Reinhard Pfaffenbergs löbliches Tagebuch Archiv

 

 

04.10.2010

07.15 Uhr Ich öffne die Augen und fühle mich blendend. Wie es sich gehört, hüpfe ich sportlich aus dem Bett und stähle meine Muskeln bei der Morgengymnastik. Unterdessen leckt sich der Vierbeiner die Pfoten und späht verstohlen zu meinen bequemen Josef Seibl Hausschuhen. Weil ich bekanntlich Dixons Gedanken lesen kann, erhebe ich mahnend den Zeigefinger und stelle klar, dass sich die Pantoffeln nicht zum Spielen eignen. Der Hund legt seinen Kopf schief und springt ausgelassen aufs Bett, um sich in die Decke einzurollen - da kommt Freude auf. 
08.00 Uhr Nachdem ich den Mischling gestreichelt habe, ziehe ich mich ins luxuriöse Badezimmer zurück und lasse bei einem Vollbad die Seele baumeln. Nebenher tippe ich Edelberts Handtelefonnummer ins Tastenfeld der Schwarzbeere (unlöblich: Blackberry) ein und treffe meinen Bekannten im hoteleigenen Spielcasino an. Der Professor legt beste Laune an den Tag und berichtet, dass er schon seit Stunden auf den Beinen ist und einen Spaziergang über das weitläufige Hotelgelände unternommen hat. Selbstverständlich falle ich dem schlauen Mann ins Wort und vermute, dass er an einem Automaten sitzt und Geldstücke in einen Schlitz wirft. Mein Gesprächspartner will davon nichts wissen und erwidert, dass er dem Glücksspiel längst abgeschworen hat. Lachend erinnere ich an den gestrigen Abend und rechne ihm vor, dass er beim Black Jack (löblich: Schwarzer Johann) über 200 Dollars verloren hat. Edelbert schimpft wie ein Rohrspatz und sagt, dass wir schleunigst das Frühstück einnehmen und dann abfahren sollten. 
09.00 Uhr Als ich in modische Freizeitkleidung schlüpfe, schellt das Telefon und ich habe Sandra dran. Meine Mieterin ist stinksauer und erzählt, dass sie gestern Abend auf dem Oktoberfest von einem Betrunken zu Boden geschubst wurde - wie schrecklich. Natürlich löchere ich das Kind mit Fragen und bringe in Erfahrung, dass es sich nicht nur das Knie aufgeschlagen, sondern auch den Arm verrenkt hat. Sandra gibt sich deprimiert und meint, dass es wohl gescheiter wäre, Dr. Rödlbergs Praxis aufzusuchen. Seufzend wünsche ich der Maid gute Besserung und eile dann reisetascheschleppend zum Aufzug, um das Frühstücksgasthaus "Café Napa" aufzusuchen. Ich finde Edelbert an einem Ecktisch unweit des Büffets vor und höre, dass wir heute 130 Meilen durch den "Tahoe Nationalpark" fahren werden. 
09.30 Uhr Während der Professor die Kaffeebecher mit Bohnentrunk auffüllt, kommt eine zuvorkommende Kellnerin dazu und lotet aus, ob wir uns am Büffet bedienen wollen. Weil mein Magen laut knurrt, laufe spornstreichs zur Essensausgabe und lade meinen Teller mit Rühreiern, vitaminreichen Würstchen, Pancakes, hausgemachten Muffins und einer Pampe namens "Gritz" auf.
10.00 Uhr Wir beissen kraftvoll zu und tratschen über Sandras Missgeschick. Edelbert winkt ab und meint, dass es eine weise Entscheidung war, in diesem Jahr das Oktoberfest sausen zu lassen. Ich stimme prompt zu und lege anschaulich dar, dass von einem landestypischen Bierfest längst keine Rede mehr sein kann. Stattdessen entwickelt sich die Wiesn immer mehr zu einem Tummelplatz für angeberische Selbstdarsteller und gewaltbereite Trunkenbolde. HEUREKA - wo soll das noch hinführen. 
10.30 Uhr Nachdem wir uns gestärkt haben, laufen wir ein letztes Mal durch das Harrah's Casino. Dummerweise stellt sich uns nach wenigen Metern ein Hotelmitarbeiter in den Weg und behauptet, dass Hunden der Zutritt zum Casino nicht gestattet ist - wie unlöblich. Vogelzeigend belehre ich den Heini eines Besseren und weise auf die Tatsache hin, dass ich am "grauen Star" leide und laut Bundesgesetz die Erlaubnis habe, mit meinem treuen Begleiter durch die Hotelhalle zu wandern. 
11.00 Uhr Kurze Zeit später werfen wir unser Gepäck in den JEEP und schicken uns an, hupend aus der Tiefgarage zu fahren und mit Schrittgeschwindigkeit durch Reno zu krusen. Der Professor hält wie immer wissenswerte Fakten bereit und erzählt, dass diese Stadt im 19. Jahrhundert eine wichtige Durchgangsstation für Landwirte und Fellhändler war. Als 1869 ein Bahnhof erbaut wurde, entschloss sich der damalige Bürgermeister, ein Freudenhaus zu eröffnen und das Glückspiel zu legalisieren. Letztendlich siedelten sich viele Spielhallen in Reno an und sorgten dafür, dass die Stadt zu einer ansehnlichen Metropole mit derzeit 220.000 Einwohnern aufstieg - wie schön.
11.45 Uhr Nach 20 Meilen tut sich der Lake Tahoe vor uns auf und wir können das Willkommensschild des Staates Kalifornien passieren. Edelbert schnalzt mit der Zunge und unterbreitet, dass wir soeben die zwölfte Staatsgrenze auf unserer Reise überquert haben und dem Ziel immer näher kommen. Ich nicke eifrig und kann es kaum noch erwarten, San Franzisko zu sehen und meine Füsse im Pazifischen Ozean zu baden. Edelbert winkt ab und schlägt vor, dass wir den Abend in der Hauptstadt Sacramento verbringen werden - das soll mir auch Recht sein. 
12.30 Uhr Pünktlich zum Mittagsläuten erreichen wir den "Eldorado National Forest" (löblich: Eldorado Nationalforst) und sehen stattliche Bäume in den Himmel ragen. Mein Beifahrer ist begeistert und sagt, dass besagter Wald zum "Tahoe Nationalpark" gehört und Jahr für Jahr Hunderttausende Urlauber aus allein Teilen des Landes anlockt. Um Dixon eine kleine Freude zu bereiten, parke ich den JEEP kurzerhand auf einem ausgeschilderten Rastplatz und animiere den Hund, vom Rücksitz zu springen und etwas herumzutollen. Der Professor meldet jedoch Bedenken an und unkt, dass es in dieser Gegend Braunbären geben könnte. Um nicht von einem Grizzly angefallen zu werden, nehme ich das Haustier schnell an die Leine. Auf Schusters Rappen folgen wir einem Trampelpfad durchs Dickicht und sehen uns bald mit einer Horde Wanderer konfrontiert. Der Wortführer begrüsst uns winkend und möchte wissen, ob wir uns der Reisegruppe anschliessen möchte. Ich frage sogleich nach dem Rechten und bringe heraus, dass die Leute bis zum Wochenende 400 Meilen durch unberührte Wildnis wandern wollen. Natürlich winke ich demonstrativ ab und entgegne, dass ich ein KFZ besitze und es vorziehe, mich mit 200 Pferdestärken fortzubewegen.
13.15 Uhr Nachdem wir ein Päuschen eingelegt und köstliche Sandwiches verzehrt haben, setzen wir die Reise fort. Bei karibischer Jimmy Buffett Musik gleiten wir durch den Eldorado Park und haben das grosse Glück, lustige Waschbären am Waldrand zu sehen. HEUREKA - diese Idylle muss man erlebt haben. 
13.45 Uhr Just als wir am "Folsom Lake" (löblich: Folsom See) vorbeikommen, deutet meine Reisebegleitung gen Süden und erläutert, dass in drei Meilen Entfernung das berüchtigte "Folsom Staatsgefängnis" zu finden ist. Edelbert klappt das Netzbuch (unlöblich: Netbook) auf und macht mich darauf aufmerksam, dass es sich hierbei um eine der ältesten Strafvollzugsanstalten auf dem nordamerikanischen Kontinent handelt. Das Staatsgefängnis wurde im Juni 1880 eröffnet und bot unzähligen Schwerkriminellen eine Heimat für Jahre. Der schlaue Mann staunt nicht schlecht und zitiert, dass hier einst Charles Manson, Eric Menendez und der Gründer der Rockerbande "Hells Angels" (löblich: Höllenengel) Sonny Barger einsassen - wie aufregend.
14.30 Uhr Im Anschluss macht sich mein Bekannter über das Hotelangebot in der kalifornischen Hauptstadt schlau und meint, dass wir abermals in ein DAYS INN eintschecken sollten. Edelbert macht sich sogleich ans Werk und zögert nicht, die Heissleine des Unternehmens anzurufen und zwei Zimmer zu buchen. Danach programmiert der gute Mann das GARMIN Navigationssystem und lotst mich gekonnt ins alte Stadtzentrum der 500.000 Einwohner zählenden Metropole. Beeindruckt krusen wir am Sacramento River entlang und freuen uns, als wir plötzlich am Capitol des Staates Kalifornien vorbeifahren. Ich seufze laut und erkläre, dass hier der bekannte Schauspieler und jetzige Gouverneur des Bundesstaates, Arnold Schwarzenegger, zu Hause ist. Edelbert schlägt in die gleiche Kerbe und sagt, dass es der aus Graz stammende "Gouvernator" wie kein anderer versteht, auf die Wünsche der Wähler einzugehen - wie wahr. 
15.00 Uhr Nach kurzer Suche treffen wir endlich vor dem DAYS INN ein und können den JEEP sicher auf einem geeigneten Stellplatz parken. Bei strahlendem Sonnenschein steige ich aus dem Auto und bitte die kleine Frau an der Rezeption, die Schlüsselkarten herauszurücken. Um meiner Aussage Nachdruck zu verleihen, lege ich meine praktische Meisterkarte vor und verdeutliche, dass ich für die Übernachtung bezahlen werde.
15.30 Uhr Nachdem ich Edelbert versichert habe, dass wir uns in einer Stunde am Eingang treffen, schliesse ich die Zimmertüre auf und kredenze Dixon eine kleine Jause. Danach falle ich gähnend aufs King-Size Bett und schlummere bald ein. 
16.30 Uhr Ich erwache ausgeschlafen und bemerke, dass es langsam Zeit wird, mit meinem Haustier einen Gassigang zu machen. Mit einem lustigen Lied auf den Lippen verlasse ich das Motel und treffe am Empfang auf Prof. Kuhn. Der Professor wedelt mit einer Broschüre vor meiner Nase herum und fordert mich auf, ihm zu folgen. Bei angenehmen Aussentemperaturen schlendern wir durch den "Tiscomia Park" in Richtung Capitol und werfen ein Stöckchen für den Hund. 
17.15 Uhr Nach fünfundvierzig Minuten stehen wir endlich vor dem Sitz der kalifornischen Regierung und lernen anhand einer Bronzetafel, dass Sacramento vom Schweizer Einwanderer Johann August Sutter im Jahre 1848 gegründet wurde. In dieser Zeit kamen viele Goldsucher mit dem Schiff über den Sacramento River hierher, um das kostbare Edelmetall in den Seitenarmen des Stroms zu schürfen. Anno 1850 wurde die Siedlung zur Stadt erklärt und mit einem Handelshafen ausgestattet. Kurz darauf machten sich die Stadtväter daran, ein Rathaus zu bauen und Kanäle anzulegen - das ist phantastisch. 
18.00 Uhr Nachdem wir alles gesehen und Photos geknipst haben, kehren wir hungrig ins "Mortons Steakhouse" (löblich: Mortons Schnitzelhaus) unweit der weltbekannten "Capitol Shopping Mall" (löblich: Capitol Kaufhaus) ein und ordern süffige Biere. Als ich die Speisekarte aufschlage und die Preise in Augenschein nehme, wird mir schnell klar, dass dieses Restaurant für arme Rentner kaum geeignet ist. Edelbert gibt mir Recht und sagt, dass man sich nicht alle Tage ein Steak für 50 Dollars leisten kann. Trotz aller Widrigkeiten bestellen wir "New York Strip Steaks" (löblich: New York Streifenschnitzel) mit Bratkartoffeln und Saisongemüse.
18.30 Uhr Während des Abendessens schauen wir auf die stark befahrene 6. Strasse und vereinbaren, dass wir morgen zeitig aufstehen und San Franzisko ansteuern sollten. Edelbert ist begeistert und sichert zu, dass wir am frühen Nachmittag in der "Fog City" (löblich: Nebelstadt) sein werden. Bei dieser Gelegenheit komme ich auf die Unterbringung zu Sprechen und erkundige mich, in welchem Hotel wir absteigen werden. Mein Tischnachbar behauptet, dass er sich bereits um alles gekümmert und zwei Zimmer im renommierten "Sheraton Fisherman's Wharf" am Hafen gebucht hat - wie schön.
19.30 Uhr Nachdem wir den schönen Abend mit Käsekuchen beschlossen haben, begeben wir uns ruckzuck auf den Heimweg. Während Dixon aus dem Schnüffeln gar nicht mehr herauskommt und jeden Blumenkübel bewässert, lassen wir unsere nervenaufreibende Reise Revue passieren. Edelbert zieht an seiner stinkenden Pfeife und rechnet vor, dass wir mittlerweile seit 17 Tagen unterwegs sind, 3.700 Dollars für Übernachtungen und Restaurantbesuche ausgegeben und fast 4.000 Meilen zurückgelegt haben - wie aufregend. 
20.15 Uhr Wieder zurück im Motel, verabschiede ich mich redlichst und lasse die Zimmertüre ins Schloss fallen. Mit schmerzenden Füssen lege ich mich ins Bett und schalte mich mit der neumodernen Fernbedienung durch die zahlreichen Fernsehsender. Letztendlich bleibe ich auf dem "Disney Channel" (löblich: Disney Kanal) hängen und fröne dem lustigen Zeichentrickfilm "Dumbo". Der Lichtspielhauserfolg aus dem Jahre 1941 erzählt die traurige Geschichte eines Zirkuselefanten, der viel zu grosse Ohren hat. 
21.30 Uhr Als der Abspann über den Bildschirm flimmert, drücke ich auf den "OFF" (löblich: AUS) Knopf und schlafe bald ein. Gute Nacht.

 

verfasst von Reinhard Pfaffenberg am 04.10.2010
© Reinhard Pfaffenberg