Reinhard Pfaffenbergs löbliches Tagebuch Archiv

 

 

28.09.2010

07.30 Uhr Ich werde durch das Surren meines SONY Reiseweckers geweckt und höre, wie raue Windböen um das DAYS INN fegen. Trotz aller Widrigkeiten stehe ich auf und werde beim Blick aus dem Fenster Zeuge, wie ein grimmig dreinblickender Coyote ums Anwesen schleicht - wie unlöblich. Selbstverständlich schlüpfe ich sogleich in den Bademantel und eile nach nebenan, um Prof. Kuhn über meine Beobachtungen in Kenntnis zu setzen. Während Dixon ohne Unterlass bellt, späht mein Bekannter neugierig nach draussen und meint, dass ich keinen Coyoten, sondern einen streunenden Hund gesehen habe. Ich kratze mich demonstrativ am Kinn und lasse Edelbert wissen, dass es besser wäre, sofort weiterzufahren. Meine Reisebegleitung gibt mir Recht und sagt, dass wir zuerst im benachbarten "Buffalo Restaurant" frühstücken sollten. 
08.00 Uhr Nachdem ich mich beruhigt habe, kehre ich in mein Zimmer zurück und entspanne mich bei einer heissen Dusche. Unterdessen mache ich mir eigene Gedanken und komme prompt zu dem Schluss, dass ich in dieser Gegend unter keinen Umständen heimisch werden könnte. Wehmütig sehne ich mich in den Sonnenscheinstaat zurück und wünschte mir, jetzt die Morgengymnastik auf der fliegenvergitterten Terrasse zu absolvieren und mir die Sonne auf den Kopf scheinen zu lassen. 
09.00 Uhr Nach dem Duschvergnügen befülle ich die Reisetasche mit meinen Habseligkeiten und vergesse auch nicht, ein Trinkgeld auf dem Nachttisch zu hinterlassen. Im Anschluss nehme ich den treuen Vierbeiner an die Leine und statte der Rezeption einen Besuch ab. Wie es sich gehört, gebe ich dem Heini hinter dem Tresen die Schlüsselkarte und frage nach, ob uns der Wettergott heute wohlgesonnen ist. Der zuvorkommende Mann redet ohne Unterlass auf mich ein und verdeutlicht, dass die Quecksilberanzeige des Thermometers zur Mittagszeit auf 54°F (12°C) ansteigen wird und wir auch mit Sonnenschein rechnen können - wie schön. Nach wenigen Augenblicken gesellt sich Edelbert an meine Seite und erklärt, dass er hervorragend geschlafen hat und sich putzmunter fühlt. Ich greife mir jedoch an den Rücken und gebe zu Protokoll, dass die kalte Witterung gar nicht nach meinem Geschmack ist. 
09.30 Uhr Bevor wir zum "Mount Rushmore" weiterfahren, genehmigen wir uns eine reichhaltige Mahlzeit im "Buffalo" Gasthaus an der 5th Strasse. Die übergewichtige Wirtin begrüsst uns besonders freundlich und fährt eine Kanne Kaffee sowie köstliche Frühstücke auf. Während wir uns an Rühreiern, Speckstreifen, Bratkartoffeln und hausgemachten Plätzchen laben, versorgt mich der Professor mit Infos und rechnet vor, dass wir bis zum Zwölfuhrläuten 160 Meilen zurücklegen müssen. Nebenbei reibt sich der gute Mann die Hände und sagt, dass wir uns heute das weltbekannte "Mount Rushmore National Memorial" (löblich: Nationales Mount Rushmore Denkmal) aus nächster Nähe ansehen und Photos am laufenden Band knipsen werden - das ist phantastisch.
10.15 Uhr Nun wird es aber Zeit, der Kleinstadt Murdo im Jones County auf Wiedersehen zu sagen und uns auf den Weg nach Westen zu machen. Nach einem kurzen Tankstellenaufenthalt lasse ich den Wählhebel der Automatikschaltung in der "D" Stellung einrasten und kruse gemächlich auf die Interstate 90. Edelbert ist wie immer bestens unterrichtet und erzählt, dass die I-90 mit einer Länge von 3.099 Meilen zu den längsten Verkehrswege der Vereinigten Staaten zählt. Als ich grosse Augen mache, bestätigt mein Beifahrer, dass diese Autobahn in Seattle, WA am Pazifischen Ozean ihren Anfang nimmt und in Boston, MA am Atlantik endet - wie aufregend.
11.00 Uhr Nach zweiundvierzig Meilen erreichen wir das "Buffalo Gap National Grassland" und lesen auf einer Informationstafel, dass hier einst wilde Büffelherden grasten. Ich lasse meinen Blick über die weite Landschaft schweifen und sehe in der Ferne die "Black Hills" (löblich: Schwarzen Berge) in den Himmel ragen. Prof. Kuhn schnalzt mit der Zunge und erzählt, dass diese Berge von den Lakota Indianern "Paha Sapa" genannt werden - das soll mir auch Recht sein.
11.30 Uhr Um auch meine Verwandten an der einzigartigen Aussicht teilhaben zu lassen, zücke ich die Schwarzbeere (unlöblich: Blackberry) und mache es mir zur Aufgabe, das Panorama abzulichten. Danach übertrage ich die Photografien auf das Netzbuch (unlöblich: Netbook) und verfasse eine elektronische Depesche an James und Amanda. Leider muss ich erkennen, dass es in dieser Einöde nicht möglich ist, auf das weltweite Internetz zuzugreifen - wie schade. Seufzend klappe ich das elektronische Gerät zu und ergötze mich weiter an der wunderschönen Idylle. 
12.30 Uhr Kurz nach der Mittagszeit passieren wir die zweitgrösste Stadt des Bundesstaates und können es kaum erwarten, am Ziel einzutreffen. Während Rapid City an uns vorbeizieht, versuche ich abermals mein Glück und schaffe es, den elektronischen Brief endlich abzusenden. Bei dieser Gelegenheit überprüfe ich auch meinen Posteingang und finde viele Hilferufe besorgter Erziehungsberechtigter vor. Weil es mir nicht möglich sein wird, in der Wildnis der Anschnurseelsorge nachzukommen, überfliege ich die Schreiben und finde eine Depesche meines Bruders vor. Georg sendet die besten Grüsse aus Toronto und schreibt, dass er am 16. Oktober nach Naples kommen und für drei lange Wochen in seinem Ferienhaus ausspannen wird. Grinsend stelle ich das Radiogerät leiser und gebe Edelbert zu verstehen, dass ich spätestens in 18 Tagen im Sonnenscheinstaat zurück sein muss. Der schlaue Mann winkt demonstrativ ab und meint, dass wir zu besagtem Termin längst wieder in Florida sein werden - das will ich hoffen. 
13.00 Uhr Als der Stundenzeiger meiner wertvollen ROLEX auf 1 deutet, kommen wir mit quietschenden Bremsen vor dem Visitorcenter (löblich: Besucherzentrum) des "Mount Rushmore National Memorial" zum Halten. Wir gleiten voller Vorfreude von den bequemen Ledersitzen und rennen mit Hund Dixon zum Eingang. Ein redegewandter Wildhüter heisst uns herzlich Willkommen und führt uns spornstreichs zu einer Aussichtsplattform, die einen hervorragenden Ausblick auf die in Stein gemeisselten Köpfe der ehemaligen Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln bietet. Ausserdem vernehmen wir, dass das Monument vom Bildhauer Gutzon Borglum erschaffen wurde. Der gute Mann soll in 14 Sommern zwischen 1927 und 1941 mit einer Heerschar an Freiwilligen den Granit gesprengt und die Idee gehabt haben, die Figuren bis auf Taillenhöhe in den Felsen zu schlagen - das ist phantastisch. Der Fachmann plappert munter weiter und unterbreitet, dass das Denkmal auch als "Shrine of Democracy (löblich: Schrein der Demokratie) bezeichnet wird und seit den frühen 1940er Jahren unzählige Touristen aus allen Erdteilen anlockt - wie schön.
14.00 Uhr Nachdem wir einen ausgedehnten Spaziergang über Stock und Stein unternommen haben, besuchen wir das angeschlossene "Borglum Museum", in dem auf fast 2.000 Quadratmetern sehenswerte Exponate, wie massstabsgetreue Vorabstudien der Präsidentenportraits und Werkzeuge ausgestellt sind. Edelbert staunt nicht schlecht und deutet auf eine Tafel, auf der die Entstehungsgeschichte des Denkmals in allen Einzelheiten erklärt wird. Unter anderem lernen wir, dass Borglum im Jahre 1923 vom damaligen Minister für "Geschichte in South Dakota", Doane Robinson, mit der Aufgabe betraut wurde, den Gründungsvätern der Nation ein Denkmal für die Ewigkeit zu setzen. Vier Jahre später begannen die Arbeiten und Borglum trieb sein Projekt mit Beharrlichkeit und grossem Eifer voran. Nach seinem Tod am 6. März 1941 übernahm sein Sohn Lincoln die Projektleitung und schaffte es, das Monument im Herbst 1941 fertig zu stellen. 
14.30 Uhr Zu guter Letzt kaufen wir schicke T-Hemden sowie Zuckerlöffel im Andenkenladen und entschliessen uns, als nächstes zum 14 Meilen entfernten "Crazy Horse Memorial" zu rasen. Obwohl mein Magen laut knurrt, lasse ich mir die gute Laune nicht verderben und stelle klar, dass sich dieser Ausflug wirklich gelohnt hat. Edelbert schlägt in die gleiche Kerbe und kredenzt ein Salamisandwich (löblich: Salamibrot) sowie eine Dose Dr. Pepper Brause - wie schön. 
15.15 Uhr Nach einer kurzweiligen Fahrt tut sich plötzlich eine gigantische Felsformation vor uns auf, die in ferner Zukunft das Konterfei des legendären Lakota Häuptlings "Crazy Horse" darstellen soll. Weil wir über alles informiert sein müssen, bezahlen wir an einem Kassenhäuschen unverschämte 20 Dollars pro Person und besuchen dann eine lehrreiche Ausstellung über das steinerne Bauvorhaben der Indianer. Wir nehmen die Schautafeln ganz genau in Augenschein und bringen heraus, dass das sogenannte "Crazy Horse Memorial" ohne staatliche Unterstützung bis zum Jahre 2100 fertiggestellt werden soll. Dann wird die Skulptur 195 Meter lang und 172 hoch sein und die stolze Rothaut auf einem Pferd sitzend und mit ausgestrecktem Arm nach Osten zeigen. Ich gebe mich skeptisch und unke, dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist. Edelbert will jedoch nicht hören und präsentiert seine prall gefüllte Geldbörse, um eine druckfrische 10 Dollar Note in den bereitgestellten Spendentopf zu stecken - wo soll das noch hinführen.
16.00 Uhr Nachdem ich ebenfalls etwas Kleingeld gegeben habe, spazieren wir zum KFZ und krusen durch den "Black Hills National Forest" unaufhaltsam gen Westen. Während ich Meile für Meile zurücklege, studiert meine Reisebegleitung den Rand McNally Strassenatlas und meint, dass es das Beste wäre, die Nacht in der kleinen Gemeinde Newcastle im Staate Wyoming zu verbringen. Ich nicke eifrig und freue mich, als wir nach 32 Meilen die Grenze zum bevölkerungsärmsten Bundesstaat der Vereinigten Staaten überqueren. Edelbert ist begeistert und sagt, dass Wyoming auch "The Equality State" (löblich: Der Gleichberechtigungsstaat) genannt wird, weil hier Frauen schon seit jeher die gleichen Rechte wie Männer geniessen. HEUREKA - diesen Unsinn muss man gehört haben
16.30 Uhr Just als sich dunkle Regenwolken vor die Sonne schieben, kommen wir am Ortsschild der 3.000 Bürger zählenden Kleinstadt Newcastle vorbei. Ich gebe mich erleichtert und stelle klar, dass wir jetzt nur noch eine bezahlbare Herberge finden müssen. Der Professor lotst mich gekonnt durch den Stadtkern und animiert mich, vor dem "Sundowner Inn" auf die Bremse zu treten. Reisetascheschleppend eilen wir ins Motelbüro und sehen uns mit einer jungen Dame konfrontiert, die sich gerade die Nägel feilt. Die Blondine (19) stellt sich uns als die Tochter der Inhaber vor und freut sich, uns im besten Motel der ganzen Stadt begrüssen zu dürfen. 
17.00 Uhr Nachdem wir ein Kleingespräch (unlöblich: Smalltalk) geführt haben, gibt uns die Maid endlich die Schlüssel für Räumlichkeiten im ersten Stock. Ferner erfahren wir, dass unweit des Motels zwei Gaststätten zu finden sind. Um nicht vom Fleisch zu fallen, trage ich meine Tasche nach oben und komme angesichts der rustikalen Zimmerausstattung aus den Staunen gar nicht mehr heraus. Neben einem bequemen Bett und einladenden Sitzgelegenheiten ziert ausserdem ein überdimensionales Hirschgeweih mein Schlafgemach - wie aufregend.
17.30 Uhr Wenig später überqueren wir die Main Street (löblich: Hauptstrasse) und kehren ins schöne "Old Mill" (löblich: Alte Mühle) Familienrestaurant ein, um uns an einem Tisch in der Nähe des knisternden Kamins niederzulassen. Die Gaststättenbetreiberin begrüsst uns redlichst und ist überrascht, so spät im Jahr Touristen in Newcastle anzutreffen. Als ich klarstelle, dass wir am Nachmittag "Mount Rushmore" und das "Crazy Horse Denkmal" besucht haben, tippt die gute Seele auf ihre Armbanduhr und macht uns auf den Umstand aufmerksam, dass beide Ausflugsziele am 1. Oktober ihre Pforten schiessen. Ich zucke mit den Schultern und schlage die Speisekarte auf, um ein saftiges T-Bone Steak (löblich: T Knochen Steak) mit Bratkartoffeln und Bohnen zu bestellen. Edelbert folgt meinem Beispiel und entscheidet sich ebenfalls für ein vitaminreiches Fleischgericht vom Grill. 
18.00 Uhr Während wir kraftvoll zubeissen und unsere Kehlen mit Bier aus der weltbekannten "Miller" Brauerei spülen, tratschen wir über die morgen anstehende Reise und fassen den Entschluss, ganz früh aufzustehen und bis zum Abend nach Rock Springs an der Grenze zu Utah zu fahren. Edelbert ist voller Tatendrang und sichert zu, dass wir bis zum Wochenende die Rocky Mountains hinter uns lassen und in wärmere Gefilde vorstossen werden. 
19.00 Uhr Nachdem wir das Abendessen mit hausgemachtem Kirschkuchen und wässrigem Kaffee abgerundet haben, bezahlen wir die Zeche in Bar und kehren erschöpft ins Motel zurück. Als wir die Türe aufstossen und nach oben gehen wollen, stellt sich uns plötzlich eine rothaarige Dame (63) in den Weg. Die Frau des Hauses beäugt uns mit Argwohn und möchte wissen, ob wir in den Zimmern rauchen wollen. Lachend falle ich der Frau ins Wort und gebe bekannt, dass ich in meinem Leben noch nie einen Glimmstängel angerührt habe. Um mich mit der kleinen Frau gut zu stellen, verweise ich auf Edelbert und verrate, dass mein Bekannter stets eine Pfeife mit sich führt. Die Motelbesitzerin erhebt mahnend den Zeigefinger und erläutert, dass in ihrem Haus nicht gequalmt werden darf. Edelbert winkt ab und verspricht, sein Abendpfeifchen dann eben auf der Veranda zu rauchen.
19.30 Uhr Ich wünsche dem Professor eine angenehme Nacht und ziehe mich dann auf mein Zimmer zurück. Um Hund Dixon etwas Gutes zu tun, fülle ich seinen Napf mit ROYAL CANIN Trockenfutter auf und vergesse auch nicht, ihm über den Kopf zu streicheln. Anschliessend entspanne ich mich bei einer heissen Dusche und gehe zeitig zu Bett, um noch etwas fernzusehen. Weil keine brechenden Neuigkeiten (unlöblich: Breaking News) auf CNN vorliegen, wähle ich das Qualitätsprogramm von FOX aus und erfreue mich an einer neuen Ausgabe der beliebten Krimiserie "Bones" (löblich: Knochen). In der heutigen Folge wird die Anthropologin Dr. Temperance Brennan mit einem heiklen Fall betraut und muss den Mord an einem FBI Agenten aufklären - da kommt Spannung auf. 
21.00 Uhr Als nach neunzig heiteren Filmminuten der Abspann über den Bildschirm flimmert, ziehe ich mir die Bettdecke über die Nasenspitze und schlafe bald ein. Gute Nacht.

 

verfasst von Reinhard Pfaffenberg am 28.09.2010
© Reinhard Pfaffenberg