27. Juli 2017 – Zum Lake Erie

08.15 Uhr Ich stehe beschwingt auf und läute den letzten Donnerstag des Heumonats Juli mit dem Frühsport ein. Danach werfe ich mir den Morgenmantel über und statte Edelbert im Nachbarzimmer einen Besuch ab. Während der gute Mann seine Habseligkeiten in den Rollkoffer stopft, komme ich auf unsere anstehende Tagesetappe zu sprechen und stelle klar, dass wir in Richtung Detroit oder zum Lake Erie fahren können. Der Professor legt den Zeigefinger an die Unterlippe und meint, dass es eine Gaudi wäre, die kommende Nacht am wunderschönen Eriesee zu verbringen. Ich nicke zustimmend und entgegne, dass wir gegen 10 Uhr losfahren sollten – wie aufregend.


Hund Dixon biselt sich auf dem Parkplatz aus

08.45 Uhr Nachdem der Vierbeiner den Motelparkplatz eingehend inspiziert und einen zwielichtig dreinschauenden Penner angeknurrt hat, kehre ich in mein Zimmer zurück und dusche mich ab.
09.45 Uhr Wenig später werde ich frisch in Schale geworfen am Winnebago vorstellig und erfahre von Edelbert, dass wir spätestens morgen die Toilette entleeren sollten. Ich nicke eifrig und unterbreite, dass nun die Zeit gekommen ist, um ein einladendes Gasthaus anzusteuern. Der Professor hüpft ausgelassen auf den Beifahrersitz und lotst mich zielsicher zu einem “Wendy’s Restaurant” an der High Street.
10.30 Uhr Nach einer dreiviertel Meile trete beherzt auf die Bremse und nehme mir das Recht heraus, das sperrige Wohnmobil im Parkverbot abzustellen. Im Anschluss schlendern wir hungrig in die gutbesuchte Wirtschaft und ordern vitaminreiche “Honey Butter Chicken Biscuits” (löblich: Honigbutter Hühner Brötchen) sowie ein Halbes Dutzend “Mornin’ Melt Paninis” – schmeckt gar nicht schlecht.


Wiedersehen Columbus, OH

11.15 Uhr Bevor wir Columbus in Ohio hinter uns lassen, verabschiede ich mich in den Waschraum und wische mir einen Ketchupfleck vom Hawaiihemd. Ausserdem fahre ich mir mit den Fingern durchs Haar und komme beim Blick in den Spiegel zu dem Schluss, dass ich heute spitze aussehe – da kommt besonders grosse Freude auf.
11.30 Uhr Als die Zeiger meiner wertvollen ROLEX auf halb Zwölf zugehen, sitzen wir endlich im Travato und schicken uns an, auf der Interstate 71 stadtauswärts zu krusen. Während ich das PS-strotzende Gefährt auf 40 Meilen beschleunige, wirft Edelbert prüfende Blicke auf sein strahlendes Handtelefon und rechnet vor, dass wir in sechzig Minuten die Heimatstadt der “Rock and Roll Hall of Fame” (löblich: Felsen und Rollen Halle des Ruhmes) erreichen werden. Ich winke demonstrativ ab und lasse meinen Nebenmann wissen, dass wir einen grossen Bogen um Cleveland machen sollten.
12.30 Uhr Als die Sonne ihren Höchststand erreicht hat, geht eine Kurznachricht auf meiner Schwarzbeere (unlöblich: Blackberry) ein. Ich reiche das Kommunikationsgerät spornstreichs an meinen Bekannten weiter und lerne, dass mir Guido eine Mitteilung geschickt hat. Mein unlöblicher Neffe schreibt, dass er nun mit Elsbeth nach Miami fahren und sich für zwei Wochen in ein luxuriöses Strandhotel einmieten wird. Kopfschüttelnd lasse ich das Telefon in der Hosentasche verschwinden und merke an, dass mir der Gammler gestohlen bleiben kann.


Guido ist ein Ganove

13.30 Uhr Nach 110 Meilen wechseln wir auf die Schnellstrasse 271 und rasen hupend an Cleveland vorbei. Edelbert hält interessante Fakten bereit und berichtet, dass die Gemeinde im Jahre 1796 von europäischen Siedlern gegründet wurde und heutzutage ein wichtiges Zentrum der amerikanischen Stahlindustrie ist. Ich staune Bauklötze und fahre alsbald auf die Interstate 90, die sich am Eriesee entlang bis nach Buffalo schlängelt. Unterdessen navigiert Prof. Kuhn durchs Internetz und vertellt, dass es sich anbieten würde, unser Nachtlager in Geneva-on-the-Lake aufzuschlagen – das soll mir Recht sein.
14.00 Uhr Während der einstündigen Reise brüht Edelbert im hinteren Teil des Wohnmobils Kaffee auf und serviert zudem reich belegte Wurstbrote. Ich beisse kraftvoll zu und erkläre Dixon, dass wir schon bald unser Ziel erreichen werden. Der Rüde wird augenblicklich hellhörig und hüpft auf seiner Liegepritsche aufgeregt auf und ab.
15.00 Uhr Schlussendlich passieren wir das Willkommensschild der 1.500 Einwohner zählenden Kleinstadt Geneva-on-the-Lake. Ich drossle die Geschwindigkeit und registriere, dass sich entlang der Hauptstrasse zahlreiche Motels angesiedelt haben. Wir fackeln nicht lange und steuern das “Sands Beach Resort” am Eriesee an, um zwei Single-Rooms (löblich: Einzelzimmer) zu buchen. Der bierbäuchige Motelbesitzer heisst uns herzlich Willkommen und plappert davon, dass alle Zimmer mit Doppelbetten und Kochnischen ausgestattet sind.


Den Eriesee muss man gesehen haben

15.30 Uhr Völlig erschöpft parken wir den Winnebago auf dem Motelparkplatz und zögern nicht, die Räumlichkeiten ganz genau unter die Lupe zu nehmen. Obgleich das Interieur viele Jahre auf dem Buckel hat, kommen wir zu dem Schluss, dass man hier durchaus eine gute Nacht verbringen kann.
16.30 Uhr Just als ich Dixon gesundes Trockenfutter bereitstelle, pocht Edelbert an die Türe und lädt mich ein, mit ihm zum Eriesee zu wandern. Darüber hinaus präsentiert der gute Mann ein Sechserpack Budweiser und wirft ein, dass er grossen Durst hat. Ich folge meinem Bekannten mit schnellen Schritten zum Ufer und lasse mich schnaufend auf einer Bank nieder. Der Professor folgt meinem Beispiel und prostet mir redlichst zu – wie schön.
17.30 Uhr Weil man nicht nur von flüssigem Brot leben kann, kehren wir nach dem Umtrunk in die “GOTL Brewing Company” Wirtschaft ein und ordern deftige Cheeseburger mit Kartoffelstäben. Die nette Kellnerin lässt sich nicht lumpen und fährt sogar etwas Speck für den hechelnden Vierbeiner auf – wie aufmerksam.
18.30 Uhr Wir geniessen das Abendessen in vollen Zügen und verabreden, dass wir morgen bis zu den Niagara Fällen vorstossen und dort das Wochenende verbringen sollten. Edelbert reibt sich die Hände und kann es kaum noch erwarten, in der kommenden Woche die kanadische Grenze zu überqueren und meine Verwandten wiederzusehen.


Prost

19.30 Uhr Nach dem feinen Essen torkeln wir zum Motel zurück und trinken eine letzte Hopfenkaltschale auf der Veranda unserer Motelanlage. Währenddessen spielt Dixon mit einem Tennisball und macht grosse Augen, als sich aus der Dämmerung plötzlich ein stattlicher Retriever nähert. Als ich die Bierflasche beiseite stelle, gesellt sich eine kleine Frau (56) zu uns und informiert, dass sie und ihr Haustier im Motelzimmer 17 untergebracht sind. Wir geben uns erleichtert und bringen heraus, dass Frau Abby eine Vertreterin ist und morgen nach Chicago weiterreisen wird.
20.00 Uhr Nachdem die Sonne im Eriesee versunken ist, schüttelnd wir Hände und kehren auf die Zimmer zurück. Gute Nacht.