Reinhard Pfaffenbergs löbliches Tagebuch Archiv

 

 

29.09.2010

07.15 Uhr Ich werde durch merkwürdige Kratzgeräusche geweckt und sehe, wie Hund Dixon vor einer Kommode steht und seine Lefzen nach oben zieht. Augenreibend hüpfe ich aus dem Bett und zögere nicht, das Schränkchen beiseite zu rücken und genauer nach dem Rechten zu sehen. Zu allem Überfluss fällt mir ein Loch in der Holzverkleidung ins Auge, in dem wahrscheinlich kleine Nager zu Hause sind - wie unlöblich. Während Dixon an der Öffnung schnuppert, verabschiede ich mich kopfschüttelnd in die Nasszelle und dusche mich ausgiebig ab. 
08.00 Uhr Fünfundvierzig Minuten später klopfe ich an Edelberts Zimmertüre und gebe zu Protokoll, dass in dieser Absteige Mäuse und anderes Ungeziefer ein und aus gehen. Der Professor winkt jedoch ab und erwidert, dass er sich sehr wohl gefühlt hat - papperlapapp. Missmutig schiebe ich den Mann zur Treppe und stelle klar, dass ich im "Sundowner Inn" keine Sekunde länger bleiben werde. 
08.30 Uhr Nachdem wir die Schlüssel abgegeben und Edelberts VISA Karte mit 144 Dollars belastet haben, spazieren wir zur "Old Mill" (löblich: Alte Mühle) Gaststätte und ordern bei der Wirtin das "House Breakfast" (löblich: Frühstück nach Art des Hauses) sowie eine Kanne Bohnentrunk. Die kleine Frau schenkt uns ein Lächeln und fährt nach wenigen Minuten einen Berg Bratkartoffeln mit Rühreiern, Speck und Bratwürstchen auf, die im Wilden Westen "Fried Sausages" genannt werden. Während wir ordentlich zugreifen, löchert uns die Dame mit Fragen und erkundigt sich, wohin uns die Reise führen wird. Obwohl ich der Gaststättenbetreiberin keine Rechenschaft schuldig bin, stehe ich ihr Rede und Antwort und entgegne, dass wir bis zum Abend 390 Meilen zurücklegen müssen. Frau Gwenda (61) freut sich und will wissen, ob wir auch durch Caspar kommen werden. Als Edelbert eifrig nickt und auf die Tatsache hinweist, dass wir in besagter Stadt eine Mittagspause einlegen werden, strahlt die Dame plötzlich wie ein Honigkuchenpferd und bittet uns, ihre Tochter Marge (22) mitzunehmen und sie für einen Unkostenbeitrag zum "Wyoming Medical Center" (löblich: Wyoming Medizin Zentrum) zu kutschieren. Weil unserer Reisekasse eine Finanzspritze nicht schaden würde, gehen wir auf den Handel ein und erklären, dass uns die junge Maid gerne begleiten kann. Die Wirtin ist überglücklich und sagt, dass Marge zu gerne eine ehemalige Schulfreundin treffen würde, die in besagtem Krankenhaus als Anästhesiehelferin beschäftigt ist. Ferner erfahren wir, dass sich ihre Tochter vor zwei Wochen das Schienbein gebrochen hat und deswegen nicht selbst nach Caspar fahren kann - wie traurig. 
09.15 Uhr Just als uns die Wirtin zu Speis und Trank einlädt, kommt Fräulein Marge dazu und wünscht uns einen guten Morgen. Die sonnenbebrillte Schönheit folgt uns plappernd zum JEEP und freut sich, neben dem Haustier auf dem Rücksitz Platz nehmen zu dürfen. Wir verabschieden uns winkend von der Wirtin und preschen hupend in Richtung Südwesten davon. 
09.45 Uhr Während Edelbert auf den Highway 450 abbiegt, tausche ich mich mit der jungen Frau aus und höre, dass sie vor vierzehn Tagen von einem Reitpferd abgeworfen wurde und seitdem mit einem Gipsbein durch die Gegend hüpfen muss. Das Kind ist froh, eine Mitfahrgelegenheit gefunden zu haben und behauptet, dass Newcastle im Nirgendwo liegt und die Bürger wegen fehlender Bahn- und Busverbindungen auf ihre Autos angewiesen sind. Die Maid schimpft wie ein Rohrspatz und sagt, dass sie noch zwei Wochen einen Gips tragen muss und dann endlich wieder auf ihren verrosteten IZUZU Pritschenwagen zurückgreifen kann - wie schön. 
10.00 Uhr Während ich an einer Diät Coca Cola Getränkedose nippe und der schönen Musik auf der Frequenz "1240 AM" lausche, gibt sich Fräulein Marge neugierig und möchte wissen, ob wir schon lange in Florida leben. Ich gebe mich als waschechter Münchner zu erkennen und erkläre, dass in meiner weissblauen Heimat derzeit das Oktoberfest stattfindet. Die junge Frau ist erfreut und berichtet, dass ihr Urgrossvater im Jahre 1925 aus Memmingen nach Wyoming gekommen ist, um in der ehemaligen Getreidemühle in Newcastle zu arbeiten. Um der Dame einen genaueren Einblick zu gewähren, plaudere ich aus dem Nähkästchen und erläutere, dass um die Jahrhundertwende viele Europäer nach Amerika emigrierten, um hier ein besseres Leben zu führen. Frau Marge schüttelt entschieden den Kopf und sagt, dass ihr Uropa nach wenigen Jahren die Familie verlassen hat und nach San Franzisko weitergezogen ist, um als bettelarmer Hafenarbeiter in der Gosse zu landen - wie unlöblich.
11.00 Uhr Nach einer zweistündigen Hochgeschwindigkeitsfahrt können wir den staubigen Highway verlassen und auf der vierspurigen Interstate 25 weiterfahren, die uns im Handumdrehen nach Casper bringen wird. Unsere Begleiterin streichelt Dixon übers Köpfchen und meint, dass sie in der zweitgrössten Stadt des Bundesstaates die Puppen tanzen lassen und mit ihrer Freundin ordentlich abfeiern wird. Lachend falle ich der 22jährigen ins Wort und erkläre, dass ihre Mutter von diesem Vorhaben bestimmt nicht begeistert wäre - wo soll das noch hinführen.
11.45 Uhr Kurz vor dem Mittagsläuten kommen wir mit quietschenden Bremsen vor dem "Wyoming Medical Center" zum Stehen. Als Kavalier der alten Schule helfe ich der Gipsträgerin aus dem Auto und bitte sie, augenblicklich zu Hause anzurufen und ihrer Mutter zu sagen, dass sie sicher in der 50.000 Einwohner zählenden Gemeinde angekommen ist. Das Kind winkt uns zum Abschied hinterher und versichert, dass wir auf der Rückreise gerne wieder im "Old Mill" Restaurant Station machen können - das werden wir erst noch sehen.
12.30 Uhr Weil unsere Mägen laut knurren und nach einer warmen Mahlzeit verlangen, parken wir den PS-strotzenden Geländewagen nach wenigen Meilen vor einer "Wendy's" Gaststätte und können es gar nicht mehr erwarten, eine ordentliche Brotzeit zu verdrücken. Während Dixon im Auto verweilt und sich schmatzend eine ROYAL CANIN Trockenfuttermahlzeit munden lässt, kehren wir in die Schnellessgaststätte ein und bestellen "Double Jr. Cheeseburger Deluxe" (löblich: Doppel junior Käseburger Luxus) mit "Broccoli and Cheese Potato" (löblich: Brokkoli und Käse Kartoffeln). Dazu gibt es durstlöschenden Früchtepunsch mit Mangogeschmack. 
13.00 Uhr Als ich kraftvoll zubeisse, grinst Edelbert in einer Tour und sagt, dass Marge ein Spitzenhase war und das Zeug zu einem Super-Modell hätte. Ich klopfe mir lachend auf die Schenkel und weise darauf hin, dass das Kind auf dem Land gross geworden ist und sich in den Weltmetropolen New York oder Mailand niemals zurecht finden würde. Edelbert vertritt die gleiche Meinung und sagt, dass die Welt im Mittleren Westen noch in Ordnung ist - wie wahr. 
13.45 Uhr Nach der wohlverdienten Pause vertreten wir uns bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen jenseits der 65°F (18°C) Grenze die Füsse. Hund Dixon hüpft aufgeregt auf und ab und kommt aus dem Schwanzwedeln gar nicht mehr heraus, als er plötzlich einen lustigen Rüden namens Terry trifft. Der Hundebesitzer lüftet seinen Cowboyhut und plappert in einem kaum verständlichen Kauderwelsch, dass sein Vierbeiner gestern 5 Jahre alt geworden ist. Ich versorge den Heini mit Infos und rechne vor, dass mein Hund den schönen Namen Dixon trägt und mittlerweile 4 Lenze auf dem Buckel hat. 
14.30 Uhr Nachdem sich die Hunde ausgiebig beschnüffelt haben, steigen wir wieder ins Auto ein und fahren ruckzuck auf die Strasse 220, die uns am "North Platte River" entlang nach Norden führt. Während ich das KFZ auf schwindelerregende 50 Meilen pro Stunde beschleunige, klappt der Professor das Netzbuch (unlöblich: Netbook) auf und zitiert, dass der 800 Meilen lange Fluss in den Rocky Mountains entspringt und die Staaten Wyoming und Nebraska durchquert. Weiter vernehme ich, dass deutschsprachige Einwanderer aus Ostfriesland dem Fluss einst seinen Namen gegeben haben - wie aufregend. 
15.30 Uhr Während die faszinierende Landschaft an uns vorbeigleitet, schmiedet der Professor Pläne und erzählt, dass wir morgen Salt Lake City besuchen und die Nacht am "Great Salt Lake" (löblich: grosser Salz See) verbringen werden. Edelbert schnalzt mit der Zunge und sagt, dass wir spätestens am Samstag in der Spielerstadt Reno eintreffen und dort in einem luxuriösen Vier-Sterne Hotel eintschecken werden - das ist phantastisch. Bei dieser Gelegenheit bringe ich unseren Aufenthalt in Las Vegas im Jahre 2003 ins Gespräch und erinnere, wie ich damals den Jackpot geknackt und ein Fahrzeug namens "Dodge Viper" gewonnen habe - das waren noch Zeiten. 
16.15 Uhr Als Gesangsstern Waylon Jennings im Radio seinen Hit (löblich: Schlag) "Kentucky Woman" anstimmt, kann ich endlich auf die Interstate 80 auffahren und das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrücken. Bei stimmungsvoller Musikuntermalung hole ich alles aus dem JEEP heraus und erkenne mit geschultem Auge, dass die Öldruckanzeige defekt ist - wie unlöblich. Ich mache meinen Reisebegleiter auf diesen Umstand aufmerksam und lasse ihn wissen, dass wir schnellstmöglich eine Werkstatt ansteuern und einen erfahrenen Mechaniker zu Rate ziehen sollten. Der Professor will von alledem nichts hören und sagt, dass das Auto bestens in Schuss ist - das will ich hoffen. 
17.00 Uhr Fünfzig Meilen vor Rock Springs passieren wir die Stadt Wamsutter im Sweetwater County und lesen auf einem überdimensionalen Strassenschild, dass wir nun das Tor zur roten Wüste (unlöblich: Gateway to the Red Desert) erreicht haben - wie schön. Ich drossle die Geschwindigkeit und staune nicht schlecht, als plötzlich ein Güterzug der Union Pacific Eisenbahn neben uns durch die Prärie fährt. HEUREKA - dieses Schauspiel muss man einfach gesehen haben. Edelbert ist ebenfalls begeistert und macht sich daran, den kilometerlangen Zug mit seiner NIKON Kamera abzulichten.
17.30 Uhr Kurz vor dem Ziel machen wir nochmals eine kurze Rast und greifen zum Netzbuch, um nach einer geeigneten Unterkunft für die Nacht Ausschau zu halten. Während Prof. Kuhn den Vierbeiner an die Leine nimmt und sich die Füsse vertritt, segle ich ins weltweite Internetz und finde mich nach wenigen Sekunden auf der Heimseite von Ramada.com wieder. Einige Mausdrücke später werde ich auch schon fündig und erkenne mit geschulten Auge, dass es in Rock Springs ein einladendes Days Inn Motel gibt - wie schön.
17.45 Uhr Gutgelaunt setzen wir die Fahrt fort und können kaum glauben, dass selbst auf der Interstate kein Verkehr herrscht. HEUREKA - hier befinden wir uns tatsächlich in der Mitte von nirgendwo. Edelbert findet das aber gar nicht schlecht und meint, dass er auf Sonntagsfahrer und hektisches Treiben ganz gut verzichten kann - wie wahr.
18.00 Uhr Nach kurzer Suche kommen wir auf dem Motelparkplatz in der Elk Street zum Stehen und laufen schnell in das Gebäude. Während der Professor den Prospekt einer lokalen Dinosaurierausstellung beäugt, mache ich Nägel mit Köpfen und teile der kleinen Frau an der Rezeption mit, dass ich zwei geräumige Zimmer buchen möchte. Frau Cindy (34) bedient gekonnt die Heimrechnertastatur und gibt bekannt, dass ein "King Bed Room" (löblich: Königsbett Zimmer) mit 60 Dollars plus Steuern zu Buche schlägt. Nachdem ich vergeblich versucht habe, einen Rentnerrabatt herauszuschlagen, überreiche ich der Maid meine Meisterkarte und erhalte im Gegenzug die Schlüsselkarten für unsere Zimmer im Erdgeschoss.
18.30 Uhr Ich stelle die Heizung in meinem prima Zimmer eine Stufe höher und rufe dann bei Edelbert an, um mich wegen des Abendessens zu erkundigen. Der schlaue Mann hat bereits Informationen eingeholt und berichtet, dass es in unmittelbarer Nähe ein Best Western Hotel mit eigenem Gasthaus gibt - das ist phantastisch.
18.45 Uhr Bei empfindlich kühlen Temperaturen machen wir uns mit Dixon auf den Weg zum Wirtshaus und sind einstimmig der Meinung, dass dieses Klima für Rentner nicht gerade ideal ist. Trotz allem lassen wir uns die gute Laune nicht verderben und freuen uns schon auf angenehmeres Wetter im goldenen Kalifornien.
19.00 Uhr Im "Outlaw Inn" Restaurant angekommen, werden wir von einem Kellner mit Zahnspange zu einem kleinen Tisch an der Fensterfront geführt. Der Knecht überreicht uns die Speisekarten und erzählt, dass er heute Abend den Meeresfrüchtesalat empfehlen kann - darüber kann ich nur lachen.
19.30 Uhr Endlich wird das löbliche Abendessen serviert und ich labe mich an einem wohlduftenden Käseburger mit Kartoffelstäben und Haussalat. Edelbert hat sich für eine "Rocky Mountain Rainbow Trout" (löblich: Felsige Berge Regenbogenforelle) entschieden und gibt zu Protokoll, dass dieser Flossenträger aus den Bergen ganz hervorragend schmeckt - wie schön.
20.15 Uhr Nachdem wir noch zwei weitere Biere vom Fass getrunken haben, übernimmt der Professor freundlicherweise die Rechnung und wir machen uns auf den Heimweg.
20.45 Uhr Zurück im Days Inn wünsche ich Edelbert eine angenehme Nachtruhe und weise darauf hin, dass diese Herberge ein kostenloses kontinentales Frühstück anbietet. Der Professor winkt jedoch ab und meint, dass er todmüde ist und sich jetzt noch keine Gedanken über den morgigen Tag machen möchte - das soll mir auch Recht sein.
21.30 Uhr Frisch geduscht lasse ich mich auf mein bequemes Bett fallen und vergesse auch nicht, eine Schüssel frisches Wasser für Hund Dixon bereitzustellen. Danach schalte ich mich durch die Fernsehprogramme und informiere mich auf CNN über das aktuelle Weltgeschehen. Vor lauter Müdigkeit kann ich aber die Augen kaum mehr aufhalten und schlafe schon nach wenigen Minuten ein. Gute Nacht.

 

verfasst von Reinhard Pfaffenberg am 29.09.2010
© Reinhard Pfaffenberg