10. Januar 2018 – Charles Ives Take Me Home

08.00 Uhr Pünktlich zum Achtuhrläuten rolle ich mich aus dem Wasserbett und stosse die Terrassentüre auf, um die Morgengymnastik an der frischen Luft zu absolvieren. Weil Bewegung sehr wichtig ist, rudere ich mit den Armen und rufe Hund Dixon auf, meinem Beispiel zu folgen. Anstatt sich zu strecken, zieht es der Rüde vor, zum Teich zu traben und die handzahme Echse Billy anzuknurren – wie lustig.
08.30 Uhr Da ich von meinen Verwandten erwartet werde, beende ich den Frühsport und eile in die Nasszelle, um mich bei einem Wirbelbad zu entspannen. Nebenher mache ich mir meine eigenen Gedanken und komme schnell zu dem Schluss, dass ich nicht ohne ein kleines Präsent bei den lieben Leuten antanzen kann.
09.30 Uhr Wenig später beende ich den Waschvorgang und schlüpfe in eine Bermudahose sowie ein farbenfrohes Hawaiihemd. Danach bürste ich Dixons Fell und vergesse auch nicht, ihm das schöne Lederhalsband umzulegen.


Man muss stets mit der Mode gehen

10.00 Uhr Just als ich die kleine Villa verlasse, kommen Frau Pontecorvo und Blanche daher. Die unterbelichtete Bekannte meiner Nachbarin reicht mir die Hand und berichtet, dass sie nun nach Jacksonville zurückkehren wird. Ich seufze laut und entgegne, dass ihr Besuch viel zu kurz war. Um weitere Diskussionen aus dem Weg zu gehen, tippe ich auf meine wertvolle ROLEX und hüpfe in den PS-strotzenden SUV. Ruckzuck lasse ich den Wählhebel der Automatikschaltung in der D-Stellung einrasten und presche als erstes zum CIRCLE K Supermarkt an der Immokalee Road, um 15 Dollars in einen Blumenstrauss sowie eine Flasche O-Saft zu investieren.
10.45 Uhr Kurz vor dem Elfuhrläuten komme ich vor dem Urlaubsdomizil meiner Familie zum stehen und werde von meinem Bruder herzlich Willkommen geheissen. Georg führt mich zuvorkommend zum Schwimmbecken und erzählt, dass Herr Wang und Edelbert auch schon da sind – das ist die beste Nachricht des ganzen Tages.


Das Ferienhaus meiner Verwandten

11.15 Uhr Nachdem ich Maria die Blümchen überreicht und Edelbert sowie Herr Wang einen schönen Morgen gewünscht habe, mache ich mich über die wichtigste Mahlzeit des Tages her. Maria fährt lächelnd eine Schinkenplatte auf und versorgt uns auch mit Rühreiern sowie hauchdünn aufgeschnittenem Lachs – wie schön.
11.45 Uhr Während ich kraftvoll zubeisse, kommt Herr Wang auf das “Naples Manor Motel” zu sprechen und beteuert, dass der letztjährige Jahresumsatz alle Erwartungen übertroffen hat. Georg reibt sich die Hände und erinnert, dass er immer noch als stiller Teilhaber fungiert und 25% des Gewinns einstreichen wird. Ich rolle mit den Augen und unke, dass es schön sein muss, Millionen auf dem Konto zu haben – davon kann ich nur träumen.
12.15 Uhr Im weiteren Verlauf des Frühstücks lässt Edelbert das gestrige Telefonat mit seinem Sohn Revue passieren und kündigt an, dass Herr Peter im Mai womöglich nach Florida ausfliegen und seinen Jahresurlaub unter Palmen verbringen wird. Ich werde sogleich hellhörig und stelle klar, dass ich es kaum noch erwarten kann, seinen Stammhalter wiederzusehen und mit ihm über politische Themen zu diskutieren – das wird ein Spass.
12.45 Uhr Nach der reichhaltigen Brotzeit entkorkt Georg eine Flasche Veuve Clicquot Schaumwein und meint, dass er sich glücklich schätzen kann, Deutschland vor vielen Jahres den Rücken gekehrt zu haben. Ich schlage in die gleiche Kerbe und informiere, dass das alte Europa längst dem Untergang geweiht ist.
13.30 Uhr Zum Abschluss unseres Beisammenseins serviert Maria kräftige Espressos und lädt uns ein, am Abend mit ins Theater zu kommen. Bevor ich Widerworte finde, präsentiert Georg ein Hochglanzmagazin und verdeutlicht, dass um 20 Uhr das Stück “Charles Ives Take Me Home” im örtlichen Schauspielhaus Premiere feiern wird. Ich greife mir spornstreichs an die Stirn und weise auf die Tatsache hin, dass ich starke Kopfschmerzen habe und nun die Heimreise in den Willoughby Drive antreten werde.


Mein Zuhause unter Palmen

14.15 Uhr Nach einer kurzweiligen Ausfahrt erreiche ich mein Ziel und freue mich auf einen ruhigen und besinnlichen Nachmittag. Weil Dixon ganz ungeduldig ist, fülle ich seinen Napf mit Trockenfutter auf. Anschliessend lege ich auf dem Kanapee die Beine hoch und entspanne mich von den Strapazen des Vormittags – das tut gut.
15.15 Uhr Nach einer Stunde komme ich wieder in die Gänge und sehe im Garten nach dem Rechten. Unter anderem versorge ich das Petersilienbeet mit frischem Wasser und mache es mir ausserdem zur Aufgabe, mit dem Haustier etwas Ball zu spielen. Bei dieser Gelegenheit fällt mir ein, dass wir alsbald zum Tierarzt unseres Vertrauens fahren und Dixons Impfungen auffrischen sollten – was das wieder kostet.


Die hochgewachsene Petersilie

16.15 Uhr Nachdem ich mit Frau Pontecorvo geplaudert habe, kehre ich in die klimatisierte Stube zurück und setze mich an den Schreibtisch. Pflichtbewusst rufe ich Depeschen besorgter Heimseitenbesucher ab und erfahre, dass es in Deutschland angesichts der vielen Wirtschaftsflüchtlinge drunter und drüber geht – das ist wieder typisch.
16.30 Uhr Zu guter Letzt nehme ich die neuen Einträge im Gästebuch in Augenschein und sehe mich genötigt, wegen einer Morddrohung das BKA zu verständigen – alles kann man sich auch nicht bieten lassen.
17.30 Uhr Nachdenklich beende ich die Arbeit und bereite das Abendessen vor. Um nicht stundenlang am heissen Herd stehen zu müssen, schiebe ich kurzerhand eine Tiefkühlpizza ins Backrohr und zaubere dazu einen vitaminreichen Gurkensalat mit Zwiebelringen und Dill – das macht Spass.

18.30 Uhr Nach dem Nachtmahl schalte ich die Glotze ein und mache mich auf FOX über die tagesaktuellen Geschehnisse schlau. Neben den üblichen Schreckensmeldungen aus dem Nahen Osten erfahre ich ausserdem dass NETFLIX mit der neu angelaufenen Serie “Star Trek: Discovery” sämtliche Rekorde gebrochen hat.
19.00 Uhr Um etwas Abwechslung zu bekommen, schalte ich auf HBO um und gebe mich der Komödie “Broken Flowers” (löblich: Gebrochene Blumen) hin. Die preisgekrönte Hollywoodproduktion von Jim Jarmusch handelt von einem älteren Herren, der im ganzen Land verzweifelt nach der Mutter seines Sohnes sucht.
21.15 Uhr Nach 120 heiteren Minuten flimmert der Abspann über den Bildschirm und ich beende den Fernsehabend. Zu guter Letzt rufe ich Dixon ins Haus und lege mich schlafen. Gute Nacht.

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