13. Juli 2017 – Paul McCartney und Jack Kerouac

08.00 Uhr Auch am 194. Tag des Jahres stehe ich zeitig auf und absolviere auf der schattigen Terrasse die Morgengymnastik. Während ich mit den Armen rudere, werde ich plötzlich Zeuge, wie sich Herrn Booths Nichte im Schneidersitz am Teich niederlässt und eigenartige Summlaute von sich gibt.
08.30 Uhr Selbstverständlich geselle ich nach kurzem Zögern zu dem jungen Ding und lote aus, ob sie meditiert. Die 33jährige schenkt mir ein Lächeln und entgegnet, dass sie allmorgendlich Yogaübungen absolviert. Ich mache grosse Augen und bringe weiter in Erfahrung, dass die Maid dem Vorbild des indischen Gurus Lahiri Mahasaya folgt und mit diesen lächerlichen Leibesübungen die Vereinigung mit dem Unendlichen vollziehen möchte – jaja.


Yoga ist Unfug

09.00 Uhr Augenrollend mache ich kehrt und komme zu dem Schluss, dass die junge Generation den Verstand verloren hat. Trotzdem lasse ich mir die gute Laune nicht verderben und entspanne mich bei einem Wirbelbad.
10.00 Uhr Nachdem ich mich angezogen habe, statte ich meiner Nachbarin einen Besuch ab und lade mich zum Frühstück ein. Die Perle verwöhnt mich mit hausgemachten Eierkuchen und zitiert aus der Tageszeitung, dass Kalifornien den von Monsanto vertriebenen Unkrautvernichter „Glyphosat“ als krebserregend eingestuft hat. In diesem Zusammenhang berichtet die kleine Frau weiter, dass besagtes Pestizid auf vielen Feldern zum Einsatz kommt. Ich winke demonstrativ ab und verweise auf die Tatsache, dass die Menschen immer günstigere Lebensmittel fordern und die Erzeuger deswegen genötigt sind, immer grössere Mengen an Giften auf die Felder zu karren – wo soll das noch hinführen.
11.00 Uhr Pünktlich zum Elfuhrläuten wische ich mir das Maul an der Tischdecke ab und ziehe es vor, mich zu verabschieden. Zu allem Überfluss rennt Hund Dixon kläffend zum Teich bellt Fräulein Melody scharf an. Das Kind wischt sich den Schweiss von der Stirn und meint, dass es nun ihre tägliche Yogastunde beenden wird. Ich nicke eifrig und lasse es mir nicht nehmen, sie zu einem Glas Cola in mein bescheidenes Zuhause einzuladen. Melody freut sich sehr und lässt sich spornstreichs in der Hollywoodschaukel nieder. Währenddessen flitze ich wie der Wind in die Küche und fülle zwei Gläser mit braunen Limonade auf.


Wir schlürfen braune Limonade

11.30 Uhr Während ich meine Kehle durchspüle, redet Melody ohne Unterlass auf mich ein und informiert, dass sie am Montag das ausverkaufte Paul McCartney Konzert in der „Amalie Arena“ in Tampa, FL besucht hat. Ich staune nicht schlecht und erwähne beiläufig, dass ich gestern einen ausführlichen Artikel in der Zeitung überflogen habe. Mein Gegenüber schwärmt in den höchsten Tönen und verrät, dass der 75jährige Künstler nicht nur alte Beatles Klassiker, sondern auch zahlreiche Eigenkompositionen zum Besten gegeben hat – das soll mir auch Recht sein.
12.00 Uhr Als die Sonne ihren Höchststand erreicht hat, hüpft die junge Frau von der Hollywoodschaukel und kündigt an, nun ans Meer krusen zu wollen. Ich wünsche Fräulein Melody viel Vergnügen und verabschiede sie winkend. Danach schleppe ich mich verschwitzt ins Haus, um eine Fertigpizza im Ofenrohr aufzubacken.
13.00 Uhr Nachdem ich mich gestärkt habe, greife ich zum Telefon und rufe im fernen Kanada an. Nach dem zweiten Tuten habe ich Georg an der Strippe und erfahre, dass meine Verwandten am gestrigen Abend sicher in Toronto eingetroffen sind – wie beruhigend.
13.30 Uhr Um keine Langeweile zu bekommen, scheuche ich den Vierbeiner zum Auto und ringe mich dazu durch, Prof. Kuhn einen Besuch abzustatten. Während ich als dem Wohngebiet brettere, rufe ich den schlauen Mann kurzerhand an und vernehme, dass er den Nachmittag in den „Waterside Shops“ verbringt. Ich schnalze mit der Zunge und gebe zu Protokoll, dass ich in dreissig Minuten vor Ort sein werde.
14.00 Uhr Nach dem Parkvorgang schlendere ich in die „Barnes & Noble“ Buchhandlung und treffe meinen Bekannten am Belletristikregal an. Edelbert präsentiert einen Roman mit dem Titel „On the Road“ (löblich: Auf der Strasse) und setzt mich darüber in Kenntnis, dass Jack Kerouacs Geschichte von Literaturkennern als Meilenstein angesehen wird. Ich zucke mit den Schultern und lese auf dem Waschzettel, dass der Roman von zwei Freunden handelt, die quer durch die Vereinigten Staaten reisen – das hört sich verlockend an.


Jack Kerouac – On the Road

14.45 Uhr Nachdem ich 8,99 Dollars in ein Exemplar investiert habe, lade ich Edelbert in die benachbarte „True Food Kitchen“ Wirtschaft ein. Wir lassen uns an einem Tisch an der Glasfassade nieder und ordern bei einem beschürzten Kellner zwei grosse Kaffees sowie hausgemachten Apfelstrudel mit Schlagobers. Zudem verrate ich dem Professor, dass ich am Morgen ein längeres Gespräch mit Fräulein Melody führen konnte.
15.30 Uhr Zum Abschluss des Restaurantbesuchs suche ich den Waschraum auf und putze mir einen Sahnefleck vom T Hemd. Im Anschluss spaziere ich mit Edelbert zum Parkplatz und merke an, dass ich nun nach Hause fahren und mich von den Strapazen des Tages entspannen werde – immerhin bin ich nicht mehr der Jüngste.


Mein Zuhause unter Palmen

16.15 Uhr Zurück im Willoughby Drive, werfe ich die Pforte ins Schloss und falle erschöpft aufs Kanapee. Bereits nach wenigen Augenblicken döse ich ein und träume von meiner lieben Familie im fernen Kanada.
17.15 Uhr Der Vierbeiner weckt mich fiepend und fordert mich auf, seinen Napf mit Futter aufzufüllen. Ich komme meinen Pflichten augenblicklich nach und nehme selbst mit zwei Wurstbroten Vorlieb. Dazu trinke ich drei Gläser Rotwein und verzehre ausserdem eine pralle Pfirsich aus dem Nachbarstaat Georgia – das schmeckt.
18.00 Uhr Nach der schweisstreibenden Hausarbeit lege ich die Beine hoch und folge interessiert den Nachrichten auf FOX. Ich mache mich über die Geschehnisse in der Welt schlau und lerne, dass am Wochenende ein Tiefdruckgebiet über Florida ziehen und für kühlere Temperaturen sorgen wird – das hört man gerne.
19.00 Uhr Zur besten Sendezeit schalte ich auf den Bezahlsender Showtime um und erfreue mich an der Serie „Shameless“ (löblich: Schamlos), die von einer asozialen Familie in Chicago erzählt.
21.00 Uhr Nach zwei Episoden beende ich lachend den Fernsehabend und lege mich schlafen. Gute Nacht.