7. November 2017 – Hurra, die Verwandten sind da

07.45 Uhr Weil mich meine Verwandten zum Frühstück erwarten, stehe ich heute etwas früher auf und verzichte ausnahmsweise auf die Morgengymnastik. Stattdessen flitze ich wie der Wind in die Nasszelle und lasse die Seele bei einem prima Wirbelbad baumeln – da kommt besonders grosse Freude auf.
08.45 Uhr Kurz vor dem Achtuhrläuten trete ich vor den Spiegel und schlüpfe in eine frisch gewaschene Tschienshose mit Bügelfalte. Da ich bekanntlich eine Modeikone bin, hole ich ausserdem ein weitgeschnittenes Hawaiihemd mit Papageienaufdruck aus dem begehbaren Kleiderschrank – Georg und Maria werden Augen machen.


Heute sehe ich besonders schnieke aus

09.15 Uhr Nachdem ich einen Espresso getrunken habe, lotse ich Hund Dixon zum Auto und rase hupend zum CIRCLE K Supermarkt, um 4 Dollars und 95 Zents in einen farbenfrohen Blumenstrauss zu investieren. Danach setze ich meine Reise fort und komme wegen des Vormittagsverkehrs nur langsam voran – wie unlöblich.
10.00 Uhr Als der Stundenzeiger meiner ROLEX auf 10 zugeht, treffe ich im Lowbank Drive ein und bin überrascht, auch Edelberts JEEP vor dem Feriendomizil vorzufinden. Ruckzuck betätige ich die Klingel und überreiche meiner Schwägerin die Blumen. Maria tippt augenrollend auf ihre Armbanduhr und beteuert, dass ich eine halbe Stunde zu spät komme. Ich zucke mit den Schultern und informiere, dass es kein Vergnügen ist, am Vormittag durch Naples zu krusen. Um weiteren Diskussionen aus dem Weg zu gehen, schiebe ich die kleine Frau beiseite und geselle mich zu Georg und Edelbert auf die Terrasse. Die beiden krümmen sich vor Lachen und behaupten, dass ich wie der Privatdetektiv Thomas Magnum aus der gleichnamigen Fernsehserie gekleidet bin. Ich protestiere scharf und entgegne, dass dieses schöne Hemd der aktuellen Mode entspricht – was muss ich denn noch alles ertragen.


Wir erwarten Besuch aus Texas

10.30 Uhr Während wir die wichtigste Mahlzeit des Tages verzehren, löchere ich meinen Bruder mit Fragen und erkundige mich, wann Robert und Jessica Pfaffenberg aus San Antonio einfliegen werden. Georg beisst zufrieden in ein Honigbrot und setzt mich darüber in Kenntnis, dass wir die Texaner in sieben Tagen wiedersehen werden. Ferner bringe ich heraus, dass die netten Menschen zwei Wochen im Rentnerparadies bleiben und ihre Tochter Kimberly in Coconut Grove besuchen wollen. Ich lege meine Stirn in Falten und erinnere mich, dass die 38jährige vor zwei Jahren nach Miami gezogen ist, um als Juristin im Büro der Staatsanwaltschaft zu arbeiten. Georg nickt zustimmend und meint, dass wir Georg und Jessica mit einem prima Barbecue überraschen könnten.
11.15 Uhr Im weiteren Verlauf unseres Zusammenseins tratschen wir angeregt über Dies und Das und kommen überein, dass wir morgen den hiesigen Tierpark besuchen sollten. Maria fährt frischaufgebrühten Kaffee auf und sagt, dass wir anschliessend ein angesagtes Fischlokal aufsuchen und Krebse essen sollten. Ich zeige mich einverstanden und bringe eine Einkehr in “The Turtle Club” zur Sprache. Prof. Kuhn winkt jedoch ab und meint, dass es günstiger wäre, im “Swan River Restaurant” zu speisen – papperlapapp.
12.00 Uhr Pünktlich zur Mittagszeit beenden wir das Frühstück. Georg steckt sich eine stinkende Zigarre an und erzählt, dass im Laufe des Nachmittages eine Fachfirma anrücken wird, um das Hausdach zu inspizieren. Als ich genauer nachfrage, deutet mein Bruder zum Giebel und verrät, dass Hurrikan Irma etliche Dachschindeln gelockert hat. Darüber hinaus fordert mich der gute Mann auf, mit in die Garage zu kommen und die grosse Leiter hervorzuholen. Selbstverständlich schüttle ich entschieden den Kopf und stelle klar, dass ich in jungen Jahren einen Leistenbruch hatte und es mir seitdem verboten ist, schwere Lasten zu heben.


Hurrikan Irma wütete auch im Lowbank Drive

12.45 Uhr Wenig später sitze ich im PS-strotzenden SUV und rase zügig nach Hause. Hund Dixon kläfft während der Autofahrt ohne Unterlass und schreckt auch nicht davor zurück, seine nasse Schnauze gegen die Seitenscheiben zu drücken – was muss ich denn noch alles ertragen.
13.30 Uhr Zuhause angekommen, fülle ich den Napf meines Haustieres mit Trockenfutter auf. Anschliessend bette ich mich auf dem Kanapee zur Ruhe und döse schnell ein, um vom anstehenden Weihnachtsfest zu träumen.
14.30 Uhr Ich öffne die Augen und entschliesse mich, die Nachmittagsstunden im Garten zu verbringen. Ausgestattet mit einem Rechen und einer Giesskanne scheuche ich den Rüden an die frische Luft und mache es mir zur Aufgabe, die Erde im Petersilienbeet zu lockern und die Doldengewächse mit Wasser zu versorgen.
15.00 Uhr Alsbald kommt Frau Pontecorvo dazu und präsentiert sich in einem schicken Sommerkleid. Meine Nachbarin schenkt mir ein Lächeln und berichtet, dass sie sich gleich mit Freundinnen in der Stadt treffen wird. Ich wische mir die Schweissperlen von der Stirn und antworte, dass ich bestimmt nicht mitkommen werde.
16.00 Uhr Nachdem ich die Arbeit beendet habe, genehmige ich mir ein kühles Bier und rufe im Lowbank Drive an. Mein Bruder meldet sich nach dem zweiten Tuten und schimpft wie ein Rohrspatz. Schlussendlich erfahre ich, dass mittlerweile ein Handwerker vor Ort war und weitreichende Schäden an der Dachabdichtung festgestellt hat. Ich mache grosse Augen und lerne, dass die Instandsetzung 2.000 Dollars verschlingen wird – wie unlöblich.
16.45 Uhr Kopfschüttelnd beende ich das Gespräch und sorge in der Küche für das Abendessen. Unter den fordernden Blicken meines tierischen Mitbewohners brate ich ein T Bone Steak (löblich: T Knochen Schnitzel) im heissen Fett heraus. Dazu gibt es im Ofen aufgebackene Kartoffelstäbe sowie farbenfrohes Mischgemüse.


Zum Abendessen gibt es Schnitzel

17.45 Uhr Ein anstrengender Tag neigt sich langsam seinem Ende zu. Ich verfrachte das schmutzige Geschirr in die Spüle und schalte dann die Glotze ein, um mich über die Geschehnisse in der Welt schlau zu machen.
19.00 Uhr Um auf andere Gedanken zu kommen, wechsle ich zur Prime Time (löblich: Hauptfernsehzeit) auf den Bezahlkanal HBO, um mich dem preisgekrönten Fernsehspiel “Game of Thrones” hinzugeben. Da ich mit langhaarigen Burgfräuleins, feuerspeienden Drachen und kleinwüchsigen Prinzen gar nichts anfangen kann, schalte ich bald auf CMT um und erfreue mich an lustigen Musikvideos angesagter Landmusikanten.
21.00 Uhr Um keine runden Augen zu bekommen, beende ich den Fernsehabend und rufe Dixon ins Haus. Zu guter Letzt verschliesse ich die Haustüre und lege mich ins Bett. Gute Nacht.