9. Februar 2018 – Hexenschuss

9. Februar 2018
08.00 Uhr Als ich voller Tatendrang aus dem Bett hüpfe, fährt mir plötzlich ein Hexenschuss ins Kreuz. Ich fluche laut und ziehe es vor, mich nörgelnd ins Wohnzimmer zu schleppen – wie schrecklich.
08.30 Uhr Weil er Schmerz auch nach dreissig Minuten nicht nachlässt, nehme ich die Schwarzbeere (unlöblich: Blackberry) zur Hand und rufe kurzerhand bei Frau Pontecorvo an. Die Perle von nebenan macht sich grosse Sorgen und verspricht, in wenigen Minuten vorbeizukommen und ein Pain Relief Ointment (löblich: Schmerzsalbe) mitzubringen. Ich atme tief durch und entgegne, dass es wohl schlauer wäre, die Rettungsnotstelle anzurufen.


Meine praktische Schwarzbeere

08.45 Uhr Wenig später stösst meine Nachbarin die Terrassentüre auf und fuchtelt mit einer Tube vor meiner Nase herum. Die kleine Frau kommt aus dem Plappern nicht mehr heraus und verdeutlicht, dass sie seit vielen Jahren auf dieses Produkt aus dem Hause “ICY HOT” schwört. Bevor ich antworten kann, zerrt Frau Pontecorvo an meinem T-Hemd und meint, dass ich mich auf dem Bauch legen und mich entspannen sollte – jaja.
09.15 Uhr Nachdem die Dame das Gel auf meinem Rücken verteilt hat, setze ich mich auf und bemerke, dass der Schmerz etwas nachgelassen hat. Mein Gegenüber nickt eifrig und belehrt, dass die Salbe mit Cayennepfeffer versetzt ist und sogar von anerkannten Orthopäden empfohlen wird. Weil ich mich schonen sollte, deute ich in Richtung Küche und lasse Frau Pontecorvo wissen, dass ich nun ein Frühstück vertragen könnte. Mein Hausgast reibt sich die Hände und zögert nicht, nach nebenan zu gehen, um mit den Töpfen zu klappern.
10.30 Uhr Als der Stundenzeiger meiner wertvollen ROLEX auf halb 11 zugeht, begebe ich mich in die Küche und nehme mit schmerzverzerrtem Gesicht am Tresen Platz. Frau Pontecorvo serviert lächelnd eine stattliche Portion Rühreier mit Speck und setzt mir ausserdem einen grossen Becher Kaffee vor. Darüber hinaus erkundigt sich die Dame nach meinem Wohlbefinden und ist sich sicher, dass die Schmerzen spätestens zur Mittagszeit verflogen sein werden. Ich gebe mich jedoch skeptisch und merke an, dass ich heute nicht aus dem Haus gehen werde. Meine Bekannte schüttelt prompt den Kopf und legt mir nahe, einen Spaziergang mit dem Vierbeiner zu unternehmen und meine Glieder zu lockern – was muss ich denn noch alles ertragen.


Ein Spaziergang mit Hund Dixon kann nicht schaden

11.15 Uhr Nach der reichhaltigen Mahlzeit späht Frau Pontecorvo auf ihre Armbanduhr und setzt mich darüber in Kenntnis, dass sie jetzt in die Stadt krusen und eine Freundin zum Mittagessen treffen wird. Ich seufze laut und stelle klar, dass ich ihren Ratschlag in die Tat umsetzen und mit Dixon an die frische Luft gehen werde. Obgleich mein Rücken noch immer weh tut, nehme ich die Leine zur Hand und breche zu einem entspannten Spaziergang zur benachbarten Golfanlage auf. Während der Rüde eifrig schnüffelt und einen Postboten anbellt, rufe ich bei Prof. Kuhn an und lasse ihn wissen, dass ich mit schrecklichen Rückenschmerzen geplagt bin. Edelbert fällt mir augenblicklich ins Wort und rät, ein Krankenhaus anzusteuern und den Rat eines angesehenen Facharztes einzuholen – papperlapapp.
12.15 Uhr Sechzig Minuten später stehe ich vor dem Haupteingang des “La Playa” Golfplatzes und ringe mich dazu durch, dem Vereinsheim einen Besuch abzustatten. Mit knurrendem Magen finde ich mich in der Gaststätte ein und gönne mir trotz meiner angespannten Finanzlage ein vitaminreiches Porterhouse Steak mit Saisongemüse und Folienkartoffeln. Dazu gibt es ein perfekt eingeschenktes Miller Light (löblich: Müller Leicht) sowie etwas Schinken für Hund Dixon – schmeckt gar nicht schlecht.
13.00 Uhr Während ich kraftvoll zubeisse und meine Kehle öle, spähe ich auf das satte Grün der Golfanlage und werde Zeuge, wie hochnäsige Schnösel Bälle über den Parcour schlagen – gleich platzt mir der Kragen.
13.45 Uhr Nachdem ich die Zeche bezahlt habe, mache ich mich mit einem lustigen Lied auf den Lippen auf den Heimweg. Nebenher stelle ich wohlwollend fest, dass die Rückenschmerzen mittlerweile fast gänzlich verflogen sind. Ich gebe mich erleichtert und lasse es mir nicht nehmen, während der Wanderung mit Dixon zu spielen.


Mein Zuhause unter Palmen

14.30 Uhr Zuhause angekommen, steige ich aus den Kuhjungenstiefeln und gebe dem Rüden zu verstehen, dass es angebracht wäre, während des Nachmittags etwas Ruhe einzuhalten. Dixon kommt dem Aufruf anstandslos nach und macht es sich auf dem Kanapee bequem. Ich folge diesem Beispiel und schliesse die Augen – das tut gut.
15.30 Uhr Ich erwache ausgeruht und setze mich an den Schreibtisch, um die Anschnurarbeit zu erledigen. Selbstverständig beantworte ich auch heute Fragen besorgter Heimseitenbesucher und rate, die jugendlichen Rabauken in ihre Schranken zu weisen – alles darf man sich auch nicht bieten lassen.
16.30 Uhr Nach der harten Arbeit mache ich mich in der Küche nützlich und schwenke lustige Bratnudeln in einer Pfanne. Ausserdem koche ich eine feine Pilzsauce auf und zaubere dazu einen farbenfrohen Beilagensalat mit Oliven und perfekt aufgeschnittenen Zwiebelringen – wie aufregend.
17.45 Uhr Mit vollem Magen nehme ich die Geschirrspülmaschine in Betrieb und gehe dann zum gemütlichen Teil des Tages über. Da ich stets über alles informiert sein muss, folge ich den FOX Nachrichten und mache mich über die aktuellen Neuigkeiten in der Welt schlau.

19.00 Uhr Um keine schlechte Laune aufkommen zu lassen, wechsle ich zur Hauptfernsehzeit auf den Film- und Serienkanal HBO, wo gerade der amerikanische Spielfilm “The Founder” (löblich: Der Gründer) anläuft. Ich lehne mich bourbontrinkend zurück und fröne gespannt der Lebensgeschichte des Vertreters Ray Kroc, der in den frühen 1950er Jahren Miteigentümer der McDonalds Restaurantkette wurde und das Unternehmen innerhalb von nur wenigen Jahren zu einer Weltmarke aufbaute – das ist ja kaum zu glauben.
21.00 Uhr Nach zwei kurzweiligen Stunden flimmert der Abspann über die Mattscheibe. Ich betätige beeindruckt den OFF (löblich: AUS) Knopf auf der Fernbedienung und lösche sämtliche Lichter. Zu guter Letzt streichle ich Dixon über den Kopf und falle gähnend ins Bett. Gute Nacht.

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