Reinhard Pfaffenbergs löbliches Tagebuch Archiv

 

 

30.09.2010

07.15 Uhr Der praktische SONY Reisewecker geht an und läutet den letzten Septembertag mit Justin Townes Earles Hitparadenerfolg "Rodgers Park" ein. Wie es sich für einen sportbegeisterten Rentner ziert, rolle ich von der bequemen Matratze und absolviere den Frühsport am Fenster. Nebenbei inspiziere ich die Wolkenformationen am Horizont und bemerke dass die Gipfel der Rocky Mountains schneebedeckt sind. HEUREKA - diese Idylle muss man gesehen haben. Seufzend ziehe ich die Vorhänge ganz auf und zögere nicht, meiner tierischen Reisebegleitung frisches Leitungswasser sowie ROYAL CANIN Trockenfutter bereitzustellen. 
07.45 Uhr Im Anschluss entspanne ich mich bei einem Vollbad mit Schaum und fröne dem Qualitätsprogramm von "KSIT 104,5 CLASSIC ROCK". Während das stimmungsvolle Lied "Don't Stop Believing" (löblich: Hör nicht auf zu glauben) der amerikanischen Combo Journey (löblich: Reise) läuft, mache ich mir meine eigenen Gedanken und komme zu dem Schluss, dass heute eine kurze Etappe vor uns liegt. Um etwas Abwechslung zu bekommen, nehme ich die Schwarzbeere (unlöblich: Blackberry) zur Hand und rufe bei Edelbert im Nebenzimmer an. Ich wünsche dem Professor einen guten Morgen und schlage vor, dass wir etwas länger in Rock Springs, WY bleiben und uns das Zentrum anschauen könnten. Der Professor ist begeistert und erwidert, dass es sich durchaus lohnen würde, das alte Rathaus zu besichtigen. Um gleich Nägel mit Köpfen zu machen, falle ich meinem Bekannten ins Wort und gebe bekannt, dass wir uns in einer Stunde am Empfang des DAYS INN treffen sollten. 
08.30 Uhr Nachdem ich die Reisetasche mit meinen Habseligkeiten, Handtüchern, Aschenbecher und den im Badezimmer ausgelegten Pflegeprodukten befüllt habe, nehme ich den Vierbeiner an die Leine und schlendere pfeifend zur Rezeption. Zu meiner Freude ist Edelbert auch schon vor Ort und tratscht mit einer unterbelichteten Reinigungsfachfrau. Weil unsere Zeit äusserst knapp bemessen ist, geben wir die Schlüsselkarten zurück und rasen mit quietschenden Reifen stadteinwärts. 
09.00 Uhr Nach einer kurzweiligen Fahrt kommen wir vor einem alten Backsteingebäude im historischen Zentrum zum Stehen und staunen angesichts der wunderschönen Fassade nicht schlecht. Edelbert macht grosse Augen und führt mich zu einer Informationstafel auf der in goldenen Lettern geschrieben steht, dass sich am 2. September des Jahres 1885 in Rock Springs ein blutiges Massaker ereignete. Wenn man den Überlieferungen Glauben schenken kann, sollen damals weisse Bergarbeiter eine Versammlung chinesischer Kollegen gestürmt und 28 Menschen mit Spitzhacken niedergemetzelt haben. Edelbert ist wie immer bestens informiert und berichtet, dass die Stadt früher ein wichtiger Umschlagsplatz für Salze, Felle, Gold und andere Edelmetalle war - wie aufregend.
09.30 Uhr Wir umrunden das alte Rathaus und kehren dann in ein Brauhaus namens "Bitter Creek Brewing" ein. Eine beschürzte Kellnerin mit Sommersprossen und roten Zöpfen lässt nicht lange auf sich warten und möchte wissen, ob wir frühstücken wollen. Wir nicken eifrig und lassen uns spornstreichs hausgemachte Pancakes (löblich: Pfannkuchen) mit Ahornsirup, im heissen Fett herausgebratene Speckstreifen und herzhafte Rühreier kredenzen. Während wir ordentlich zugreifen und Kaffee trinken, blickt Edelbert wehmütig aus dem Fenster und beteuert, dass es wunderschön sein muss, in den Rocky Mountains zu leben. Ich gebe mich jedoch skeptisch und stelle klar, dass in Wyoming bald der Winter Einzug hält und den Bürgern viel Schnee bescheren wird. Lachend klopfe ich mir auf die Schenkel und antworte, dass ich es vorziehe, meinen Lebensabend am Golf von Mexiko zu verbringen.
10.15 Uhr Redlichst gestärkt verlassen wir die Wirtschaft und unternehmen einen kleinen Spaziergang entlang des Broadways. Während wir die prächtig ausstaffierten Schaufenster der Geschäfte begutachten, stosse ich meinen Bekannten in die Seite und gebe zu Protokoll, dass die männlichen Bewohner der Stadt ausnahmslos Bärte tragen. Edelbert kratzt sich am Haaransatz und erläutert, dass der Bart während der kalten Jahreszeit warm hält. Danach hüpfen wir vollen Elan in den JEEP und schicken uns an, Rock Springs hinter uns zu lassen und auf der Interstate 80 weiter gen Westen zu krusen. Während wir Meile für Meile zurücklegen, navigiert Edelbert mit dem Netzbuch (unlöblich: Netbook) durchs Internetz und erklärt, dass wir am frühen Nachmittag die Staatsgrenze zu Utah überqueren und kurze Zeit später am "Great Salt Lake" (löblich: Grosser Salzsee) ankommen werden. 
10.30 Uhr Ich schnalze mit der Zunge und bitte meinen Begleiter, weitere Informationen preiszugeben. Edelbert lässt sich nicht zweimal bitten und unterbreitet, dass das besagte Gewässer eine Fläche von etwa 4.500 Quadratkilometern umfasst und nur schwer zu erreichen ist, weil es von einem Watt gesäumt wird. Ferner lerne ich, dass der See eine deutliche Rotfärbung aufweist, weil sein Salzgehalt bei durchschnittlich 15% liegt. Der schlaue Mann geht noch weiter und macht mich auf die Tatsache aufmerksam, dass sich trotz des hohen Salzgehalts viele Lebewesen, wie zum Beispiel Salinenkrebse, Salzwassergarnelen und Kiemenkrebse, in der Tiefe tummeln - das soll mir auch Recht sein. 
11.00 Uhr Als der Stundenzeiger meiner wertvollen ROLEX auf 11 zugeht, bimmelt plötzlich die Schwarzbeere und ich habe James dran. Mein löblicher Neffe kommt aus dem Lallen gar nicht mehr heraus und erzählt, dass er sich just im Augenblick auf dem Oktoberfest tummelt und mit Herrn Sam Dietz und dessen Freundin Laurie Riesenrad fährt. Um mir einen genaueren Überblick zu gewähren, lässt der Bube seine Tageserlebnisse Revue passieren und meldet, dass er bereits drei Mass Bier getrunken und einen Steckerlfisch verzehrt hat - das ist ja allerhand. Ich falle dem Buben prompt ins Wort und erinnere daran, dass man nicht zu tief ins Bierglas schauen sollte. HEUREKA - wo soll das nur hinführen. 
11.45 Uhr Kurz vor der Mittagszeit preschen wir an Evanston vorbei und haben wenig später das Vergnügen, die Grenze nach Utah zu passieren. Ich richte meinen Blick beeindruckt auf die mächtigen Rocky Mountains, die sich vor uns auftun und erkläre, dass der sogenannte "Beehive State" (löblich: Der Bienenstockstaat) einst von den Mormonen gegründet wurde. Edelbert schlägt in die gleiche Kerbe und entgegnet, dass die Mitglieder der "Kirche Jesu Christi und der Heiligen der letzten Tage" in diesen Breitengraden die Mehrheit haben - wie schön.
12.30 Uhr Just als die Temperaturanzeige die 71°F (21°C) Grenze überschreitet, erreichen wir einen Vorort von Salt Lake City und sehen am Strassenrand eine Horde Kinder stehen, die dunkelblaue Kleider tragen. Edelbert winkt den Kleinen freundschaftlich zu und sagt, dass die Mormonen vor zirka 150 Jahren in dieser Gegend heimisch geworden sind und es sich auf die Fahnen geschrieben haben, auch während der Sommermonate lange Baumwollkutten zu tragen - wie merkwürdig. 
13.00 Uhr Letztendlich verlassen wir die Autobahn und halten im Stadtteil "West Valley" nach einer einladenden Herberge Ausschau. Nach kurzer Suche werden wir fündig und parken das Auto vor einem neu eröffneten "Baymont Inn & Suites", das mit günstigen Preisen lockt. Bei angenehmen Temperaturen werden wir am Empfang vorstellig und hören, dass ein Zimmer mit 58 Dollars zu Buche schlagen soll. Weil uns dieser Preis angemessen erscheint, stimmen wir prompt zu und lassen uns zwei Schlüsselkarten aushändigen.
13.30 Uhr Im Zimmer angekommen, werfe ich mein Ränzlein aufs Bett und laufe ruckzuck in die Nasszelle, um mir die Schweissperlen vom Gesicht zu wischen. Danach serviere ich Dixon eine kleine Mahlzeit und stelle fest, dass das Trockenfutter langsam zur Neige geht. Um Dixon eine kleine Freude zu bereiten, werde ich die Nachmittagsstunden nutzen und für den Hund ROYAL CANIN sowie ein kleines Spielzeug kaufen. Bevor ich jedoch die Stadt erkunde, falle ich erschöpft aufs Bett und strecke genüsslich die Beine aus - das tut gut. 
14.30 Uhr Leider wird mein Nickerchen bald durch lautes Klopfen unterbrochen. Zu allem Überfluss steht der Professor vor der Türe und sagt, dass es langsam Zeit wird, den grossen Salzsee zu besichtigen und ein opulentes Mittagessen zu geniessen. Cowboybehütet folge ich Edelbert an die frische Luft und schwinge mich voller Vorfreude hinters Lenkrad des JEEPS. In einer nervenaufreibenden Hochgeschwindigkeitsfahrt preschen wir gen Nordwesten davon und steuern die "Great Salt Lake Marina" (löblich: Grosser Salzsee Hafen) an. 
15.15 Uhr Nachdem wir das Auto sicher neben einem Audi A8 geparkt haben, eilen wir mit Hund Dixon im Schlepptau an den luxuriösen Segel- und Motorbooten vorbei und haben das grosse Glück, mit einem waschechten Kapitän ins Gespräch zu kommen. Herr Pentergraw (55) gibt sich uns als millionenschwerer Industrieller zu erkennen und behauptet, dass es nichts schöneres gibt, als auf einer 6 Millionen Dollar Jacht das Leben in vollen Zügen zu geniessen. Der Heini nippt genüsslich an einem Schaumweinglas und sagt, dass er morgen leider nach Aspen, CO ausfliegen muss, um mit seiner Frau dem Schisport zu frönen - wie unlöblich. Als Sportexperte belehre ich Herrn Petergraw eines Besseren und lege anschaulich dar, dass Schifahren sehr gefährlich sein kann. Des weiteren verweise ich auf meine lehrreiche Heimseite und animiere den Millionär, sich über die Gefahren zu informieren. Um nicht Wurzeln zu schlagen, gehen wir schnell weiter und suchen das hafeneigene Restaurant "Marina & Salt" auf. Wir lassen uns entspannt am Tresen nieder und bestellen beim Barmann zwei süffige Budweiser sowie vitaminreiche Käseburger mit Kartoffelstäben und Krautsalat. 
16.00 Uhr Während wir kraftvoll zubeissen, blicken wir auf das rötlich schimmernde Wasser und sind einstimmig der Meinung, dass es sich lohnen würde, etwas länger in Salt Lake City zu bleiben. Edelbert meldet jedoch Bedenken an und meint, dass es gescheiter wäre, morgen in aller Frühe weiterzufahren und nach Nevada vorzustossen. Ich zucke mit den Schultern und lasse meinen Begleiter wissen, dass ich auf alle Fälle am Nachmittag Hundefutter einkaufen muss. Hund Dixon gibt mir Recht und bestätigt meine Aussage mit lautem Bellen - wie schön. 
16.45 Uhr Nach der reichhaltigen Brotzeit schleppen wir uns zum JEEP und krusen gemächlich durch die Innenstadt. Dabei kommen wir auch am "Salt Lake Tempel" vorbei und werden Zeugen, wie schwarzgewandete Gestalten den Vorplatz des Gotteshauses kehren. Edelbert hält eine Anekdote bereit und informiert, dass sich das Zentrum im Besitz der Mormonen befindet und diese es sich vorbehalten, zu feierlichen Anlässen die Zufahrtsstrassen für den Durchgangsverkehr zu sperren - das ist ja allerhand. 
17.30 Uhr Auf halber Strecke halten wir kurz vor einer PETCO Filiale an und machen es uns zur Aufgabe, einen grossen Sack "Royal Canin MEDIUM" für 40 Dollars sowie ein quietschendes Spielzeug zu erwerben. Hund Dixon springt vor Glück auf und ab und kann es kaum noch erwarten, ins Hotel zurück zu kehren und sich auf die Sachen zu stürzen.
18.00 Uhr Wieder zurück im renommierten "Baymont Inn & Suites" schleppen wir die Einkaufstüten auf mein Zimmer und fassen den Entschluss, den Abend am moteleigenen Schwimmbecken ausklingen zu lassen und die Sandwiches zu verzehren, die wir am Morgen in Rock Springs gekauft haben. Weil die Sonne immer noch vom Himmel strahlt und für angenehme Temperaturen sorgt, schlüpfe ich in eine bequeme Bermudahose und ein legeres T-Hemd mit MIAMI DOLPHINS Aufdruck. 
18.45 Uhr Danach schlendern wir nach draussen und nehmen entspannt unter einem Sonnenschirm am Aussenbecken Platz. Leider kommt bald eine vorlaute Bedienstete dazu und fordert uns mit Nachdruck auf, keinen Alkohol in der Öffentlichkeit zu verköstigen. Die kleine Frau (47) schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und schimpft, weil es in Utah strengstens verboten ist, sich im Freien zu betrinken. Um nicht in den Fokus der Ordnungshüter zu geraten, kommen wir der Aufforderung anstandslos nach und nehmen mit eisgekühlten Diät Coca Cola Dosen aus dem Getränkeautomaten Vorlieb.
19.30 Uhr Als sich die Nacht über die Hauptstadt Utahs legt, kehren wir auf unsere Zimmer zurück und beschliessen den langen Tag bei hunde- und rentnergerechten Fernsehformaten. Edelbert drückt sich gelangweilt durch die Satellitenprogramme und ärgert sich sehr, weil in diesen Breitengraten nicht einmal HBO zu empfangen ist. Trotz allem lassen wir uns die gute Laune nicht verderben und frönen auf CBS dem sehenswerten Krimi "Death Wish" (löblich: Todeswunsch) aus dem Jahre 1974. Während Hauptprotagonist Charles Bronson seinen Widersacher krankenhausreif schlägt, blättere ich hunddixonkraulend in einer Broschüre und registriere, dass die Mormonen lediglich drei Feiertage pro Jahr im Kalender vermerkt haben. Neben Weihnachten und Ostern soll der 24. Juli an die Ankunft der ersten Pioniere im Salzseetal im Jahre 1847 erinnern. Ferner treffen sich Mitglieder der Glaubensgemeinschaft an den ersten Wochenenden im April und Oktober in Salt Lake City, um eine Generalkonferenz abzuhalten - wie schön. 
21.00 Uhr Nachdem der Spielfilm zu Ende ist, verabschiede ich den Professor und geniesse eine heisse Dusche. Im Anschluss schlüpfe ich in meinen Pyjama und lege mich zu Dixon ins Bett, um noch etwas in der heiligen Schrift zu schmökern. Gute Nacht.

 

verfasst von Reinhard Pfaffenberg am 30.09.2010
© Reinhard Pfaffenberg