17. April 2013 – Appalachian Trail Tag 8 – Tricorner Knob Shelter

tag8

08.00 Uhr Ich erwache ausgeschlafen und fühle mich prima. Da eine 12 Meilen Wanderung bevorsteht, hüpfe ich aus dem warmen Bett und rufe kurzerhand bei Edelbert an. Der Professor begrüsst mich überschwänglich und sagt, dass wir uns in einer Stunde an der Rezeption des “Hilton Garden Inn” treffen sollten. Der gute Mann kommt auch auf die Verpflegung zu sprechen und behauptet, dass wir nach dem Frühstück im benachbarten “Park Plaza Center” abschoppen müssen – das sehe ich genauso.
09.00 Uhr Nachdem ich mich geduscht und den Rucksack gepackt habe, eile ich mit Hund Dixon im Schlepptau ins Parterre und schüttle Edelberts Hand. Mein Bekannter rückt seine Sonnenbrille zurecht und informiert, dass bestes Wetter vorherrscht. Ich nicke eifrig und gebe dem Schnösel an der Rezeption die Zimmerkarte zurück. Zudem begleiche ich die Rechnung und sehe mich genötigt, 87 Dollars für die Getränke aus der Minibar bezahlen zu müssen – wo soll das noch hinführen.
09.30 Uhr Nach einer kleinen Stärkung im Frühstücksraum verlassen wir die Herberge und erwerben im “Smokey Market” Käsekräcker, Äpfel, ionisiertes Mineralwasser, Willy Wonka Laffy Taffy Schokoladenriegel, luftgetrocknete Salami, Brot, Instandkaffee, Müsliriegel, Batterien sowie weitere Produkte des täglichen Bedarfs.
10.15 Uhr Danach folgen wir der River Road gen Nordosten und nehmen uns das Recht heraus, ein Taxi aufzuhalten. Wir verfrachten die Rucksäcke in den Kofferraum und bitten den Fahrer, uns in die Great Smoky Mountains zu kutschieren. Der Schoffeur schnippt mit den Fingern und mutmasst, dass wir den Appalachian Trail ablaufen wollen. Ich stimme uneingeschränkt zu und frage den Mann bezüglich der Bostoner Terroranschläge aus. Unter anderem erfahren wir, dass die Ermittler noch keine konkreten Hinweise auf die Täter haben. Ausserdem hat sich bis jetzt noch keiner gemeldet und sich als Drahtzieher dieses feigen Anschlags zu erkennen gegeben – wie unlöblich.

gsmpark

11.00 Uhr Als der Stundenzeiger meiner wertvollen ROLEX auf 11 deutet, tritt der Taxifahrer auf die Bremse und wünscht uns viel Glück. Ich seufze laut und stecke dem Heini ein stattliches Trinkgeld zu.
11.30 Uhr Anschliessend nehme ich den Vierbeiner an die Leine und verschwinde winkend in der Wildnis. Edelbert tut es mir gleich und kündigt an, dass wir die Nacht im “Tricorner Knob Shelter” verbringen werden. Nebenbei navigiert der Professor mit seinem Handtelefon durchs Internetz und macht mich auf einen Wikipedia Artikel aufmerksam. Mein Begleiter kommt aus dem Plappern gar nicht mehr heraus und meint, dass die besagte Berghütte zu den ältesten Unterständen auf dem Trail zählt – das soll mir auch Recht sein.
12.15 Uhr Pünktlich zur Mittagszeit vernehmen wir ein eigenartiges Knirschen im Unterholz. Natürlich halten wir spornstreichs inne und werden auf ein grasendes Reh aufmerksam. Ich schwinge den Wanderstock und lasse Edelbert wissen, dass von diesem Tier keine Gefahr ausgeht. Edelbert wischt sich den Angstschweiss von der Stirn und zündet sich eine MORLEYS Zigarette an – wie unlöblich.
13.30 Uhr Nach 90 schweisstreibenden Minuten stehen wir plötzlich an einem Bach. Zu allem Überfluss sehen wir uns mit zwei leichtbekleideten Frauenzimmern konfrontiert, die ihre Käsefüsse im kühlen Nass baden. Wie es sich gehört, lüfte ich meine NY YANKEES Kappe und wünsche den Damen einen guten Tag. Prompt machen wir uns bekannt und verabreden, dass wir bis zum Abend gemeinsam wandern werden.
14.45 Uhr Während wir bergab laufen, erfahren wir, dass Addison (27) und Sofia (26) Studentinnen sind und an der “Georgia State University” das Lehrfach Musik belegt haben. Ich kratze mich nachdenklich an der Schläfe und behaupte, dass derzeit gar keine Semesterferien sind. Frau Addison nickt zustimmend und sagt, dass etwas Abwechslung nicht schaden kann – das ist wieder typisch.

at04
Der Appalachian Trail

15.45 Uhr Nach einem vierstündigen Marsch schieben sich plötzlich dunkle Gewitterwolken vor die Sonne. Ich spähe skeptisch in den Himmel und gebe vor, dass wir einen Zahn zulegen sollten. Frau Sofia wirft Dixon ein Stöckchen zu und sagt, dass die “Tricorner Knob Schützhütte” nur noch 3 Meilen entfernt liegt. Da es nun wieder bergauf geht, nehme wir alle Kraft zusammen und schaffen die Wegstrecke innerhalb einer knappen Stunde – das soll uns erst mal einer nachmachen.
16.45 Uhr Just als es zu regnen beginnt, erreichen wir unser Ziel und stellen fest, dass wir uns den Shelter mit einem Wanderpärchen aus North Carolina teilen müssen. Trotz aller Widrigkeiten lasse ich mir die gute Laune nicht verderben und steige aus den nassen Schuhen. Darüber hinaus versorge ich Dixon mit einer Portion Trockenfutter und vergesse auch nicht, ihm etwas Wasser zu kredenzen. Ausserdem brühe ich über dem Lagerfeuer frischen Bohnentrunk auf und lasse es mir nicht nehmen, auch den anderen Leuten Heissgetränke anzubieten.
18.00 Uhr Während es wie aus Kübeln schüttet, tratscht Edelbert mit den Anwesenden und berichtet, dass wir in sieben Tagen in der Kleinstadt Hot Springs sein werden. Addison hat nur ein müdes Lächeln übrig und wirft ein, dass sie mit ihrer Freundin weiter zum 1.963 Meilen entfernten Mount Katahdin spazieren wird – wie aufregend.
19.00 Uhr Weil mein Magen knurrt, packe ich die Vorräte aus und genehmige mir drei Wurstbrote mit Salami und Käse. Dazu gibt es vitaminreiche Laffy Taffys sowie einen Apfel. Unterdessen nehme ich mein praktisches NOKIA Handtelefon in Betrieb und lausche stimmungsvollen Landmusikklängen – was kann es schöneres geben.

nokiahandtelefon

20.00 Uhr Nachdem wir die Lebensmittel in einem zerbeulten Metallcontainern deponiert haben, breite ich den Schlafsack aus und bette mich zur Ruhe. Danach segle ich mit dem Handtelefon durch das Internetz und bringe heraus, dass das FBI unter Hochdruck Zeugen sucht, die das Terrorattentat in Boston aus nächster Nähe miterlebt haben. Ein Ermittler erklärte in diesem Zusammenhang, dass die bisher zusammengetragene Indizien ausreichen werden, um das Attentat lückenlos aufzuklären – wie schön.
20.30 Uhr Dummerweise tratschen Frau Addison und Sophia ohne Unterlass und erzählen sich Gruselgeschichten. Unter anderem vernehme ich das Märchen eines Meuchelmörders namens “Bloody Face” (löblich: Blutgesicht), der in dieser Gegend mehrere Wanderer ermordet hat – wie schrecklich. Um keine Albträume zu bekommen, halte ich mir die Ohren zu und denke an meine kleine Villa im Willoughby Drive. Gute Nacht.