Reinhard Pfaffenbergs löbliches Tagebuch Archiv

 

 

05.10.2010

07.00 Uhr Ich werde durch das ohrenbetäubende Schellen der Schwarzbeere (unlöblich: Blackberry) geweckt und habe Sandra dran. Das Kind kommt aus dem Plappern gar nicht mehr heraus und erzählt, dass es in Deutschland bereits 16 Uhr geschlagen hat. Ich falle der unterbelichteten Maid nörgelnd ins Wort und erwidere, dass ich noch geschlafen habe und von meinem Eigenheim im Waldweg11 geträumt habe. Sandra will von alledem nichts wissen und macht mich auf die Tatsache aufmerksam, dass sie gestern beim Arzt war und geröntgt werden musste. Zudem bringe ich heraus, dass sich meine Mieterin eine schwere Zerrung im Handgelenk zugezogen hat und bis zum Wochenende einen Druckverband tragen muss. Sandra legt besonders schlechte Laune an den Tag und meint, dass es ihr bis zum Samstag nicht möglich sein wird, die Hausarbeit zu erledigen. Weil ich mich nicht um alles kümmern kann, fordere ich das Mädchen auf, Frau Mars zu kontaktieren und um Unterstützung zu bitten. 
07.30 Uhr Nachdem ich sämtliche Probleme aus der Welt geschafft habe, eile ich ins Badezimmer und dusche mich heiss ab. Unterdessen mache ich mir meine eigenen Gedanken und komme schnell zu dem Schluss, dass Sandra nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Anstatt sich um die Hauskatzen Jenny und Tony zu kümmern, zieht es die Maid vor, ausgelassen zu feiern und die Nächte zum Tag zu machen. HEUREKA - wo soll das nur hinführen. 
08.15 Uhr Nach dem Duschvergnügen greife ich abermals zum Schnurlostelefon und rufe diesmal meinen löblichen Neffen an. James nimmt das Gespräch nach dem zweiten Klingeln an und bestätigt, dass er just im Moment Herrn Dietz und dessen Freundin Laurie zum Franz Josef Strauss Flughafen kutschiert. Trotz aller Ausreden animiere ich den Buben, schleunigst in der Villa nach dem Rechten zu sehen. Mein Neffe seufzt in einer Tour und sagt, dass er sein Möglichstes tun und Sandra tatkräftig unterstützen wird – wie schön. 
08.45 Uhr Kurz vor dem Neunuhrläuten werfe ich meine Habseligkeiten in die Reisetasche und mache es mir zur Aufgabe, Hund Dixon an die Leine zu nehmen und Edelberts Zimmer aufzusuchen. Ich poche mit der Faust an die Türe und freue mich, als mir der Professor endlich Einlass gewährt. Meine Reisebegleitung hat sich bereits in Schale geworfen und unterbreitet, dass wir vor der Weiterfahrt das Frühstück in einem der umliegenden Restaurants einnehmen könnten. Ich schlage in die gleiche Kerbe und lasse Edelbert wissen, dass mein Magen bereits knurrt. 
09.00 Uhr Um nicht noch mehr Zeit zu vertrödeln, schleppen wir das Reisegepäck nach unten und geben dem Heini an der Rezeption die Schlüsselkarten. Danach hüpfen wir in den JEEP und krusen auf dem "Eldorado Freeway" in Richtung Westen davon. Nachdem wir den Sacramento River überquert haben, halten wir nach einer einladenden Wirtschaft Ausschau und entschliessen uns, kurzerhand in eine "Denny's" Filiale einzukehren. 
09.30 Uhr Während wir ein "Grand Slam Breakfast" (löblich: Grosser Schlag Frühstück) verzehren, lasse ich das Telefonat mit Sandra in allen Einzelheiten Revue passieren. Mit erhobenem Zeigefinger mache ich auf das Oktoberfestmissgeschick meiner Mieterin aufmerksam und berichte, dass das Kind von einem Betrunkenen zu Boden gestossen wurde und sich den Arm verstaucht hat. Edelbert schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und meint, dass man in Deutschland längst nicht mehr in Sicherheit leben kann - wie wahr. Ausserdem kommt Edelbert auf das Ende des weltgrössten Bierfests zu Sprechen und erläutert, dass sich die Zeltbetreiber und Schausteller über Rekordeinnamen freuen durften. Wenn man den Aussagen der Oktoberfestsprecherin Gabriele Papke Glauben schenken darf, sollen sich anlässlich des 200jährigen Jubiläums weit über 6,2 Millionen Besucher auf der Theresienwiese getummelt haben - das ist ja allerhand.
10.15 Uhr Nun ist aber die Zeit gekommen, der Hauptstadt des Bundesstaates Kalifornien auf Wiedersehen zu sagen. Redlichst gestärkt verlassen wir das Gasthaus und schicken uns an, die 90 Meilen entfernte Metropole San Franzisko anzusteuern. Während Gesangsstern Jimmy Buffett im Radio seinen Weltschlag "Margaritaville" singt, fahre ich auf die Interstate 60 und lasse Edelbert wissen, dass wir in Kürze Berkeley passieren werden. Mein Nebenmann schnalzt mit der Zunge und behauptet, dass er viele Jahre an der örtlichen Universität als Dozent für Psychologie und Deutsch beschäftigt war - das ist phantastisch. 
11.00 Uhr Als sich nach fünfundvierzig Minuten die San Pablo Bay vor uns auftut, lotst mich Prof. Kuhn am "Wildcat Canyon Regional Park" vorbei und sagt, dass er unbedingt an seinem ehemaligen Haus im Stadtteil Kensington vorbeifahren muss. Weil wir alle Zeit der Welt haben, komme ich der Bitte anstandslos nach und drossle die Geschwindigkeit. 
11.30 Uhr Wenig später komme ich vor einem schönen Anwesen in der Pomona Avenue zum Halten und lerne, dass der Professor hier viele Jahre zur Miete gewohnt hat. Zu allem Überfluss rennt der schlaue Mann zum Nachbarhaus und betätigt die Klingel. Als wir uns nach wenigen Sekunden mit einem bierbäuchigen Heini konfrontiert sehen, klopft sich Edelbert lachend auf die Schenkel und macht mich mit Herrn Jenkins (61) bekannt, der einst sein Nachbar war - wie schön. Der alte Mann ist sichtlich überrascht und winkt uns zuvorkommend in die gute Stube herein. 
12.00 Uhr Während wir mit eiskalten Miller Light (löblich: Leicht) Bieren anstossen und Kleingespräche (unlöblich: Smalltalk) führen, kommt Edelbert auf unsere Reise zu Sprechen und macht darauf aufmerksam, dass wir seit mittlerweile 18 Tagen unterwegs sind. Der Hausbesitzer staunt nicht schlecht und sagt, dass er seit vielen Jahren mit einem schweren Bandscheibenvorfall zu kämpfen hat und auf weite Autofahrten verzichten muss. Ich stimme uneingeschränkt zu und weise darauf hin, dass mein Rücken ebenfalls weh tut. Edelbert beruhigt mich redlichst und verspricht, dass wir bald in San Franzisko ankommen und uns drei Tage lang erholen können - das will ich hoffen.
12.30 Uhr Nachdem wir unsere ausgetrockneten Kehlen geölt haben, wünschen wir Herrn Jenkins alles Gute und setzen unsere Fahrt fort. Mit quietschenden Reifen presche ich vom Grundstück und steuere als nächstes die Universität von Kalifornien an. Unterdessen versorgt mich mein Bekannter mit Fakten und erzählt, dass auf dem Campus derzeit 35.000 Studenten lernen und interessante Studiengänge wie Ingenieurwissenschaften, Journalismus, Pädagogik oder Wirtschaft belegt haben. Weiter erfahre ich, dass der Pastor Henry Durant dieses Gelände im Jahre 1855 für wenig Geld aufkaufte und sich entschloss, eine Volluniversität für Hochbegabte einzurichten. Die Universität fusionierte um 1866 mit der Hochschule in Oakland und stieg in der Folgezeit zu einer der wichtigsten Bildungsstätten der Welt auf. Der Professor knipst Photos am laufenden Band und erinnert daran, dass er von 1992 bis 2002 das Vergnügen hatte, hier als Dozent zu arbeiten und wissenschaftliche Forschung zu betreiben - wie aufregend. 
13.15 Uhr Kurze Zeit später können wir die San Franzisko Bucht überqueren und einen prima Ausblick auf die Millionenstadt am Pazifischen Ozean erhaschen. Edelbert reibt sich die Hände und sagt, dass wir am Endpunkt unserer langen Reise angekommen sind. Ich gebe mich nachdenklich und erwidere, dass dieses Land wundervoll ist und keinen Eiffelturm, kein Taj Mahal und keine königliche Paläste benötigt. Kurze Zeit später biegen wir auf die "Embarcadero" Schnellstrasse auf, die uns im Handumdrehen zum renommierten "Sheraton Fisherman's Wharf Hotel" bringen wird.
14.00 Uhr Endlich treffen wir am Ziel ein und können den PS-strotzenden Geländewagen im angeschlossenen Parkhaus abstellen und unser Gepäck zum Empfang schleppen. Eine blondierte Hotelmaid namens Nina (25) heisst uns herzlich Willkommen und gibt zu Protokoll, dass leider keine Buchung für zwei Zimmer mit Meerblick vorliegt. Ich werfe Edelbert skeptische Blicke zu und lasse die kleine Frau wissen, dass mein Bekannter am Wochenende telefonisch reserviert hat. Der Professor bestätigt meine Aussage und sagt, dass wir bis Freitag bleiben wollen. Nach langem Hin und Her zeigt die Tante hinter dem Tresen endlich einsichtig und überreicht uns lächelnd die Schlüsselkarten für zwei Zimmer im zweiten Obergeschoss - wie schön. Mit Hund Dixon im Schlepptau laufen wir nach oben und sind angesichts der luxuriösen Ausstattung ganz begeistert. Edelbert meint, dass wir uns jetzt entspannen und danach den Hafen besichtigen könnten - das soll mir Recht sein. 
14.45 Uhr Nachdem ich Dixon eine reichhaltige Brotzeit kredenzt habe, schlüpfe ich in meinen Seidenpyjama und lege auf dem bequemen King-Size Bett ein wohlverdientes Päuschen ein. Schon bald döse ich ein und träume von der nervenaufreibenden Fahrt quer durch den Kontinent. 
15.45 Uhr Just als ich mich im Traum vor dem "Crazy Horse" Denkmal in den schwarzen Bergen (unlöblich: Black Hills) stehen sehe, wird mein Nickerchen durch lautes Klopfen unterbrochen. Ich finde Edelbert auf dem Gang vor und bringe heraus, dass wir nun das Hafengelände inspizieren und ein verspätetes Mittagessen einnehmen werden.
16.15 Uhr Nach einem kurzweiligen Fussmarsch entlang der Mason Street finden wir uns plötzlich im Getümmel unzähliger Touristen am "Fisherman's Wharf" (löblich: Fischermanns Werft) wieder. Edelbert deutet in Richtung Westen und sagt, dass die "Golden Gate Bridge" (löblich: Goldene Tor Brücke) leider im Nebel versunken ist - wie schade. Im Anschluss zerrt mich der Professor zu einem vor Anker liegenden U-Boot. Ich betrachte die "USS Pampanito" ganz genau und erhalte die Auskunft, dass dieses stolze Unterseeboot anno 1943 in Kittery, Maine vom Stapel lief und in der japanischen See eingesetzt wurde. Nachdem es zwei Jahre später zu einem Waffenstillstand zwischen den garstigen Japanern und den Alliierten kam, wurde der Stahlkoloss nach San Franzisko zurückbeordert und dient seit 1960 als Museumsschiff. Edelbert freut sich und bugsiert mich als nächstes zum örtlichen Wachsmuseum. 
16.45 Uhr Weil ich es leid bin, mich der kühlen Brise auszusetzen, erhebe ich Einspruch und stelle klar, dass es langsam Zeit wird, etwas Warmes in den Magen zu bekommen. Der Professor überlegt kurz und entgegnet, dass er früher sehr gerne bei "Johnny Rockerts" gegessen hat. Um weiteren Diskussionen aus dem Weg zu gehen, folge ich meinem Bekannten in besagtes Schnellessgaststätte und ordere an der Essensausgabe einen "Bacon Cheddar Double Burger" (löblich: Speck Käse Doppelburger) mit hausgemachten Kartoffelstäben und frittierten Zwiebelringen. Dazu gibt es einen XXL-Becher mit süffiger TROPICANA Orangenlimonade - das schmeckt. Ich beisse kraftvoll zu und vergesse auch nicht, Hund Dixon etwas von der köstlichen Mahlzeit abzugeben. Unterdessen plaudere ich mit dem Professor und höre, dass wir morgen in aller Frühe über die "Golden Gate Brücke" fahren und anschliessend das Fischerdorf Sausalito besichtigen werden. Edelbert geht noch weiter und regt an, dass zudem ein Besuch des "Museums of Modern Arts" (löblich: Museum der modernen Küste) und eine Fahrt mit einem "Cable Car" (löblich: Kabelauto) ansteht – wie aufregend. 
17.30 Uhr Nachdem wir uns die Füsse vertreten und das "Pier 39" besucht haben, machen wir uns auf den Heimweg. Mit einer schönen Melodie auf den Lippen schlendern wir an der unruhigen See entlang und haben das grosse Glück, im trüben Wasser lustige Seehunde zu entdecken. Edelbert zückt prompt seine NIKON Kamera und kündigt an, dass er Admiral a.D. Bürstenbinder gleich einige Photos zusenden wird. 
18.15 Uhr Wieder zurück in der Vier-Sterne Herberge, suchen wir das hauseigene Restaurant auf und lassen den Tag bei einem Glas Rotwein und vitaminreichen Nudelgerichten ausklingen. Während Edelbert mit dem Besteck klappert, blicke ich mich argwöhnisch um und komme zu dem Schluss, dass die bunte Einrichtung gar nicht nach meinem Geschmack ist. Edelbert zuckt gelangweilt mit den Schultern und erzählt, dass das "Sheraton" zu den "Leading Hotels of the World" (löblich: Führende Hotels der Welt) zählt - papperlapapp. Ich streichle Hund Dixon aufmunternd übers Köpfchen und antworte, dass ich mich auf mein Bett freue und morgen etwas länger schlafen werde. Edelbert tippt auf seine TIMEX Armbanduhr und sagt, dass wir uns pünktlich um 9 Uhr im Frühstücksraum treffen sollten. 
19.00 Uhr Ein aufregender Tag neigt sich langsam seinem Ende zu. Ich verabschiede den Professor redlichst und lasse dann die Zimmertüre ins Schloss fallen. Als engagierter Tierfreund fülle ich Dixons Napf mit Trockenfutter auf und stelle ausserdem Trinkwasser für die Nacht bereit. Danach entledige ich mich meiner Kleidung und falle fix und fertig aufs Bett. 
19.30 Uhr Wie es sich für einen interessierten Bürger gehört, fröne ich dem Nachrichtenprogramm auf FOX und mache mich über die neuesten Meldungen aus der Welt der Politik schlau. Im Anschluss schalte ich auf den in San Franzisko beheimateten Filmkanal "Prime Ticket" (löblich: Beste Eintrittskarte) um und lasse bei der sehenswerten Hollywoodproduktion "Salvador" aus dem Jahre 1986 die Seele baumeln. Als ich in die Welt des amerikanischen Reporters Richard Boyle eintauche und mich nach El Salvador versetzt fühle, leistet mir Dixon im Bett Gesellschaft und legt sich schnarchend neben mich. Ich fahre dem Hund seufzend durchs krause Fell und verspreche ihm, dass wir morgen am Strand spielen und Robben beobachten werden.
21.15 Uhr Nach zwei spannenden Filmstunden lösche ich das Licht und schlafe bald ein. Gute Nacht.

 

verfasst von Reinhard Pfaffenberg am 05.10.2010
© Reinhard Pfaffenberg