Reinhard Pfaffenbergs löbliches Tagebuch Archiv

 

 

06.10.2010

06.30 Uhr Schon zu früher Stunde werde ich durch schrilles Telefonbimmeln aus einem schönen Traum gerissen. Ich nehme verärgert den Hörer von der Gabel und staune nicht schlecht, als sich ein Hotelbediensteter in der Leitung meldet. Der Heini stellt sich mir als Nachtportier des "Sheraton Fisherman's Wharf" vor und erklärt, dass die Alarmanlage meines JEEPS schon seit Stunden im Parkhaus für Ärger sorgt - wie schrecklich. Ich hüpfe augenblicklich aus dem Bett und lasse den Knecht wissen, dass ich mich umgehend auf den Weg machen werde. Bevor der Mann antworten kann, beende ich das Gespräch und renne badebemäntelt zum Aufzug. 
06.45 Uhr Wenig später treffe ich am KFZ ein und werde von einem Sicherheitsbeauftragten per Handschlag begrüsst. Um schlimmeres Unheil abzuwenden, schliesse ich die Türe auf und mache es mir zur Aufgabe, die schrille Sirene abzustellen. Ferner tausche ich mich mit dem Nachtwächter aus und bringe in Erfahrung, dass der Alarmton gegen halb Fünf angegangen ist und nicht mehr verstummen wollte. Ich umrunde das KFZ argwöhnisch und erkenne, dass sich Gott sei Dank kein Dieb am JEEP zu schaffen gemacht hat. Mein Gegenüber gibt sich mir als Experte zu erkennen und unkt, dass möglicherweise ein Fehler an der Elektronik vorliegt. Ich winke gelangweilt ab und entgegne, dass ich in den letzten Wochen fast 5.000 Meilen mit diesem Fahrzeug zurückgelegt habe und keine Probleme feststellen konnte. Das Wachorgan nickt eifrig und bittet mich, in den nächsten Tagen trotzdem eine Werkstatt aufzusuchen. 
07.30 Uhr Wieder zurück im Zimmer, greife ich zur Schwarzbeere (unlöblich: Blackberry) und lasse es mir nicht nehmen, Edelbert über den eigenartigen Vorfall aufzuklären. Der Professor kommt aus dem Lachen gar nicht mehr heraus und erinnert, dass wir schon in Salt Lake City Probleme mit dem Auto hatten. Ausserdem behauptet der schlaue Mann, dass es gescheiter wäre, den Geländewagen zu verschrotten und in einem neuwertigen FORD MUSTANG die Heimreise anzutreten - wie unlöblich. 
08.00 Uhr Nachdem ich meiner Reisebegleitung versprochen habe, in einer Stunde am Empfang zu erscheinen, beende ich das Telefonat und entspanne mich bei einem Vollbad. Unterdessen rufe ich spontan bei James in der alten Heimat an und gebe zu Protokoll, dass wir gestern sicher in San Franzisko angekommen sind. Mein löblicher Verwandter freut sich und lotet aus, ob wir uns schon ins Getümmel gestürzt und ordentlich abgefeiert haben. Natürlich belehre ich den Buben eines Besseren und weise auf die Tatsache hin, dass wir an der Kultur interessiert sind gleich das "Museum of Modern Art" besichtigen werden. James kann sich ein Lachen nicht verkneifen und wünscht mir viel Vergnügen - wie schön. 
09.00 Uhr Pünktlich auf die Minute finde ich mich in Begleitung des Vierbeiners in der Hotelhalle ein und halte ungeduldig nach Edelbert Ausschau. Der Professor lässt nicht lange auf sich warten und erzählt, dass er gerade ein längeres Telefonat mit Admiral a.D. Bürstenbinder führen musste. Während wir in die hoteleigene Frühstückswirtschaft schlendern, höre ich, dass Frederick von Braustein gestern Abend mit Blaulicht ins Krankenhaus abtransportiert wurde. Edelbert geht noch weiter und berichtet, dass der gute Mann wegen einer akuten Blinddarmreizung sogar operiert werden musste. Prof. Kuhn gibt sich jedoch erleichtert und sagt, dass es Frederick mittlerweile schon wieder besser geht - wie schön. 
09.30 Uhr Gutgelaunt lassen wir uns an einem einladenden Ecktisch nieder und bestellen bei einer Kellnerin mit Zungenpiercing zwei Frühstücke sowie eine Schüssel Wasser für Hund Dixon. Während wir uns an den Köstlichkeiten laben, komme ich abermals auf den JEEP zu Sprechen und gebe vor, dass das Auto bestens in Schuss ist und mir noch viel Freude bereiten wird. Edelbert stimmt uneingeschränkt zu und kündigt an, dass uns das Auto heute Morgen über die "Golden Gate Brücke" bis nach Sausalito bringen muss - das sollte ein Leichtes werden. 
10.15 Uhr Kurz nachdem der Stundenzeiger meiner wertvollen ROLEX auf 10 umgesprungen ist, hüpfen wir in den JEEP und fahren gemächlich aus der Tiefgarage. Bei stimmungsvoller Musikuntermalung schlängle ich mich durch den dichten Vormittagsverkehr und stelle klar, dass man diese Metropole am Pazifik besucht haben muss. Mein Bekannter schlägt in die gleiche Kerbe und informiert, dass in dieser Gegend früher die Travianer Indianer lebten, die bis ins 19. Jahrhundert von englischen und spanischen Besatzern verfolgt wurden. Letztendlich siedelte sich der spanische Seefahrer Hernán Cortés auf der sogenannten "Halbinsel zwischen Golf und Ozean" an und gab dem Gebiet den Namen "California". Die ersten aus Europa stammenden Siedler kamen 1776 nach Kalifornien und gründeten in Erinnerung an den Heiligen Franz von Assisi die Stadt "Saint Francis" - das ist phantastisch. 
10.45 Uhr Dreissig Minuten später ist es endlich soweit und wir können auf der von Joseph B. Strauss im Jahre 1937 fertiggestellten "Golden Gate Brücke" die San Francisco Bucht überqueren. Währenddessen blicken wir fasziniert auf die Gefängnisinsel "Alcatraz" und plaudern über die spannende Hollywoodproduktion "Escape from Alcatraz" (löblich: Flucht von Alcatraz) aus dem Jahre 1979. Edelbert deutet beeindruckt auf das Eiland und sagt, dass es während der 29 Jahre dauernden Nutzung der Vollzugsanstalt niemandem offiziell gelang, aus dem Gefängnis auszubrechen. 
11.15 Uhr Nachdem wir die Brücke hinter uns gelassen haben, folgen wir dem legendären Highway 101 nach Norden und freuen uns, als wir nach wenigen Meilen das Ortsschild von Sausalito passieren. Ich drossle die Geschwindigkeit und parke das Auto unweit einer Italiengaststätte namens "Ciao". Mit Hund Dixon im Schlepptau spazieren wir an der Hafenpromenade entlang und blicken auf Alcatraz und die Himmelslinie (unlöblich: Skyline) von San Franzisko. HEUREKA - dieses Bild muss man gesehen haben. 
12.00 Uhr Als die Sonne ihren Höchststand erreicht hat, kehren wir in das französische Bistro "Le Garage" ein und lassen uns hungrig an einem Fenstertisch mit Ausblick nieder. Ein zuvorkommender Kellner im Frack heisst uns herzlich Willkommen und kredenzt die Tageskarten. Ich überfliege die Speisenfolge ganz genau und entscheide mich für ein Gericht namens "Quiche Lorraine". Der hochnäsige Ober notiert sich die Bestellung und fährt nach wenigen Minuten einen herzhaften Zwiebelkuchen mit Schinken auf. Dazu verköstigen wir einen trockenen Weisswein aus dem benachbarten Nappa Valley - das schmeckt. 
12.30 Uhr Während wir auf das azurblaue Wasser spähen und mit den Gläsern anstossen, schwelgt Edelbert in Erinnerungen und berichtet, dass in den frühen 1970er Jahren der sogenannte "Zodiac-Killer" hier sein Unwesen getrieben hat. Der Professor ist wie immer bestens informiert und erzählt, dass der Massenmörder im Raum San Franzisko zwischen Dezember 1968 und Oktober 1969 mindestens sieben Menschen ermordete und insgesamt 37 Briefe an Lokalzeitungen schrieb, in denen er weitere Schandtaten ankündigte. Mein Tischnachbar lässt mich wissen, dass die Morde bis heute nicht aufgeklärt werden konnten - wie unlöblich. Ich blicke mich skeptisch um und erwidere, dass Dixon ein wachsamer Begleiter ist und uns bestimmt vor Übergriffen aller Art beschützen wird.
13.30 Uhr Nachdem wir uns die Bäuche vollgeschlagen und die Rechnung in Bar beglichen haben, machen wir uns ruckzuck auf den Heimweg. Bei angenehmen Temperaturen werfen wir Stöckchen und erfreuen uns an den wärmenden Sonnenstrahlen, die Petrus zur Erde schickt. 
14.15 Uhr Wieder zurück am Fahrzeug, sehen wir uns plötzlich mit einem Hilfsscherriff des "Sausalito Police Department" konfrontiert. Der Ordnungshüter schimpft wie ein Rohrspatz und sagt, dass während unserer Abwesenheit mehrmals die Autoalarmanlage ertönt ist. Ich schlage demonstrativ die Hände über dem Kopf zusammen und versichere, dass ich nun Nägel mit Köpfen machen und spornstreichs einen Mechaniker zu Rate ziehen werde.
14.30 Uhr Als wir in den Wagen einsteigen wollen, zückt der Polizist seinen Schreibblock und stellt uns einen Strafzettel über 25 Dollars aus. HEUREKA - gleich platzt mir der Kragen. Missmutig helfe ich Dixon auf den Rücksitz und rasen hupend in Richtung San Franzisko davon. 
15.00 Uhr Bevor wir die "Golden Gate Brücke" überqueren, steuern wir die "Bridgeway Gas Station" (löblich: Brückenweg Tankstelle) an und animieren einen zigaretterauchenden Knecht, einen Blick in den Motorraum zu werfen. Herr Salvador (23), seines Zeichens illegaler Einwanderer aus Mexiko, kommt der Aufforderung anstandslos nach und gibt in einem kaum verständlichen Kauderwelsch vor, dass ein Sicherungselement in der Elektroniksteuerung ausgetauscht werden muss. Als ich mich schon im Armenhaus sitzen sehe, kramt der Tankwächter das besagte Ersatzteil aus seiner Hosentasche und meint, dass er uns fünf Dollars in Rechnung stellen muss - wie schön. 
15.30 Uhr Nach wenigen Minuten können wir unsere Reise fortsetzen und gemächlich über die Brücke zum "San Francisco Museum of Modern Arts" weiterfahren. Während wir mit 55 Meilen pro Stunde unterwegs sind, lasse ich kein gutes Haar am JEEP Konzern und spiele mit dem Gedanken, mir in nächster Zeit einen Neuwagen anzuschaffen. Edelbert teilt meine Meinung und sagt, dass sich ein schicker MUSTANG sehr gut in meiner Garagen machen würde. 
16.15 Uhr Kurze Zeit später können wir den Wagen vor dem überdimensionalen Museumsbau in der Third Street parken und mit Dixon ins Innere des SFMOMA eilen. Wie nicht anders zu erwarten, bekomme ich an der Kasse die Auskunft erteilt, dass Hunden der Zutritt zu den Ausstellungshallen verwehrt bleibt. Weil ich nicht auf den Kopf gefallen bin, greife ich erneut auf Trick 17 zurück und gebe zu bedenken, dass ich am "grauen Star" leide und auf meinen Blindenhund nicht verzichten kann. Die kleine Frau am Eintrittskartenschalter entschuldigt sich vielmals und überreicht mir zwei Billets zu je 9 Dollars - das klappt wieder wie am Schnürchen. 
17.00 Uhr Während unseres lehrreichen Rundgangs kommen wir unter anderem in den Genuss, Gemälde von weltbekannten Künstlern wie Paul Klee, Henri Matisse und Jerry James Marshall zu bestaunen. Ich lasse die moderne Kunst jedoch links liegen und gebe mich einer Ausstellung mit dem Titel "Photographs of a Man - Altered Landscape" (löblich: Photografien eines Mannes - geänderte Landschaft) hin. Mit grossem Interesse begutachte ich Schwarz-Weiss Photos aus längst vergangenen Epochen und stelle klar, dass es Robert Adams, Lewis Baltz, Bernd Becher, Joe Deal, Frank Gohlke, Nicholas Nixon, John Schott, Stephen Shore und Henry Wessel wirklich verstehen, mit dem Photoapparat umzugehen. Edelbert legt seine Stirn in Falten und meint, dass es keine grosse Kunst ist, einen Strassenzug im "Big Apple" (löblich: grossen Apfel) abzulichten - papperlapapp. 
18.00 Uhr Nach einer Stunde finden wir uns auf der Strasse wieder und können gutgelaunt zum Sheraton Hotel zurückfahren. Ich folge der Leavenworth Strasse nach Norden und bemerke, dass der JEEP Motor merkwürdige Kratzgeräusche von sich gibt. Edelbert macht sich ebenfalls Sorgen und vermutet, dass die Geräusche von der Nockenwelle stammen könnte - wie unlöblich.
18.30 Uhr Zurück im "Sheraton Fisherman's Wharf", lotse ich das Haustier und den Professor ins SOL Restaurant und gebe mich spendabel. Ich bestelle eine Flasche "2006 Cabernet Sauvignon" aus der "Paradigm Winery" (löblich: Paradigm Winzerei) in Oakville und ordere zudem zwei vitaminreiche New York Strip Steaks (löblich: New York Streifen Schnitzel) vom Grill mit Butterbohnen und Folienkartoffeln - das gibt ein Festessen. 
19.00 Uhr Während wir kraftvoll zubeissen und am Rebentrunk nippen, tratschen wir über unsere morgigen Aktivitäten und vereinbaren, dass wir der Episkopalkirche "Grace Cathedral"auf dem Nob Hill und der "Transamerica Pyramid" im Financial-District (löblich: Finanzdistrikt) einen Besuch abstatten könnten. Edelbert ist begeistert und schlägt vor, dass wir auch das Zentrum der Langhaarigen im Stadtteil "Haight-Ashbury" besichtigen sollten. 
20.00 Uhr Nachdem ich meine Kreditkarte mit 112 Dollars belastet und etwas Kleingeld auf dem Tisch hinterlassen habe, wünsche ich dem Professor eine gute Nacht. Ich ziehe mich gähnend auf mein Zimmer zurück und vergesse nicht, Hund Dixon ebenfalls ein Abendessen hinzustellen. Danach putze ich mir die Zähne und lege mich ins Bett, um noch etwas fernzusehen. Weil keine brechenden Neuigkeiten (unlöblich: Breaking News) auf CNN vorliegen, wähle ich das Qualitätsprogramm von FOX aus und fröne der lustigen Kochschau "Hell's Kitchen" (löblich: Höllenküche) mit dem schottischen Sternekoch Gordon Ramsay. Unter anderem werde ich Zeuge, wie der Küchenprofi schmackhafte Hühnerleber in einer Pfanne mit Teflonbeschichtung andünstet und mit einem Schuss Sherry verfeinert. HEUREKA - gleich läuft mir das Wasser im Munde zusammen.
21.00 Uhr Als der Abspann über den Flachbildschirm flimmert, schalte ich ab und schlafe schon bald ein. Gute Nacht.

 

verfasst von Reinhard Pfaffenberg am 06.10.2010
© Reinhard Pfaffenberg