, während sie seitlich an den Schultern endete. Sie war oben flach und an den Rändern mit Ziernähten versehen. Auf der latzartigen Vorderseite war ein weißes Kreuz in einem Kreis zu sehen. Die Enden des Kreuzes ragten über den Kreis hinaus. Das Kreuz schimmerte orangefarben in der untergehenden Sonne und war sehr sauber angenäht.

13.45 Uhr Nachdem wir die Gemeinde Vallejo hinter uns gelassen haben, erreichen wir endlich den Lake Berryessa, der um das Jahr 1843 von den ersten europäischen Siedlern angelegt wurde. Wir parken das Mietauto auf dem Rastplatz und nehmen uns das Recht heraus, auf Schusters Rappen zum Ufer zu laufen.
14.15 Uhr Am Ziel angekommen deutet Edelbert zu einer vorgelagerten Insel und mutmasst, dass die Opfer hier ein Picknick abgehalten und vom Zodiac überrascht wurden. Ich schlage in die gleiche Kerbe und stelle klar, dass der Mörder nach der Tat nicht nur sein Erkennungszeichen, sondern auch die Daten der anderen Verbrechen in die Autotüre der Opfer geritzt hat – wo soll das noch hinführen.

15.00 Uhr Bei angenehmen Temperaturen machen wir kehrt und gönnen uns in einem Restaurant ein kleines Mittagessen. Als wir kraftvoll zubeissen, macht mich der Professor auf den Umstand aufmerksam, dass der Zodiac am 11. Oktober 1969 ein letztes Mal im Stadtteil Presidio Heights in San Franzisko in Erscheinung trat und einen Taxifahrer mit einem gezielten Kopfschuss niederstreckte. Ich stimme uneingeschränkt zu und erwähne, dass bis 1974 weitere Morde verübt wurden, die möglicherweise auch dem Zodiac zugeschrieben werden können.

Täterbeschreibung vom 11. Oktober 1969:

175 bis 180 Zentimeter gross und stämmig. Schwarze Jacke mit Reissverschluss, dunkle Hose, brauner Bürstenschnitt, fünfunddreissig bis fünfundvierzig Jahre alt; Brillenträger.

16.00 Uhr Redlichst gestärkt hüpfen wir ins Auto und rasen in Richtung Berkeley davon. Beiläufig recherchiere ich im Internetz und bringe in Erfahrung, dass sich der Journalist Robert Graysmith dem Fall annahm und gemeinsam mit dem Polizeibeamten Dave Toschi geheime Ermittlungen anstellte. Die beiden konnten den vorbestraften Hausmeister Arthur Leigh Allen mit einigen Morden in Verbindung bringen und drei Durchsuchungsbeschlüsse erwirken. Leider stimmte die DNA des Mörders nicht mit der von Allen überein – wie schade.


Das Zeichen des Zodiac Killers

17.00 Uhr Sechzig Minuten später finden wir uns wieder auf dem Campus der “University of California” ein. Wir schleppen uns mit letzter Kraft ins Verbindungsheim und suchen Herrn Boetticher Büro auf. Der Wissenschaftler begrüsst uns herzlich und kredenzt lustige Sandwiches (löblich: Wurstbrote) sowie brühfrischen Kaffee. Wir greifen beherzt zu und lassen den Heini an unseren Tageserlebnissen teilhaben. Herr Boetticher folgt unseren Ausführungen mit grossem Interesse und meint, dass der Zodiac Killer die Menschen damals in Angst und Schrecken versetzte – das glaube ich gerne.


Wir beissen kraftvoll zu

18.00 Uhr Nun wird es aber langsam Zeit, Hände zu schütteln und uns auf die Zimmer zu verabschieden. Ich wünsche Edelbert eine ruhige Nacht und ziehe es vor, den Abend vor der Glotze ausklingen zu lassen. Zudem rufe ich bei meinen Verwandten in Florida an und erkundige mich nach Dixon. Meine Schwägerin steht mir artig Rede und Antwort und versichert, dass es dem Rüden an nichts fehlt – wie beruhigend.
19.00 Uhr Nach den Nachrichten wechsle ich auf den Spartenkanal KOFY-TV und fröne dem Fernsehformat “MacGyver”. Das Fernsehspiel aus den späten 1980er Jahren erzählt die Geschichte eines Geheimagenten, der es immer wieder schafft, sich aus ausweglosen Situationen zu befreien – das macht Spass.
20.00 Uhr Weil mir langsam die Augen zufallen, beende ich den Fernsehabend und lösche sämtliche Lichter. Anschliessend reguliere ich die Klimaanlage und döse prompt ein. Gute Nacht.