27. November 2017 – Mediterrano

08.00 Uhr Ich öffne die Augen und verspüre grossen Hunger. Um nicht vom Fleisch zu fallen, rolle ich mich gähnend aus dem Wasserbett und eile spornstreichs zum Kühlschrank. Unter den gierigen Blicken meines Haustieres schiebe ich mir eine Scheibe Capocollo in den Mund und koste auch etwas Cheddarkäse – schmeckt nicht schlecht.


Mein braves Haustier

08.30 Uhr Anschliessend lockere ich meine Glieder auf der Terrasse und halte ein Schwätzchen mit Herrn Booth. Der hochdekorierte Kriegsveteran deutet in Richtung seiner Rosenstauden und behauptet, dass die teuren Züchtungen von Blattläusen heimgesucht wurden. Ich seufze laut und rate, die Gartenschere hervorzuholen und die befallenen Äste kurzerhand abzuschneiden. Herr Booth macht grosse Augen und entgegnet, dass es sich hierbei um Edelrosen handelt, die man unter keinen Umständen stutzen darf – jaja.
09.15 Uhr Endlich kann ich mich ins Badezimmer verabschieden und die Seele bei einem Wirbelbad baumeln lassen. Nebenher telefoniere ich mit Georg und bringe heraus, dass unsere texanischen Verwandten Morgen die Heimreise antreten werden. Mein Bruder gibt sich deprimiert und kündigt an, dass er am Abend ein Abschiedsessen im “Mediterrano” springen lassen wird. Ich lecke mir die Lippen und erfahre weiter, dass wir uns um 18 Uhr in der besagten Wirtschaft treffen werden – das ist die beste Nachricht des ganzen Tages.
10.15 Uhr Sechzig Minuten später beende ich das Waschvergnügen und stelle fest, dass Dixon nach draussen gelaufen ist, um mit Nachbarhund Joey zu spielen. Ich reguliere achselzuckend die Klimaanlage und fülle meine Hahn und Henne Tasse mit brühfrischen Bohnentrunk auf.
10:30 Uhr Während ich gesunde Zerealien aus dem Hause KELLOGGS verzehre, blättere ich in der Tageszeitung und lerne, dass sich am Wochenende eine Schiesserei im Norden der Stadt ereignet hat. In diesem Zusammenhang gab das Sherriff Department (löblich: Scherriffbüro) bekannt, dass bei der Auseinandersetzung zweier verfeindeter Familien keine Personen zu Schaden gekommen sind – wo soll das noch hinführen.


Gärtner Leonardo muss den Rasen mähen

11.00 Uhr Wenig später fährt der verrostete Kleinwagen meines Gärtners vor. Natürlich begrüsse ich Herrn Leonardo per Handschlag und trage ihm auf, dass er den Vormittag nutzen sollte, um den Rasen zu mähen. Der freundliche Knecht nickt eifrig und beteuert, dass er danach das abgefallene Laub aus dem Vorgarten rechen und den Garten bewässern wird – das kann mir nur Recht sein.
11.30 Uhr Um Herrn Leonardo bei der Arbeit nicht zu stören, statte ich Frau Pontecorvo einen Besuch ab. Ich treffe die kleine Frau in der Küche an und werde Zeuge, wie sie einen Käsekuchen in das Ofenrohr schiebt. Meine Nachbarin freut sich über den Besuch und sagt, dass sie für den Dienstag etliche Freundinnen zum Kaffeekränzchen erwartet. Als mich die Dame dazu einlädt, winke ich augenblicklich ab und beteure, dass ich Morgen Robert und Jessica Pfaffenberg zum Flughafen begleiten muss.
12.15 Uhr Zur Mittagszeit serviert die Perle köstliche Sandwiches (unlöblich: Wurstbrote) und setzt mich darüber in Kenntnis, dass sie in der kommenden Woche Weihnachtspräsente einkaufen wird – das ist mir Wurst.


Bald steht das Christkind vor der Türe

13.15 Uhr Nun wird es aber langsam Zeit, meiner Nachbarin Lebewohl zu sagen. Winkend scheuche ich Dixon nach Hause und nehme mir das Recht heraus, aus den Kuhjungenstiefel (unlöblich: Cowboyboots) zu schlüpfen und mich aufs Kanapee zu legen – das tut gut.
14.15 Uhr Ich erwache ausgeschlafen und mache es mir zur Aufgabe, Anschnur zu gehen und die Internetzarbeit zu erledigen. In meiner Funktion als staatlich anerkannter Seelsorger nehme ich Depeschen besorgter Heimseitenbesucher in Augenschein und rate einer 57jährigen Frührentnerin aus dem ostdeutschen Havelland, ihrem Sohn ordentlich die Leviten zu lesen. Immerhin kann es nicht sein, dass ein 14jähriger Lausebengel regelmässig Hasch raucht und mit ungewaschenen Gammlern am Bahnhof abhängt – wo kommen wir denn da hin.


Ich sage NEIN zu Drogen

15.00 Uhr Nachdem ich die neuesten Einträge im Gästebuch gelesen habe, gehe ich von der Leine und breche mit dem Haustier zu einem Spaziergang zum nahegelegenen “La Playa” Golfplatz auf. Nebenbei rufe ich im Lowbank Drive an und sichere meinem Bruder zu, dass ich in drei Stunden im “Mediterrano” sein werde – wie aufregend.
16.00 Uhr Zurück in der kleinen Villa, schlendere ich mit einem lustigen Lied auf den Lippen ins Bad und entspanne mich bei einer kalten Dusche. Im Anschluss sprühe etwas LP LOB Duft auf meine samtweiche Haut und ziehe meinen hellblauen Ausgehanzug an – meine Verwandten werden begeistert sein.
17.00 Uhr Da ich Dixon kaum in eines der besten Gasthäuser der Stadt mitnehmen kann, werde ich erneut bei Frau Pontecorvo vorstellig und bitte sie, während meiner Abwesenheit auf den Racker aufzupassen. Meine Nachbarin willigt schmunzelnd ein und wünscht mir viel Vergnügen – wie schön.
17.45 Uhr Pünktlich auf die Minute parke ich den Chevrolet an der 13th Avenue und bemerke, dass meine Verwandten auch schon vor Ort sind. Wie es sich gehört, begrüsse ich die Damen per Handkuss und lasse es mir auch nicht nehmen, Robert und Georg die Hand zu reichen. Danach flanieren wir in das Speiserestaurant und bekommen einen Vierertisch im hinteren Teil zugewiesen. Ferner heisst uns ein gestriegelter Ober namens Bob herzlich Willkommen und versorgt uns mit süffigem Tafelwasser und aufgebackenen Bruschettas – das schmeckt.
18.30 Uhr Während Robert und Jessica ihren Aufenthalt Revue passieren lassen, blättere ich interessiert in der Tageskarte und wähle als Vorspeise einen “Mediterrano Salat” mit gebratenen Champignons. Darüber hinaus halte ich den Kellner an, als Hauptgericht ein “Filet Mignon” für 43 Dollars sowie als Nachtisch ein Tiramisu aufzutischen. Meine Tischnachbarn folgen dem Beispiel und ordern dazu eine Flasche Weisswein aus der Toskana – schon jetzt läuft mir das Wasser im Munde zusammen.


Schmeckt gar nicht schlecht

19.00 Uhr Als der Hauptgang serviert wird, kommt Robert auf seine Heimatstadt Boerne in Texas zu sprechen und meint, dass eine Gaudi wäre, uns im neuen Jahr im sogenannten Lonestar State wiederzusehen. Ich werde sogleich hellhörig und schlage vor, dass wir im Wohnmobil reisen und den Ausflug zum Anlass nehmen könnten, um an die mexikanische Grenze zu krusen – das wäre ein Spass.
20.00 Uhr Leider geht die Abschiedsfeier viel zu schnell zu Ende. Wir stossen ein letztes Mal mit den Weingläsern an und kommen überein, dass wir uns morgen um 9 Uhr zum Frühstück im Lowbank Drive treffen und gegen Mittag zum Flughafen krusen werden – das soll mir Recht sein.
21.00 Uhr Fix und foxi treffe ich im Willoughby Drive ein und hole Dixon bei Frau Pontecorvo ab. Da ich völlig übermüdet bin, mache ich schnell kehrt und ziehe mich gähnend ins Schlafzimmer zurück. Gute Nacht.