11. Mai 2018 – Ein Geschenk für Amanda

07.45 Uhr Kurz vor dem Achtuhrläuten schrillt das Telefon und ich werde aus einem schönen Traum gerissen. Zu meiner Freude meldet sich Maria in der Leitung und erzählt, dass Amanda am kommenden Montag ihren Geburtstag feiern wird. Ich reibe mir gähnend den Schlaf aus den Augen und entgegne, dass ich den Termin fast vergessen hätte. Ruckzuck hüpfe ich aus dem Bett und lasse meine Schwägerin wissen, dass ich gleich nach dem Frühstück in die Stadt krusen und ein Geschenk für James Ehefrau besorgen werde – das ist doch eine Selbstverständlichkeit.


Amanda feiert bald Geburtstag

08.30 Uhr Nachdem ich erfahren habe, dass Georg und Maria Ende Mai nach Florida kommen werden, beende ich das Telefonat und schicke mich an, die Morgengymnastik auf der Terrasse zu absolvieren – das macht Spass.
09.00 Uhr Im Anschluss entspanne ich mich bei einem erfrischenden Wirbelbad und telefoniere mit Edelbert. Selbstverständlich komme ich auch auf Amandas Geburtstag zu sprechen und erkläre dem schlauen Mann, dass ich genötigt bin, ein kleines Vermögen in ein Präsent zu investieren. Darüber hinaus kündige ich an, in die Stadt krusen und in einschlägigen Boutiquen nach einem Geschenk Ausschau halten zu wollen. Anstatt mich zu begleiten, windet sich mein Bekannter aus der Verantwortung und beteuert, dass er eine ruhige Kugel in seiner Stadtwohnung schieben und etwas lesen möchte – das ist wieder typisch.
10.00 Uhr Kopfschüttelnd beende ich das Badevergnügen und hole farbenfrohe Freizeitkleidung aus dem begehbaren Schrank. Danach werfe ich mich in Schale und nehme in Hund Dixons Gesellschaft die wichtigste Mahlzeit des Tages ein. Nebenher blättere ich interessiert in der Tageszeitung und lerne, dass in der übernächsten Woche Pfingsten (unlöblich: Pentecost) gefeiert wird – wie aufregend.
10.30 Uhr Mit vollem Magen nehme ich die leistungsstarke Geschirrspülmaschine in Betrieb und ziehe es vor, den Vierbeiner an die frische Luft zu scheuchen und am Nachbarhaus zu klingeln. Frau Pontecorvo öffnet prompt die Pforte und drückt mir ein schmatzendes Bussi auf die Wange. Ich mache grosse Augen und berichte der Perle, dass ich ein Geburtstagsgeschenk für Amanda benötige. Leider erteilt mir auch meine Nachbarin eine Absage und meint, dass sie gleich eine Freundin treffen wird – wie schade.
11.00 Uhr Deprimiert helfe ich Dixon auf die Ladefläche des Chevrolets und gleite nörgelnd von dannen. Zudem mache ich mir eigene Gedanken und spiele mit der Idee, Amanda mit einem praktischen Kopftopf zu überraschen.
11.30 Uhr Wenig später komme ich vor dem WAL MART am Juliet Boulevard zum stehen und erkläre meinem tierischen Begleiter, dass er mich leider nicht in die Markthalle begleiten kann. Weil es sehr heiss ist, stelle ich die Klimaanlage auf die höchste Stufe und verspreche Dixon, dass ich in einer dreiviertel Stunde zurück sein werde. Anschliessend verabschiede ich mich winkend in den Flachbau und steuere zielsicher die Küchen- und Geschirrabteilung an, um nach preiswerten Schnäppchen zu suchen – leider ohne Erfolg.
12.00 Uhr Missmutig schlendere ich weiter durch den Markt und komme zu dem Schluss, dass auch ein Laubbläser aus dem Hause BLACK & DECKER kein geeignetes Geschenk für Amanda darstellt. Schlussendlich finde ich mich in der Drogerieabteilung wieder und ringe mich dazu durch, ein sündteures JIMMY CHOO Duftset für 129 Dollars auszuwählen. Ich staune nicht schlecht und erkenne, dass in der aufwendig gestalteten Verpackung nicht nur der edle Duft “Illicit”, sondern auch eine feuchtigkeitsspendende Bodylotion (löblich: Körperkreme) enthalten ist.


Das Präsent trifft am Montag in Toronto ein

12.45 Uhr Nach dem Bezahlvorgang werde ich an der hauseigenen Poststelle vorstellig und nehme mir das Recht heraus, nette Worte auf eine Geburtstagskarte zu kritzeln und das Geschenk in einen gepolsterten Versandkarton zu verfrachten. Ferner erkundige ich mich beim Postbeamten, ob die Lieferung bis zum kommenden Montag in Toronto eintreffen wird. Der Knecht nickt eifrig und knöpft mir für den Expressversand weitere 18 Dollars ab.
13.15 Uhr Fix und Foxi schlendere ich zum Auto und entschliesse mich, als nächstes mit Hund Dixon in die benachbarte McDonalds Schnellgaststätte einzukehren. Weil mein Magen knurrt, fackle ich nicht lange und ordere lustige Burger, Kartoffelstäbe sowie einen “Southwest Chicken Salad” (löblich: Südwestlicher Hühner Salat).
14.00 Uhr Nach der Jause trete ich die Heimreise an und komme zu dem Ergebnis, dass ich dem Stress kaum noch gewachsen bin. Vielleicht wäre es doch schlauer, mein Zuhause zu veräussern und ins “Shady Pines” Seniorenwohnheim umzuziehen – was muss ich denn noch alles ertragen.
14.45 Uhr Just als Petrus die Himmelspforten öffnet und es regnen lässt, treffe ich zu Hause ein. Mit letzter Kraft schleppe ich mich in die kleine Villa, um mich auf dem Kanapee zur Ruhe zu betten – das tut gut.
15.45 Uhr Ich öffne die Augen und registriere, dass es immer noch wie aus Kübeln schüttet. Weil man bei diesem Sauwetter nicht aus dem Haus gehen kann, setze ich mich an den Schreibtisch und komme meinen Pflichten als staatlich anerkannter Anschnurseelsorger nach – mir bleibt wirklich gar nichts erspart.


Ich beisse kraftvoll zu

16.45 Uhr Nach getaner Arbeit gehe ich von der Leine und bereite mir in der Küche ein kleines Abendessen vor. Um nicht stundenlang am heissen Herd stehen zu müssen, koche ich kurzerhand italienische Langnudeln auf. Dazu zaubere ich ein leckeres Tomatensösschen mit einem Schuss Olivenöl – wie gut das duftet.
18.00 Uhr Redlichst gestärkt verabschiede ich mich in den Feierabend und mache es mir in der klimatisierten Wohnstube bequem. Während der Regen an die Fensterscheiben trommelt, gebe ich mich den Abendnachrichten auf FOX hin und mache mich über die tagesaktuellen Geschehnisse in der Welt schlau.

19.00 Uhr Nachdem ich mich auf den neuesten Stand gebracht habe, nehme ich mit dem NETFLIX Programm Vorlieb und fröne dem Kriminalfilm “Super Dark Times”. Die erste Regiearbeit des Filmemachers Kevin Phillips handelt von desillusionierten Jugendlichen, die eines Tages in den Wald ziehen, um mit einem Samuraischwert zu spielen. Dummerweise kommt es dabei zu einem tragischen Unfall – wie schrecklich.
21.00 Uhr Als nach knapp zweistündiger Spitzenunterhaltung der Abspann über die Mattscheibe flimmert, betätige ich gähnend den OFF (löblich: AUS) Knopf auf der Fernbedienung. Zu guter Letzt lösche ich sämtliche Lichter und falle erschöpft ins Bett. Gute Nacht.

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