Reinhard Pfaffenbergs löbliches Tagebuch Archiv

 

 

27.09.2010

07.15 Uhr Die 39. Woche des Jahres beginnt und ich strecke mich ausgiebig. Weil wir zeitig in Richtung "Black Hills" (löblich: Schwarze Berge) weiterfahren wollen, hüpfe ich ruckzuck aus den Federn und streichle dem Vierbeiner übers Fell. Hund Dixon gähnt ausgiebig und rennt wie eine Wilder zum Napf, um etwas Trockenfutter zu verspeisen - wie schön.
07.45 Uhr Bevor ich mich an den Frühstückstisch setze und den Oggleviews beim wichtigsten Mahl des Tages Gesellschaft leiste, packe ich meine sieben Sachen zusammen. Danach stelle ich mich unter die Dusche und brause mich heiss ab - das tut gut. Währenddessen spähe ich aus dem Badezimmerfenster und werde Zeuge, wie bunte Blätter von einer Birke rieseln. HEUREKA - diese Farben muss man gesehen haben.
08.30 Uhr Wenig später nehme ich neben Prof. Kuhn am Küchentisch Platz und mache mich über eine reichhaltige Mahlzeit her. Unsere Gastgeber servieren köstliche Pfannkuchen mit Ahornsirup, Rühreier mit Speck sowie eine landestypische Käsekuchenspezialität, die man probiert haben muss. Herr Oggleview schnalzt demonstrativ mit der Zunge und erzählt, dass es in South Dakota wegen der europäischen Einwanderer sehr viele Backkreationen gibt. Ich beisse kraftvoll zu und lasse Frau Oggleview wissen, dass ich selten ein besseres Frühstück verzehrt habe. Die kleine Frau fühlt sich geschmeichelt und erwidert, dass man ohne eine ordentliche Mahlzeit nicht auf Reisen gehen sollten. Bei dieser Gelegenheit wende ich mich Edelbert zu und frage nach, in welcher Stadt wir am Abend Station machen werden. Der Professor wischt sich den Mund an einer Stoffserviette mit Goldrand ab und entgegnet, dass wir 260 Meilen zurücklegen und die Nacht in Murdo, SD verbringen werden. Der schlaue Mann kommt ins Schwärmen und informiert, dass die 600 Einwohner zählende Gemeinde im Jones County liegt und sogar ein DAYS INN Motel zu bieten hat - wie aufregend.
09.15 Uhr Nachdem wir uns gestärkt haben, kredenzt uns Frau Oggleview eine kleine Wegzehrung und meint, dass nun die Zeit gekommen ist, um Abschied zu nehmen. Ich nicke eifrig und stelle klar, dass ich mich über einen Gegenbesuch im Frühling sehr freuen würde. Herr Oggleview zwinkert mir redlichst zu und sagt, dass wir uns bestimmt bald wiedersehen werden - wie schön. 
09.45 Uhr Kurz vor dem Zehnuhrläuten verfrachten wir die Gepäckstücke in den frisch gewaschenen JEEP und wünschen der netten Familie einen schönen Herbst und wundervolle Weihnachten. Im Anschluss lasse ich den PS-strotzenden Motor aufheulen und presche winkend davon. Edelbert lotst mich fachmännisch durch das Stadtzentrum von Vermillion und unterbreitet, dass wir einige Meilen auf dem Highway 50 zurücklegen und dann auf der Interstate 90 gen Westen weiterfahren werden - das soll mir auch Recht sein. Ich nippe seufzend an einer "Arizona Mucho Mango" Getränkedose und gebe zu Protokoll, dass das Wochenende viel zu schnell vorübergegangen ist. Edelbert schlägt in die gleiche Kerbe und sagt, dass die Oggleviews sehr nette Menschen sind - wie wahr. 
10.45 Uhr Nach sechzig Meilen erreichen wir die Interstate und können hinter einem MACK Lastwagen gemächlich gen Westen krusen. Edelbert deutet fasziniert auf den LKW und macht mich auf die Tatsache aufmerksam, dass besagtes Gefährt aus Minnesota stammt und Südfrüchte transportiert. Ich stimme prompt zu und merke an, dass das Obst wegen der kalten Witterung ganz bestimmt nicht gekühlt werden muss. Der Professor ist ganz anderer Meinung und erklärt, dass zwar eine frische Brise weht, aber die strahlende Sonne für angenehme Temperaturen jenseits der 50°F (10°C) Marke sorgt.
11.30 Uhr Während die trostlose Landschaft an uns vorbeizieht, schmiedet mein Beifahrer Pläne und behauptet, dass wir morgen in aller Frühe "Mount Rushmore" und das "Crazy Horse Mountain Memorial" (löblich: Verrücktes Pferd Bergdenkmal) sehen werden. Zudem vernehme ich, dass wir hinterher zum "Thunder Basin National Grassland Park" (löblich: Donnerbecken National Grasland Park) fahren und unweit des Staatsparks unser Nachtlager aufschlagen werden - das ist phantastisch. 
12.00 Uhr Just als wir die Kleinstadt Mitchell passieren, versorgt mich mein Beifahrer mit Fakten und berichtet, dass in dieser Gegend bis zum frühen 19. Jahrhundert ausschliesslich Sioux Indianer lebten. Ferner lerne ich, dass die Ureinwohner Bisons gejagt und die "Black Hills" als heilige Berge verehrt haben. Als der "weisse Mann" immer weiter in den Wilden Westen vordrang, wurde den Lakota-Sioux zugesichert, dass sie auch in Zukunft in den Bergen ihre religiösen Handlungen durchführen und dort leben können. Dummerweise fanden kurz darauf Schürfer Gold und machten es sich zur Aufgabe, Mienen zu graben und das Edelmetall zu schürfen. Im Winter 1875/76 kam es zu einer blutigen Auseinandersetzung, als mutige Indianer versuchten, ein von George Armstrong Custer geführtes Regiment in die Flucht zu schlagen. Letztendlich wurden die Indianer in alle Himmelsrichtungen vertrieben und das Reservat unter reichen Rinderzüchtern aufgeteilt. Obwohl im Jahre 1980 ein Gesetzentwurf zur Rückgabe der Berge an ihre ehemaligen Besitzer verabschiedet wurde, warten die leidgeprüften Indianer noch heute darauf, in die "Black Hills" zurückkehren zu können - wie schade. 
12.45 Uhr Kurz nach der Mittagszeit überqueren wir das Frischwasserreservoire "Lake Francis Case", welches sich auf 107 Meilen durch South Dakota schlängelt. Edelbert ist begeistert und bestätigt, dass dieses Gewässer für seine Fischvielfalt bekannt ist. Ich reibe mir den Bauch und antworte, dass ein panierter Flossenträger mit Kartoffelstäben und Salat jetzt gerade recht käme. Meine Reisebegleitung zuckt jedoch mit den Schultern und setzt mich darüber in Kenntnis, dass wir das nächste Restaurant im 80 Meilen entfernten Murdo finden werden. Um schneller voranzukommen, drücke ich das Gaspedal bis zum Anschlag durch und beschleunige das KFZ auf schwindelerregende 60 Meilen pro Stunde. 
13.15 Uhr Weil Dixon aufgeregt auf und ab hüpft, sehe ich mich auf halber Strecke genötigt, einen verlassenen Rastplatz anzusteuern und dem Vierbeiner etwas Auslauf zu verschaffen. Während der Hund sein Beinchen hebt und einen vertrockneten Strauch bewässert, strecke ich mich redlichst und erläutere, dass mein Nacken ganz steif geworden ist. Edelbert zeigt Verständnis und schlägt vor, dass wir uns die Beine vertreten könnten. 
13.45 Uhr Mit Hund Dixon im Schlepptau erkunden wir die Umgebung und bemerken, dass es ausser verdörrten Bäumen und sandigen Steppen nichts interessantes zu sehen gibt. Trotzdem lasse ich meinen Blick über die karge Landschaft schweifen und kann diesem Ort doch einiges abgewinnen. Ausserdem stelle ich mir vor, wie schön es sein muss, auf einem Pferd über die Dünen zu reiten und in der Wildnis zu zelten. Leider sind die Zeiten von lassoschwingenden Cowboys längst vorbei - wie schade. 
14.15 Uhr Nach dem erquickenden Spaziergang setzen wir die Reise fort und preschen dauerhupend in Richtung Murdo davon. Unterdessen frönen wir einem im Belle Fourche, SD beheimateten Radiosender und singen bei bekannten Merle Haggard und Dwight Yoakam Schlägen (unlöblich: Hits) laut mit - da kommt Freude auf. 
15.15 Uhr Nach 50 Meilen taucht endlich das Ortsschild der Kleinstadt Murdo am Strassenrand auf und wir lernen, dass die Uhr um eine weitere Stunde zurückgestellt werden muss. Ich nehme den Fuss vom Gas und freue mich, das Auto nach kurzer Suche vor einem renovierten DAYS INN abstellen zu können. Mit schmerzendem Rücken gleite ich vom Fahrersitz und zögere nicht, die Rezeption zu betreten und dem Geschäftsführer einen guten Tag zu wünschen. Der Bartträger erwidert meinen Gruss und lotet aus, ob ich ein Zimmer benötige. Ich zücke meine GOLDEN HEAD Geldbörse und erkläre, dass ich zwei schöne geräumige Zimmer buchen will. Der Heini nickt eifrig und plappert davon, dass das Motel auch über Internetz Anschluss und ein Schwimmbad verfügt. Des weiteren hält Herr Almett (59) die Hand auf und bittet uns, 129,90 Dollars plus Steuer für die Räumlichkeiten zu bezahlen - das ist doch eine Selbstverständlichkeit. 
15.45 Uhr Völlig erschöpft werfe ich meine Reisetasche in die Zimmerecke und mache mich daran, die Heizung anzustellen und mich meines Pullovers mit Rentieraufdruck zu entledigen. Danach leiste ich dem Vierbeiner auf dem Bett Gesellschaft und döse bald ein, um von einem kühlen Budweiser auf der Terrasse im Willoughby Drive zu träumen. 
16.30 Uhr Wenig später wird die himmlische Ruhe durch ohrenbetäubendes Türklopfen gestört. Zu allem Überfluss finde ich Edelbert auf dem Gang vor und erfahre, dass er bereits das Schwimmbad aufgesucht hat und mit einer hübschen Geschäftsreisenden (49) aus Casper, Wyoming ins Gespräch gekommen ist. Weil mein Magen laut knurrt, schlüpfe ich augenblicklich in meine Jacke und folge Edelbert nach draussen. 
17.00 Uhr Der Professor führt mich am Rathaus vorbei und sagt, dass dieser Ort vom Tourismus lebt und im Hochsommer viele Urlauber anlockt. Ich deute demonstrativ auf eine verlassene Eisdiele und mutmasse, dass sich nur wenige Menschen hierher verirren. Edelbert verdreht die Augen und stellt die Behauptung auf, dass einige Geschäfte ausserhalb der Saison natürlich geschlossen sind. 
17.30 Uhr Als der Minutenzeiger meiner wertvollen ROLEX auf halb Sechs zugeht, kehren wir ins "GTO Café" ein und setzen uns an die Bar. Eine dralle Bedienung mit Pferdeschwanz lässt nicht lange auf sich warten und kredenzt zwei Becher Kaffee sowie die Speisekarten. Das Kind beäugt uns ganz genau und möchte wissen, ob wir Touristen sind. Ich gebe der kleinen Frau Recht und berichte, dass wir aus Florida stammen und umgehend Steaks mit hausgemachten Bratkartoffeln essen möchten. 
17.45 Uhr Kurze Zeit später fährt die Kellnerin stattliche Portionen auf und sagt, dass wir gerne einen Nachschlag haben können. Edelbert schnippt mit den Fingern und sagt, dass man diesen Service erlebt haben muss. Während wir es uns schmecken lassen und stimmungsvoller Frankie Valli Musik vom Tonband lauschen, gibt sich der Professor plötzlich betrübt und rechnet vor, dass San Franzisko immer noch 1.600 Meilen entfernt liegt. HEUREKA - das kann ja heiter werden. 
18.30 Uhr Nachdem wir unsere Teller geleert und der Maid mehrere Scheine überreicht haben, schlendern wir in den angeschlossenen Lebensmittelladen und erwerben für kleines Geld Diät Coca Cola Dosen, eine Packung LAYS Kartoffelchips sowie zwei Sechserpacks Budweiser. Danach laufen wir mit schnellen Schritten zum DAYS INN zurück und verabreden, dass wir uns den Abend mit Fernsehschauen vertreiben sollten.
19.15 Uhr Wieder zurück im Motel, lade ich Edelbert auf mein Zimmer ein und drücke auf den "ON" (löblich: AN) Knopf der Fernbedienung. Das altertümliche TV Gerät macht komische Geräusche und wir haben nach kurzer Wartezeit das Vergnügen, auf ABC einem spannenden NASCAR Rennen beizuwohnen. Während das Bier in Strömen fliesst und wir uns an den Kartoffelchips laben, drehen die todesmutigen Rennfahrer ihre Runden und setzen zu waghalsigen Überholmanövern an - da kommt Freude auf. 
20.00 Uhr Nachdem das Rennspektakel sein Ende gefunden hat, schalte ich auf FOX um und lasse bei der Krimiserie "Fringe" (löblich: Fransen) die Seele baumeln. Edelbert hat jedoch nur Hohn und Spott für besagtes Fernsehformat übrig und sagt, dass es weder ausserirdische Lebensformen, noch geheime Parallelwelten gibt. 
21.15 Uhr Als der Abspann über den Bildschirm flimmert, begleite ich den Professor zur Türe und erkläre, dass ich morgen etwas länger schlafen werde. Danach werfe ich die Pforte ins Schloss und gehe zu Bett. Gute Nacht.

 

verfasst von Reinhard Pfaffenberg am 27.09.2010
© Reinhard Pfaffenberg