4. Oktober 2017 – Der lachende Apfel

08.00 Uhr Ich werde durch lautes Geplapper geweckt. Missmutig stehe ich auf und treffe Sandra in einem knappen Nachthemd in der guten Stube an. Das Kind plärrt ohne Unterlass in ihr strahlendes Handtelefon und scheint mit Mitbewohnerin Bärbel über die verheerende Schiesserei in Las Vegas zu diskutieren – wo soll das noch hinführen.
08.30 Uhr Nachdem ich die Morgengymnastik absolviert habe, kehre ich ins Wohnzimmer zurück und halte die Maid an, zur frühen Stunde etwas leiser zu sein. Anstatt sich die Bitte zu Herzen zu nehmen, versorgt mich Sandra mit Infos und behauptet, dass der Massenmörder ein steinreicher Millionär und Waffenliebhaber war. Ich rolle mit den Augen und vernehme weiter, dass Stephen Paddock die Tat anscheinend lange vorbereitet hat. Während Sandra weiter tratscht, verabschiede ich mich ins Bad und lasse die Wirbelwanne mit Wasser volllaufen.
09.30 Uhr Betörend nach Mandelöl duftend, beende ich den Badespass und stelle mit Freuden fest, dass mein Hausgast in der Zwischenzeit das Frühstück vorbereitet hat. Weil auch Frau Pontecorvo anwesend ist, setze ich mich sogleich dazu und vernehme von Sandra, dass sie heute die nagelneue Cat Stevens Kompaktscheibe „The Laughting Apple“ (löblich: Der lachende Apfel) kaufen wird. Ich mache grosse Augen und weise auf die Tatsache hin, dass der Sänger in den 1970er Jahre dem Islam beigetreten ist und mit grösster Vorsicht zu geniessen ist.


Cat Stevens – The Laughing Apple

10.15 Uhr Nach der Mahlzeit scheuche ich Hund Dixon in den Garten und werfe ihm einen Tennisball zu. Wenig später schlendert Fernsehkoch Wayne Gregor an der kleinen Villa vorbei und wünscht mir einen schönen Morgen. Ich erwidere den Gruss und stelle fest, dass wir uns seit Monaten nicht mehr gesehen haben. Herr Gregor nickt eifrig und erzählt, dass er sich ein Appartement in Knoxville in Tennessee zugelegt hat und dort viel Zeit verbringt. Weil ich über alles informiert sein muss, lade ich den guten Mann auf die Terrasse ein und erhalte die Auskunft, dass er für den in Knoxville beheimateten „Cooking Channel“ (löblich: Kochkanal) seit Jahresanfang eine neue Kochschau produziert – wie aufregend.
11.00 Uhr Als sich Sandra kaugummikauend zu uns gesellt, halte ich sie an, ein Autogramm von Herrn Gregor herauszufordern. Die Maid zuckt gelangweilt mit den Schultern und sagt, dass sie jetzt ins Stadtzentrum krusen wird. Ich seufze laut und spendiere meinem Tischnachbarn ein perfekt eingeschenktes Weissbier – das tut gut.


Ich habe grossen Durst

12.00 Uhr Nach der dritten Halbe tippt Herr Gregor auf seine sündteure PATEK Uhr und unterbreitet, dass er sich nun nach Hause verabschieden und seine Koffer packen wird. Darüber hinaus gibt der Fernsehstern zu Protokoll, dass er am Abend nach Knoxville ausfliegen und bereits Morgen wieder vor der Kamera stehen wird – wie schön.
12.30 Uhr Im Anschluss rufe ich bei Edelbert an und erfahre, dass der Professor grossen Hunger hat und ein Restaurant besuchen möchte. Ich schlage in die gleiche Kerbe und merke an, dass wir uns im „New York Pizza & Pasta“ Gasthaus treffen könnten. Mein Bekannter ist begeistert und verspricht, in dreissig Minuten vor Ort zu sein.
13.15 Uhr Alsbald betrete ich die Wirtschaft am Tamiami Trail und treffe den Professor an einem Fenstertisch an. Um nicht Hunger leiden zu müssen, winke ich einem Kellner zu und order eine vitaminreiche Salamipizza sowie einen lustigen Beilagensalat – schon jetzt läuft mir das Wasser im Munde zusammen.
13.45 Uhr Während wir kraftvoll zubeissen, komme ich auf Sandra zu sprechen und berichte, dass das dumme Kind am gestrigen Tag heimlich auf der Terrasse geraucht hat. Um meinen Aussagen Nachdruck zu verleihen, präsentiere ich eine Photografie auf meiner Schwarzbeere (unlöblich: Blackberry) und erörtere, dass ich auf der Wiese einen Zigarettenstummel entdeckt habe. Der schlaue Mann schimpft wie ein Rohrspatz und legt mir nahe, den Frechdachs noch heute vor die Türe zu setzen – das ist eine hervorragende Idee.


Meine praktische Schwarzbeere

14.30 Uhr Nachdem wir die Rechnung beglichen und dem Vierbeiner etwas Auslauf verschafft haben, hüpfe ich in den PS-strotzenden Chevrolet und trete die Heimreise in den Willoughby Drive an.
15.00 Uhr Zuhause angekommen, falle ich fix und foxi aufs Kanapee und lege die Beine hoch. Ich döse prompt ein und träume von letztjährigen Weihnachtsfest im fernen Toronto – das war eine Gaudi.
16.00 Uhr Ich öffne die Augen und werde Zeuge, wie Sandra in der Küche mit den Kochtöpfen hantiert. Als ich das Mädchen zur Rede stelle, präsentiert sie eine Stange Lauch und setzt mich darüber in Kenntnis, dass wir am Abend eine leckere Porreesuppe essen werden. Ich fahre mir entnervt durchs Haar und mache es mir zur Aufgabe, eine Tischdecke aus dem Wohnzimmerschrank hervorzuholen und den Tisch mit dem besten Geschirr einzudecken. Währenddessen redet Sandra weiter auf mich ein und kündigt an, dass sie am Abend mit Carol Wang eine Bar an der 5th Avenue besuchen wird – das soll mir auch Recht sein.


Auch Dixon kann der Suppe nichts abgewinnen

17.00 Uhr Endlich füllt Sandra die Teller mit dem Süppchen auf und ich muss erkennen, dass dem Abendessen eine Fleischbeilage fehlt. Trotz aller Widrigkeiten greife ich zum Löffel und komme schnell zu dem Schluss, dass aus meiner Mieterin niemals eine Meisterköchin werden wird – was muss ich denn noch alles ertragen.
18.00 Uhr Nach dem Abwasch wünscht mir die Maid einen schönen Abend und sichert zu, spätestens um 23 Uhr zurück zu sein. Ich drücke Sandra zum Abschied eine Dollarnote in die Hand und fordere sie auf, nicht mit fremden Männern zu reden. Danach verabschiede ich mich in den Feierabend und fröne an Dixons Seite den Abendnachrichten auf FOX. Natürlich wird ausführlich über den Anschlag auf das „Route 91 Harvest“ Musikfest in Las Vegas berichtet und neue Erkenntnisse über den Täter preisgegeben – das ist ja allerhand.
19.00 Uhr Zur Hauptfernsehzeit schalte ich auf HBO um und erfreue mich an den zwei ersten Episoden der preisgekrönten Serie „Big Little Lies“ (löblich: Grosse kleine Lügen). Das siebenteilige Fernsehspiel erzählt die Geschichte dreier Mütter, die plötzlich in einem Mord verwickelt werden – wie aufregend.
21.00 Uhr Nach zweistündiger Hochspannung betätige ich den „OFF“ (löblich: AUS) Knopf auf der Fernbedienung und lösche sämtliche Lichter. Anschliessend reguliere ich die Klimaanlage und lege mich schlafen. Gute Nacht.