2. Juli 2018 – Nichts als Ärger

08.00 Uhr Ich werde durch sehr aggressive Hartfelsenmusik geweckt. Brüllend und mit der GLOCK im Anschlag renne ich ins Wohnzimmer und sehe mich dort mit meinem Hausgast konfrontiert. Während Sandra grosse Augen macht, erhebe ich mahnend den Zeigefinger und fordere meine Mieterin auf, die Musik leiser zu stellen. Anstatt dem Aufruf nachzukommen, deutet das Kind auf den entsicherten Revolver und beteuert, dass sie gleich die Cops anrufen und mich verhaften lassen wird – gleich platzt mir der Kragen.


Ich bringe Kimme und Korn in Einklang

08.30 Uhr Weil mir meine Gesundheit sehr am Herzen liegt, verabschiede ich mich nach dem Streitgespräch in den Garten und stähle meine Glieder bei der täglichen Morgengymnastik. Nebenher habe ich das Vergnügen, mit Herrn Booths Nichte sprechen zu können. Natürlich klage ich Fräulein Melody mein Leid und mache sie auf den Umstand aufmerksam, dass ich seit gestern einen Gast in der kleinen Villa beherberge. Selbstverständlich lasse ich kein gutes Haar an Sandra und informiere, dass das dumme Mädchen sehr unordentlich ist und unentwegt ohrenbetäubender Negermusik frönt – wo soll das noch hinführen.
09.00 Uhr Als der Stundenzeiger meiner wertvollen ROLEX auf 9 zugeht, wünsche ich Melody einen schönen Tag und ziehe es vor, im Bad zu verschwinden. Wie es sich gehört, nehme ich mit einem Wirbelbad Vorlieb und mache es mir ausserdem zur Aufgabe, mit Edelbert zu telefonieren. Unter anderem lade ich den schlauen Mann in mein kultiviertes Zuhause ein und merke an, dass wir die Planungen für die 4th of July Grillfeier vorantreiben müssen. Leider erteilt mir der Professor eine Absage und meint, dass er keine grosse Lust hat, mit Sandra den Vormittag zu verbringen. Stattdessen ermutigt mich der gute Mann, ins Zentrum zu kommen und ihn im “The Cafe” an der 5th Avenue South zu treffen – das hört sich verlockend an.
10.00 Uhr Voller Vorfreude beende ich den Badespass und kehre in die gute Stube zurück. Zu allem Überfluss stelle ich fest, dass Sandra mittlerweile den Esstisch mit dem besten Geschirr eingedeckt und Kaffee aufgebrüht hat. Ich zucke jedoch mit den Schultern und lasse die Maid wissen, dass ich die wichtigste Mahlzeit des Tages auswärts einnehmen werde. Bevor ich mich versehe, schnappt sich Sandra den Autoschlüssel von der Küchenablage und wirft ein, dass sie mich in die Stadt begleiten wird – nun schlägt es aber gleich Dreizehn.


Es gibt Kaffee / Bild: Nevit Dilmen / CC BY-SA 3.0

10.30 Uhr Da sämtliche Einwände keine Wirkung zeigen, gebe ich letztendlich klein bei und gebe meiner Mieterin zu verstehen, dass wir Prof. Kuhn im “The Cafe” treffen werden. Sandra reibt sich die Hände und entgegnet, dass sie das Steuer übernehmen und mich in die Innenstadt kutschieren wird – jaja.
11.15 Uhr Kurz nach dem Elfuhrläuten erreichen wir unser Ziel und können den PS-strotzenden Chevrolet unweit der Gaststätte parken. Während Sandra unentwegt plappert und in Richtung der benachbarten “Engel & Völkers” Filiale deutet, kommt plötzlich Edelbert des Weges und begrüsst uns herzlich. Da mein Magen eigenartige Knurrlaute von sich gibt, kehren wir spornstreichs in das Restaurant ein und ordern grosse Frühstücke mit Kaffee.
11.45 Uhr Während wir kraftvoll zubeissen, komme ich auf den 4. Juli zu sprechen und unterbreite, dass ich am Mittwoch Abend eine kleine Feier veranstalten werde. Ferner kündige ich an, dass ich nicht nur köstliches Fleisch auf den Grill werfen, sondern auch leckere Salate auftischen werde. Der Professor leckt sich die Lippen und verspricht, etliche Flaschen Wein zur Sause beizusteuern – das ist die beste Nachricht des ganzen Tages.
12.30 Uhr Nach der reichhaltigen Mahlzeit begleichen wir die Rechnung und brechen mit Hund Dixon im Schlepptau zu einem Spaziergang durchs Zentrum auf. Unterdessen fällt uns auf, dass viele Gewerbetreibende derzeit mit besonders stattlichen Rabatten locken. Sandra ist begeistert und sagt, dass sie morgen abermals in die Innenstadt krusen und sich eine modische RAY BAN Sonnenbrille kaufen wird – das ist mir Wurst.
13.15 Uhr Schlussendlich schütteln wir Hände und wünschen Edelbert einen schönen Nachmittag. Im Anschluss helfe ich Dixon auf die Ladefläche des SUV und bitte Sandra, mich sicher in den Willoughby Drive zurückzubringen.


Mein Zuhause unter Palmen

14.00 Uhr Zuhause angekommen, schlüpfe ich aus den Flip Flops und rufe Sandra auf, den Besen hervorzuholen und den Küchenboden zu säubern. Das Kind hält nur Maulaffen feil und sagt, dass es nun zum Strand krusen wird.
15.00 Uhr Nachdem ich mich für eine knappe Stunde aufs Sofa gelegt habe, öffne die Augen und freue mich, die kleine Villa friedlich vorzufinden. Erleichtert schwinge ich mich vom Sofa und brühe echten Bohnenkaffee aus dem Hause JACOBS auf. Dazu gibt es mehrere Donuts aus dem PUBLIX Supermarkt – schmeckt gar nicht schlecht.
15.30 Uhr Anschliessend setze ich mich an den Schreibtisch und kümmere mich um die Anschnurseelsorge. Wie fast jeden Tag, nehme ich auch heute Hilferufe besorgter Heimseitenbesucher in Augenschein und rate einer Mutter aus Duisburg, mit ihrer 19jährigen Tochter nicht zu zimperlich umzugehen – wo kämen wir denn da hin.
16.30 Uhr Zum Abschluss der Anschnursitzung überfliege ich die Einträge im Gästebuch und gehe dann von der Leine, um für ein nahrhaftes Abendessen zu sorgen. Um nicht noch mehr Zeit zu vertrödeln, erwärme ich im Kleinwellenofen (unlöblich: Mikrowelle) ein tiefgekühlte italienisches Nudelschichtgericht (unlöblich: Lasagne).


Sandra krust zum Naples Manor Motel

17.30 Uhr Just als ich die Küchenarbeitsfläche abwische, bimmelt das Telefon und Sandra meldet sich im Rohr. Das Mädchen redet ohne Unterlass auf mich ein und sagt, dass die Carol Wang im “Naples Manor Motel” besuchen und nicht vor Mitternacht nach Hause kommen wird. Ich atme tief durch und wünsche der Maid einen angenehmen Abend. Danach stelle ich das Farbfernsehgerät an und erfahre in den Nachrichten, dass am Wochenende ein Tiefdruckgebiet über Florida ziehen und für kühlere Temperaturen sorgen wird – wie schön.
19.00 Uhr Um etwas Abwechslung zu bekommen, gebe ich mich zur besten Sendezeit dem mehrteiligen Serienerfolg “The Handmaid’s Tale” hin. Das Fernsehspiel basiert auf dem gleichnamigen Zukunftsroman von Margaret Atwood und schildert das Leben der jungen June Osborne, die in naher Zukunft in einem fundamentalistischen Staat lebt – wie schrecklich.
21.00 Uhr Nach drei nervenaufreibenden Episoden beende ich den Fernsehabend und lösche sämtliche Lichter. Zu guter Letzt spüle ich meinen trocknen Hals mit einem Schluck Diät Cola durch und lege mich schlafen. Gute Nacht.