29. November 2017 – Weihnachtsterror

08.00 Uhr Ich werde durch ein Blake Shelton Weihnachtslied geweckt und habe ausserdem das zweifelhafte Vergnügen, Werbebotschaften bezüglich der anstehenden Feiertage zu hören. Ich rolle demonstrativ mit den Augen und komme zu dem Schluss, dass von einer besinnlichen Weihnacht keine Rede mehr sein kann – wie schade.
08.30 Uhr Nach der Morgengymnastik kehre ich seufzend in gute Stube zurück und nehme den futuristischen DeLonghi Kaffeevollautomaten in Betrieb. Darüber hinaus betätige ich entnervt den OFF Knopf des Radios und fordere die AMAZON ECHO Musiksäule auf, mich mit prima Landmusik zu verwöhnen. Zu allem Überfluss stimmt das mit sieben Mikrofonen und einem leistungsstarken Lautsprecher ausgestattete Audiogerät den Dolly Parton Klassiker “Hard Candy Christmas” aus dem Jahre 1982 an – was muss ich denn noch alles ertragen.

09.00 Uhr Während ich die Seele bei einem Wirbelbad baumeln lasse, bimmelt plötzlich das Telefon und ich sehe mich genötigt, mit meinem Bruder plaudern zu müssen. Georg legt beste Laune an den Tag und beteuert, dass das windige Wetter dazu einlädt, um im “Miromar Outlet Store” (löblich: Miromar Auslassgeschäft) nach Weihnachtspräsenten Ausschau zu halten. Ich wische mir spornstreichs über die nasse Stirn und entgegne, dass ich mich diesem Ausflug bestimmt nicht anschliessen werde. Der gute Mann nölt in einer Tour und kündigt an, bei Prof. Kuhn anzurufen und ihm einen Abstecher nach Fort Myers schmackhaft zu machen – jaja.
10.00 Uhr Weil mein Magen knurrt, hole ich eine teflonbeschichtete Pfanne aus dem Küchenschrank und mache es mir zur Aufgabe, köstliche Rühreier mit Speck zu zaubern. Während Dixon ohne Unterlass sabbert, stösst Frau Pontecorvo plötzlich die Terrassenpforte auf und hält mir einen Mistelzweit unter die Nase. Die Perle von nebenan deutet zur Haustüre und legt mir nahe, das Sandelholzgewächs neben dem Eingang zu hängen. Selbstverständlich winke ich augenblicklich ab und lasse meine Nachbarin wissen, dass Weihnachten immer mehr zu einer lächerlichen Kommerzveranstaltung verkommt.
10.45 Uhr Als ich die wichtigste Mahlzeit des Tages einnehme und meine Kehle mit würzigem Bohnentrunk spüle, redet Frau Pontecorvo weiter auf mich ein und erinnert, dass ich bald James, Amanda und den kleinen David im Sonnenscheinstaat begrüssen werde. Ferner ruft mich die kleine Frau auf, alsbald in ein Spielzeuggeschäft zu stürmen und für meinen Grossneffen ein schönes Präsent auszusuchen – gleich platzt mir der Kragen.
11.30 Uhr Nachdem ich das schmutzige Geschirr in die Spüle verfrachtet habe, wünsche ich Frau Pontecorvo einen schönen Nachmittag und schicke mich an, den Vierbeiner zum Auto zu lotsen. Im Anschluss presche ich mit quietschenden Pneus von dannen und steuere die McDonalds Schnellgaststätte an der Immokalee Road an, um einen Becher Diät Cola, eine Apfeltasche sowie einen Strawberry Sundae (Erdbeer Eisbecher) zu erwerben.


Eine braune Brause

12.15 Uhr Kurz nach der Mittagszeit parke ich das PS-strotzende KFZ am Park Drive und schlendere mit Dixon im Schlepptau zum Golf. Voller Vorfreude lasse ich mich im feuchten Sand nieder und nehme mir das Recht heraus, das lustige Eis zu schlecken. Nebenher blicke ich auf den Ozean und spiele mit der Idee, während der Weihnachtsfeiertage zu verreisen und die staade Zeit in nördlicheren Gefilden zu verbringen.
12.45 Uhr Da Dixon langsam unruhig wird, breche ich zu einem Spaziergang auf und werfe dem Rüden ein Stöckchen zu. Ausserdem nehme ich zwei Kinder in Augenschein, die mit einer Frisbee Scheibe hantieren. Um vom fliegenden Plastikdeckel nicht am Kopf getroffen zu werden, gehe ich schnell weiter und balle meine Fäuste.


Hund Dixon

13.30 Uhr Endlich treffe ich am Auto ein und kann die Heimfahrt antreten. Weil ich meine Zeit nicht gestohlen habe, beschleunige ich den Chevrolet Suburban auf 40 Meilen pro Stunde und schrecke auch nicht davor zurück, in regelmässigen Abständen die Hupe zu betätigen – immerhin haben Rentner stets Vorfahrt.
14.15 Uhr Zuhause angekommen, schlüpfe ich aus den Flip Flops und falle dann fix und foxi aufs Kanapee. Bereits nach wenigen Augenblicken döse ich ein und sehe mich im Traum unter einem geschmückten Christbaum sitzen.
15.15 Uhr Ich erwache redlichst ausgeruht und verspüre grossen Kaffeedurst. Ruckzuck nehme ich den DeLonghi Automaten in Betrieb und richte drei Muffins auf einem Porzellanteller an – das Auge isst bekanntlich mit.
15.45 Uhr Leider wird die Ruhe bald durch lautes Klingeln gestört. Ich öffne schwungvoll die Haustüre und treffe Edelbert auf der Einfahrt an. Mein Bekannter schenkt mir ein Lächeln und erzählt, dass das Einkaufszentrum hoffnungslos überfüllt war und es ihm kaum möglich war, nach preiswerten Geschenken zu suchen. Ich zucke mit den Schultern und zögere nicht, den schlauen Mann zu einem Kaffee einzuladen. Leider lehnt Edelbert dankend ab und weist mich auf die Tatsache hin, dass er bei Familie Satesh eingeladen ist – das ist wieder typisch.
16.30 Uhr Nachdem mein Bekannter das Weite gesucht hat, komme ich meinen Pflichten als Anschnurseelsorger nach. Augenrollend studiere ich Depeschen besorgter Heimseitenbesucher und sehe mich gezwungen, Herrn Lothar W. aus Emden zu raten, seinen frechen Sohn (15) ins Erziehungsheim zu stecken. Immerhin kann es nicht sein, dass der Rabauke die Nachbarschaft mit gewaltverherrlichenden Hartfelsenmusik beschallt.


Ich beisse kraftvoll zu

17.15 Uhr Voller Elan fahre ich den Heimrechner herunter und begebe mich in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Um nicht stundenlang vor dem heissen Herd stehen zu müssen, backe ich eine Thunfischpizza auf und fresse dazu einen gesunden Beilagensalat mit Oliven und Mais – schmeckt gar nicht schlecht.
18.00 Uhr Nach der Jause schalte ich die Glotze ein und gebe mich den Nachrichten auf FOX hin. Um stets auf dem Laufenden zu bleiben, spitze ich die Ohren und lerne, dass sich am kommenden Donnerstag der japanische Angriff auf den amerikanischen Militärstützpunkt Pearl Harbour zum 76. Mal jährt – wie schrecklich.
19.00 Uhr Zur Hauptfernsehzeit wechsle ich auf HBO und gebe mich der Hollywoodproduktion “Case 39” (auf deutsch: Fall 39) hin. Der Langfilm erzählt die Geschichte einer Beamtin, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, verwahrloste Kinder zu betreuen. Als die Perle im Rahmen einer Routineuntersuchung auf die zehnjährige Lilith aufmerksam wird, muss sie jedoch schnell feststellen, dass es manche Kinder faustdick hinter den Ohren haben.
21.00 Uhr Nach zweistündiger Spitzenunterhaltung beende ich den Fernsehabend und rufe Dixon ins Haus. Danach reguliere ich die Klimaanlage und lege mich schlafen. Gute Nacht.

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