11. April 2018 – Der Einschreibebrief

08.00 Uhr Als ich mich aus dem Bett rolle, klingelt es plötzlich an der Haustüre. Während Dixon aufgeregt bellt, werfe ich mir den Morgenmantel über und öffne spornstreichs die Pforte. Zu allem Überfluss sehe ich mich mit einem Postboten konfrontiert, der mir einen Registered Letter (löblich: Einschreibebrief) unter die Nase zählt. Ich gebe mich skeptisch und erfahre beim Blick auf den Absender, dass der Brief aus dem Rathaus stammt – wie eigenartig.
08.45 Uhr Nachdem ich den Postangestellten vom Grundstück gescheucht habe, reisse ich das Kuvert auf und lerne, dass sich die Stadtoberen während einer Gemeinderatsitzung entschlossen haben, die Strommasten im Willoughby Drive zu erneuern. Ich schlage entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen und lese weiter, dass städtische Angestellten bereits in der kommenden Woche mit den Arbeiten beginnen werden – wie unlöblich.


Mein Zuhause unter Palmen

09.15 Uhr Um meinem Ärger Luft machen zu können, eile ich zum Nachbarhaus und erkläre Herrn Booth mit erhobenem Zeigefinger, dass wir Monatelang keinen Strom haben werden. Der hochdekorierte Vietnamveteran beschwichtigt mich sofort und unterbreitet, dass er gerade mit den Verantwortlichen telefoniert und erfahren hat, dass lediglich am kommenden Montag für wenige Stunden der Strom abgestellt werden wird – wie schrecklich.
09.45 Uhr Nachdem ich kein gutes Haar an Bürgermeister Bill Barnett gelassen habe, kehre ich kopfschüttelnd in die kleine Villa zurück und lasse die Seele bei einem erfrischenden Wirbelbad baumeln. Unterdessen rufe ich bei Frau Pontecorvo in Jacksonville an und verrate der Perle, dass wir in der nächsten Woche mit Baulärm rechnen müssen. Meine Bekannte gibt sich ebenfalls deprimiert und meint, dass sie unter diesen Umständen noch eine Woche in Jacksonville bleiben wird – das soll mir auch Recht sein.
10.45 Uhr Schlussendlich steige ich redlichst nach Rosenöl duftend aus der Wirbelwanne und fasse den Entschluss, ab kommenden Montag mit Hund Dixon ins Hotel zu ziehen. Weil auch mein tierischer Mitbewohner über diese Entscheidung in Kenntnis gesetzt werden muss, streichle ich ihm über den Kopf und gebe zu Protokoll, dass wir die Annehmlichkeiten des historischen “Beach Hotels” in Anspruch nehmen werden – das wird ein Spass.
11.30 Uhr Nach einem reichhaltigen Frühstück klatsche ich in die Hände und animiere den Vierbeiner, mir zum PS-strotzenden Chevrolet Suburban zu folgen. Ferner merke ich an, dass wir nun zum besagten 4-Sterne-Hotel krusen und uns über die Zimmerpreise informieren werden. Der Rüde lässt sich nicht zweimal bitten und rennt mit einem Kauknochen im Maul zum Auto – da kommt besonders grosse Freude auf.


Katze Land – der beste Radiosender

12.00 Uhr Während der entspannten Reise, lausche ich dem Radioprogramm von WCKT CAT COUNTRY (löblich: Katze Land) und bringe heraus, dass sich Ashley McBrydes neuerschienene Kompaktscheibe “Girl Going Nowhere” (löblich: Mädchen geht nirgendwo hin) wie warme Semmeln verkauft. Weil ich handgemachte Landmusik sehr zu schätzen weiss, halte ich kurzerhand vor einem Musikgeschäft an und lasse es mir nicht nehmen, ein Exemplar für 9 Dollars zu erwerben. Danach setze ich die Ausfahrt zu den stimmungsvollen Klängen der 25jährigen Sängerin fort und betätige zum Takt der Musik die Hupe – was kann es schöneres geben.
12.30 Uhr Kurz nach dem Mittagsläuten betrete ich die Herberge am Gulf Shore Boulevard und werde am Empfang vorstellig. Wie es sich gehört, stelle ich mich händeschüttelnd vor und informiere, dass ich genötigt bin, in der kommenden Woche in einem Zimmer mit Meerblick zu logieren. Die Rezeptionistin nickt eifrig und entgegnet, dass sie mir wunderschöne Räumlichkeiten mit Meerblick vermieten könnte. Obgleich pro Tag 159 Dollars veranschlagt sind, gehe ich auf das Angebot ein und lasse die Dame wissen, dass ich von Montag bis Mittwoch bleiben werde.


Ich gebe ein kleines Vermögen aus

13.15 Uhr Nachdem ich meine praktische Kreditkarte vorgezeigt habe, kehre ich ins hauseigene HB Restaurant ein und ordere einen vitaminreichen Sirlion Burger mit gebackenen Steinpilzen und lustigem Gemüse. Dazu gibt es ein Gläschen Weisswein aus dem Hause “Napa Cellars” sowie erfrischendes Evian Mineralwasser – das tut gut.
14.00 Uhr Um auch Dixon eine kleine Freude zu bereiten, breche ich nach dem Bezahlvorgang zu einer erquickenden Wanderung entlang des Golfs auf. Nebenbei telefoniere ich mit Prof. Kuhn und berichte, dass ich am Montag ins “Beach Hotel” ziehen werde. Edelbert macht grosse Augen und ruft mich auf, die Kosten der Stadtverwaltung im Rechnung zu stellen – das ist gar keine schlechte Idee.
15.00 Uhr Am Auto angekommen, klopfe ich mir den Sand von den Schuhen und trete die Heimreise an. Während mir der Fahrtwind durchs Haar weht, beschleunige ich den SUV auf schwindelerregende 40 Meilen pro Stunde und nehme mir ausserdem das Recht heraus, zur nagelneuen Ashley McBryde Musikscheibe laut mitzusummen.


Ashley McBryde – Girl Going Nowhere

15.45 Uhr Im Willoughby Drive angekommen, fülle ich Dixons Napf mit Trockenfutter auf und falle dann aufs Sofa, um mich von den Strapazen des langen Tages zu entspannen – das tut gut.
16.45 Uhr Ich erwache ausgeruht und stelle fest, dass der Nachmittag weit fortgeschritten ist. Achselzuckend schlendere ich in die Küche und kümmere mich um das Abendessen. Da ich keinen grossen Hunger habe, nehme ich mit einer kleinen Schinkenpizza und einem Beilagensalat Vorlieb – das schmeckt.
17.45 Uhr Nachdem ich den Abwasch hinter mich gebracht habe, beginnt endlich der wohlverdiente Feierabend. Ich stecke dem Rüden einen Kauknochen ins Maul und fröne interessiert den Abendnachrichten auf FOX.
19.00 Uhr Zur Hauptfernsehzeit schalte ich auf HBO um und gebe mich der Filmbiografie “Marshall” aus dem Jahre 2017 hin. Die amerikanische Produktion handelt vom dunkelhäutigen Richter Thurgood Marshall, der zwischen 1967 bis 1991 der erste schwarze Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten war – wie aufregend.
21.00 Uhr Nach einhundertzwanzig spannenden Minuten beende ich den Fernsehabend und verabschiede mich ins Schlafzimmer. Gute Nacht.

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