28. Mai 2013 – Eine neue Schwarzbeere

pfaffenbergkl

07.30 Uhr Ich werde durch ohrenbetäubendes Telefonläuten geweckt. Zu allem Überfluss meldet sich meine Schwester Hildegard und teilt mir mit, dass sie operiert werden muss. Die 80jährige bricht in Tränen aus und plappert davon, dass sie am “grauen Star” leidet und sich in der “Augenklinik der Universität München” einem komplizierten Eingriff stellen muss. Ich seufze laut und entgegne, dass dieser Makel heutzutage im Handumdrehen behoben werden kann. Um meinen Aussagen Nachdruck zu verleihen, verweise ich auf einen Aufsatz, den ich vor wenigen Wochen in der Tageszeitung gelesen habe und informiere, dass bei einer altersbedingten Trübung des Auges ein einfacher Lasereingriff erfolgt. Hildegard jammert in einer Tour und sagt, dass sie trotzdem eine Nacht im Krankenhaus bleiben muss.
08.15 Uhr Nachdem ich meiner Schwester sämtliche Selbstmordgedanken ausgeredet habe, hüpfe ich aus dem Wasserbett und absolviere die Morgengymnastik – das tut gut.
08.45 Uhr Während Dixon im Garten bleibt und mit einer altersschwachen Möwe spielt, ziehe ich mich in die Nasszelle zurück. Ich lasse mir ein löbliches Wirbelbad einlaufen und rufe während des Badevergnügens bei Elsbeth in der Hansestadt Hamburg an. Meine liebe Schwester meldet sich nach dem dritten Tuten und bestätigt, dass Hildegard mit den Nerven am Ende ist. Elsbeth macht sich die grössten Sorgen und sichert zu, noch heute eine Zugfahrkarten zu lösen und am Wochenende nach Eichstätt zu fahren – wie schön
09.45 Uhr Just als ich der Guten eine entspannte Zugfahrt wünsche, gleitet mir das NOKIA Handtelefon aus der Hand und plumpst ins Badewasser. Obgleich ich das Schnurlostelefon mit einem Frotteehandtuch abwische, verweigert es sämtliche Dienste – wie unlöblich.

nokiahandtelefon

10.15 Uhr Ich raufe mir die Haare und lasse Hund Dixon wissen, dass ich nun für meine Freunde und Bekannten nicht mehr erreichbar bin. Da ich als staatlich anerkannter Experte auf ein Handtelefon angewiesen bin, ringe ich mich dazu durch, gleich zum WAL MART zu krusen und ein neues Telefon zu kaufen.
11.15 Uhr Nach einer spärlichen Mahlzeit eile ich mit Hund Dixon im Schlepptau zum frisch aufpolierten Chevrolet, um mit durchdrehenden Reifen zum Ferienhaus meiner Liebsten zu preschen.
11.45 Uhr Kurz vor der Mittagszeit läute ich an der Villa meiner Verwandten und werde von Georg herzlich begrüsst. Ich fackle nicht lange und gebe meinem Bruder zu verstehen, dass mir das NOKIA Handtelefon in die Badewanne gefallen ist. Mein Gegenüber krümmt sich vor Lachen und meint, dass es an der Zeit wäre, auf das nagelneue BLACKBERRY Q10 umzusteigen.
12.30 Uhr Nachdem wir mit Maria Kaffee getrunken haben, steuern wir den WAL MART am Collier Boulevard an. Während der Fahrt versorgt mich Georg mit Fakten und verdeutlicht, dass das aktuelle Blackberry Telefon über eine praktische Tastatur sowie eine prima Kamera verfügt – wie aufregend.
13.00 Uhr Am Ziel angekommen, schlendern wir durch das Geschäft und statten der Elektronikabteilung einen Besuch ab. Prompt werden wir fündig und lernen, dass besagte Schwarzbeere 635 Dollars kosten soll. Ein freundlicher Verkäufer macht mich mit der Funktionsweise des Telefons vertraut und behauptet, dass dieses Gerät neben einer 8 Megapixel Kamera auch über einen Doppelkern-Prozessor der neuesten Generation verfügt. Weil ich schnellstmöglich wieder erreichbar sein muss, zücke ich meine Meisterkarte (unlöblich: Mastercard) und lege ein Exemplar in den Einkaufswagen.
14.00 Uhr Um ein kleines Vermögen erleichtert, verlassen wir das Geschäft und kehren in die benachbarte Dairy Queen (löblich: Molkerei Königin) Wirtschaft ein. Während wir Hamburger verzehren, legt Georg die Telefonkarte in die Schwarzbeere ein und erklärt, dass ich nun wieder auf meine Anruferliste zurückgreifen kann – wie schön.

schwarzbeere

14.45 Uhr Im Anschluss bringe ich Georg sicher in den Lowbank Drive zurück und kann es gar nicht mehr erwarten, mit meiner Neuanschaffung das erste Telefonat zu führen. Ich wünsche Georg einen schönen Tag und trete zu stimmungsvoller WCKT CAT COUNTRY (löblich: Katze Land) Radiomusik die Heimfahrt an.
15.30 Uhr Zurück in der kleinen Villa, mache ich es mir auf der schattigen Terrasse gemütlich und studiere budweiserschlürfend die Gebrauchsanweisung. Unter anderem verfasse ich eine Kurzdepesche an meine unterbelichtete Mieterin und füge einen Schnappschuss meines Petersilienbeetes an.
16.15 Uhr Anschliessend tippe ich Prof. Kuhns Nummer ein und habe nach wenigen Sekunden das Vergnügen, mit Edelbert sprechen zu können. Natürlich berichte ich von meinem Missgeschick und erwähne, dass ich knapp 700 Scheine in ein neues Handtelefon investieren musste. Der Professor wird sogleich hellhörig und sagt, dass er meinem Beispiel folgen und sich auch eine Schwarzbeere zulegen wird – das ist typisch.
17.00 Uhr Als der Stundenzeiger meiner ROLEX auf 5 deutet, lasse ich das Telefon in meine Hosentasche gleiten und bereite ein nahrhaftes Abendessen zu. Während sich Dixon über gesundes Trockenfutter aus dem Hause ROYAL CANIN freuen darf, nehme ich mit vitaminreichen Langnudeln mit Pesto Vorlieb. Um der Spezialität eine besondere Note zu verleihen, träufle ich etwas Olivenöl über die Teigwaren – wie gut das duftet.
18.00 Uhr Zum Abschluss des Tages telefoniere ich noch einmal mit Georg und bringe heraus, dass meine Verwandten am Abend ein Theaterspiel im örtlichen “Off the Hook Comedy Club” (löblich: Aus dem Schneider Komödienstadl) besuchen wollen. Ferner höre ich, dass Georg morgen mit Herrn Wang nach Miami fahren wird, um die “CONEXPO SOUTH” Baumaschinenmesse zu besichtigen – das soll mir auch Recht sein.

19.00 Uhr Nachdem ich die Küche geputzt habe, lege ich im Wohnzimmer die Beine hoch und schalte die Glotze ein. Ich wähle das Qualitätsprogramm von HBO aus und erfreue mich an der englischen Komödie “Angels Share”. Der abendfüllende Spielfilm entführt mich nach Schottland und ich werde Zeuge, wie vier arbeitslose Jungspunde den teuersten Whiskey der Welt stehlen wollen. Ich amüsiere mich köstlich und genehmige mir während des Fernsehabends einige Jack Daniels – das schmeckt.
21.00 Uhr Der Abspann flimmert über den Flachbildschirm und ich reguliere die Klimaanlage. Nach einem kleinen Gassigang durch den Garten, lösche ich das Licht und lege mich schlafen. Gute Nacht.