Reinhard Pfaffenbergs löbliches Tagebuch Archiv

 

 

24.09.2010

07.15 Uhr Ich öffne die Augen und fühle mich wie gerädert. Trotz allem stehe ich auf und betätige den "ON" (löblich: AN) Kopf der neumodernen Fernbedienung. Auf dem "Weather Channel" (löblich: Wetterkanal) informiere ich mich über die Wetterlage und lerne, dass es draussen mit 56°F (14°C) ziemlich frisch ist. Ich strecke mich ausgiebig und es ziehe es nach der Morgengymnastik vor, ins Bad zu gehen und mich bei einem heissen Vollbad zu entspannen. 
07.45 Uhr Just als ich mit dem Schwamm hantiere, schellt die Schwarzbeere (unlöblich: Blackberry) und ich habe Edelbert dran. Meine Bekannter schnalzt freudig mit der Zunge und berichtet, dass heute die letzte Etappe unserer Reise nach Vermillion, SD ansteht. Der schlaue Mann freut sich und kündigt an, dass wir bald losfahren und schon zur Mittagszeit meine ehemaligen Nachbarn wiedersehen werden - das ist phantastisch. Ich stimme Prof. Kuhn uneingeschränkt zu und lasse ihn wissen, dass das Wetter gar nicht nach meinem Geschmack ist. Ferner erzähle ich, dass ich ausser einer modischen Tschíensjacke mit Kordkragen keine warmen Sachen in der Reisetasche mitführe. Edelbert macht sich die grössten Sorgen und erwidert, dass die Temperaturen während der nächsten Tage weiter fallen werden. Um nicht zu einem Eiszapfen zu erstarren, fassen wir den Entschluss, nach dem wichtigsten Mahl des Tages einen WAL MART zu besuchen und ordentlich Winterkleidung abzuschoppen. 
08.45 Uhr Nach dem Badespass steige ich in meine schweren Kuhjungenstiefel (unlöblich: Cowboyboots) und vergesse auch nicht, mir eine Jacke anzuziehen. Danach lotse ich das störrische Haustier zur Rezeption und sehe mich mit einem unterbelichteten Redneck (löblich: Rotnacken) konfrontiert, der offensichtlich Tabak kaut. Seufzend gebe ich meine Schlüsselkarte zurück und lote aus, ob es in dieser Gegend einen WAL MART gibt. Der Heini hinter dem Tresen plappert in einer Tour und deutet nach Norden. Ich nicke eifrig und zeige mich mit einer funkelnden 25 CENT Münze erkenntlich. Im Anschluss begrüsse ich Edelbert und wuchte die Reisetasche auf die Ladefläche des JEEPS. Um nicht noch mehr Zeit zu vertrödeln, lasse ich den Wählhebel der Automatikschaltung in der "D" Stellung einrasten und presche mit durchdrehenden Reifen vom Gelände. 
09.15 Uhr Wir fahren gemächlich durch das Stadtzentrum von Omaha und parken das Auto nach kurzer Suche vor einer McDonalds Schnellessgaststätte. Während der Vierbeiner im Auto verweilt und sich mit einem Kauknochen vergnügt, werden wir an der Essensausgabe vorstellig und entscheiden uns für "Big Breakfast" (löblich: Grosses Frühstück). Edelbert ist nicht gerade begeistert und sagt, dass die Preise bei McDonalds wenigstens günstig sind. Ich vertrete die gleiche Meinung und gebe zu Protokoll, dass sich hier auch arme Rentner preisgünstig verpflegen können. 
09.45 Uhr Nachdem wir das Fliessbandessen aufgegessen und unsere Kehlen mit brühfrischem Kaffee durchgespült haben, steuern wir den WAL MART an der 99th Strasse an. Dort angekommen bitte ich Edelbert, mit Dixon einen Spaziergang zu unternehmen. Unterdessen eile ich mit schnellen Schritten in den Flachbau und halte nach bezahlbaren Pullovern Ausschau. Ein freundlicher Mitarbeiter hilft mir bei der Auswahl und legt mir nahe, modische Flanellhemden aus dem Hause Dickies sowie einen Schal zu erwerben.
10.30 Uhr Um 45 Dollars erleichtert, setzen wir die Fahrt fort und rasen auf der Interstate 29 nach Norden. Während der Fahrt lasse ich das Aussenthermometer keine Sekunde aus den Augen und werde Zeuge, wie der Wert immer weiter in den Keller sinkt. HEUREKA - vielleicht wäre es doch besser gewesen, den Urlaub abzublasen und in Naples zu bleiben. Edelbert will von alledem nicht hören und kontert, dass wir in der kommenden Woche in wärmere Gefilden vorstossen werden - das will ich hoffen. 
11.00 Uhr Um mir einen genaueren Einblick zu ermöglichen, kommt mein Beifahrer auf seine Reiseplanung zu Sprechen und unterbreitet, dass wir am Dienstag am "Mount Rushmore National Memorial" eintreffen und dann weiter durch Wyoming, Utah und Nevada ins sonnige Kalifornien reisen werden. Edelbert reibt sich die Hände und klappt das praktische Netzbuch (unlöblich: Netbook) auf, um auf der Internetzpräsenz von wunderground.com nach relevanten Daten zu suchen. Letztendlich stellt sich jedoch heraus, dass in Nevada die Quecksilberanzeige des Thermometers um diese Jahreszeit unter den Gefrierpunkt fallen kann. Ich trete nörgelnd auf die Bremse und erwidere, dass ich unter diesen Umständen nicht bereit bin, die Reise fortzusetzen. Edelbert beruhigt mich redlichst und bestätigt, dass wir Gott sei Dank über eine funktionierende Heizung verfügen. 
11.30 Uhr Nach sechzig Minuten passieren wir Sioux City und Edelbert plappert davon, dass ausserhalb der Gemeinde der KCAU-Fernsehsendemast steht, der mit seinen 609 Metern zu den höchsten Gebäuden der Welt zählt. Der Professor ist wie immer bestens unterrichtet und sagt, dass diese Anlage im Jahre 1965 in Betrieb genommen wurde und seitdem Funksignale von der Ost- zur Westküste der Vereinigten Staaten transportiert - das soll mir auch Recht sein. Missgelaunt stelle ich die Heizung eine Stufe höher und kann es gar nicht mehr erwarten, meine ehemaligen Nachbarn in Vermillion zu treffen. 
12.15 Uhr Kurz nach der Mittagszeit kommen wir am Ortsschild der 10.000 Einwohner zählenden Gemeinde vorbei. Weil wir nicht wissen, wo Familie Oggleview wohnt, zücke ich die Schwarzbeere (unlöblich: Blackberry) und tippe kurzerhand die Rufnummer der netten Leute ins Tastenfeld ein. Herr Oggleview (60) meldet sich nach dem zweiten Klingeln und ist überrascht, uns schon jetzt in Vermillion begrüssen zu dürfen. Der Hausmann redet ohne Unterlass auf mich ein und informiert, dass er mit seiner Familie am Valley View Drive lebt. Ich folge dem Missouri River gen Westen und biege kurz vor dem "Harold Davidson Flughafen" in ein schickes Wohngebiet ab. 
12.45 Uhr Kurz darauf kommen wir vor der besagten Adresse zum Stehen und freuen uns sehr, Herrn Oggleview winkend vor einer luxuriösen Villa anzutreffen. Während Dixon schwanzwedelnd aus dem Auto hüpft, um die umliegenden Sträucher zu bewässern, schliesse ich meinen ehemaligen Nachbarn in die Arme und stelle klar, dass es ein Vergnügen war, 2.000 Meilen durch den Mittleren Westen zu fahren. Edelbert schlägt in die gleiche Kerbe und erkundigt sich, wo der Sohn Jacob (20) abgeblieben ist. Herr Oggleview begrüsst auch Edelbert und erzählt, dass der Junge mittlerweile auf eigenen Füssen steht und mit einem Studienfreund ein behindertengerechtes Appartement auf dem Campus der Universität gemietet hat - das ist phantastisch. Zudem erfahren wir, dass sich Frau Oggleview extra Urlaub genommen hat, um ein Mittagessen vorzubereiten. Voller Vorfreude laufen wir in die Küche und werden auch von der Gastgeberin recht herzlich Willkommen geheissen. 
13.15 Uhr Nachdem wir unsere Reisetaschen ins Haus getragen haben, lassen wir uns an der festlich gedeckten Tafel nieder und stossen auf alte Zeiten an. Mein ehemaliger Nachbar hat sich nicht lumpen lassen und zur Feier des Tages ein sündteures Fläschchen Kerbel Weisswein aus dem goldenen Kalifornien entkorkt - schmeckt prima. Zudem überrascht uns seine Frau mit einer vitaminreichen Lasagne aus eigener Herstellung. Während wir kraftvoll zubeissen, lassen wir unseren bisherigen Reiseverlauf in allen Einzelheiten Revue passieren. Edelbert erzählt Anekdoten am laufendem Band und behauptet, dass ich am kalten Herbstwetter keinen Gefallen finden kann. Herr Oggleview winkt lässig ab und wirft ein, dass die Bewohner dieses Staates bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt in ihre Flip-Flops schlüpfen und im Freien ein Picknick veranstalten - papperlapapp. 
14.00 Uhr Wir beenden das Mittagessen mit Käsekuchen und entschliessen uns, auf Schusters Rappen zum Nebenfluss des Missouri Rivers zu spazieren. Um Dixon eine kleine Freude zu bereiten, werfe ich Stöckchen und animiere den Vierbeiner, das Teil zu apportieren. 
15.00 Uhr Nachdem wir auf einer Bank Platz genommen haben, versorgt uns Frau Oggleview mit Fakten und verdeutlicht, dass der Strom wegen seines hohen Schlammanteils auch den Spitznamen "Big Muddy" trägt. Des weiteren vernehmen wir, dass dies Gewässer mit seinen 4.130 Kilometern der längste Nebenfluss des Mississippis ist - wie aufregend.
15.30 Uhr Wieder zurück im Eigenheim meiner einstigen Nachbarn, lassen wir uns im holzvertäfelten Wohnzimmer nieder und geniessen ein extraordinäres Kaffeekränzchen. Die Frau des Hausbesitzers serviert brühfrischen Bohnentrunk und merkt an, dass es ihr eine Ehre wäre, uns während des Wochenendes in den Gästezimmern zu beherbergen - wie schön. Die nette Dame führt uns in den hinteren Teil der Villa und sagt, dass das Haus gross genug ist und Platz für mindestens vier Personen bietet. Bei dieser Gelegenheit präsentiert die Gute das angeschlossene Badezimmer und meint, dass das Gebäude nicht nur über vier Schlafzimmer, sondern auch über drei vollständig ausgestattete Nasszellen verfügt.
16.00 Uhr Nachdem ich meine Habseligkeiten in den Eichenschrank geräumt und Dixons Näpfe mit Trockenfutter aufgefüllt habe, falle ich völlig erschöpft aufs weiche Doppelbett. Ich döse bald ein und träume von meinem beschaulichen Häuschen im Willoughby Drive. 
17.30 Uhr Leider wird mein Nickerchen nach wenigen Augenblicken durch sehr lautes Klopfen gestört. Während Dixon bellend auf und ab hüpft, öffne ich die Pforte und freue mich, Jacob auf dem Gang anzutreffen. Der jüngste Spross der Familie reicht mir die Hand und setzt mich darüber in Kenntnis, dass seine Mutter gleich selbstzubereitetes Stew (löblich: Lammfleisch) nach einem alten Rezept ihrer Oma auftischen wird. Weil mein Magen schon knurrt, folge ich dem Rollstuhlfahrer ins Esszimmer und setze mich neben Edelbert. Während wir auf die Spezialität warten, löchere ich Jacob mit Fragen und bringe in Erfahrung, dass er immer noch Humanbiologie studiert und in zwei Jahren als diplomierter Wissenschaft von der "University of South Dakota" abgehen wird. 
18.00 Uhr Ausserdem hören wir, dass seine Mutter in der gleichen Bildungsanstalt als Psychologin beschäftigt ist und im Oktober ein Buch veröffentlichen wird. Edelbert wird sogleich hellhörig und lässt verlauten, dass er in jungen Jahren selbst Psychologie studiert und als Aushilfslehrer an der renommierten Berkeley Universität gearbeitet hat. Frau Oggleview freut sich, einen Kollegen zu treffen und möchte wissen, mit welchen Themen sich der Professor während seiner Studienzeit befasst hat.
18.45 Uhr Während meine Bekannten in ein Fachgespräch vertieft sind, wende ich mich Herrn Oggleview zu und erkläre, dass wir seine Gastfreundschaft bis zum Sonntag gerne in Anspruch nehmen werden. Ferner stelle ich klar, dass wir am Montag weiterfahren und zur Wochenmitte die schwarzen Berge (unlöblich: Black Hills) und "Mount Rushmore" besichtigen wollen. Mein Tischnachbar füllt die Weingläser mit erlesenem Rebentrunk auf und erläutert, dass man die in Stein gemeisselten Präsidentenköpfe gesehen haben muss. 
19.30 Uhr Nach einem opulenten Abendessen lassen wir den Tag plaudernd im Wohnzimmer ausklingen. Unter anderem tratschen wir über Herrn Rhodes (90), der immer noch Tag für Tag durch den Willoughby Drive schleicht, um sämtliche Anwohner zu überwachen. Herr Oggleview kommt aus dem Lachen gar nicht mehr heraus und sagt, dass er mit dem alten Tattergreis sehr oft aneinandergeraten ist.
20.30 Uhr Nachdem sich Jacob verabschiedet hat, klatsche ich in die Hände und breche in Gesellschaft des Gastgebers zu einem kleinen Spaziergang durchs Wohngebiet auf. Herr Oggleview steckt sich eine stinkende Zigarre an und bringt für morgen eine Stadtbesichtung ins Gespräch. Wie es sich für einen interessierten Rentner gehört, zeige ich mich einverstanden und entgegne, dass ich die Gelegenheit beim Schopf packen und die örtliche Universität besichtigen möchte. 
21.15 Uhr Zurück im Valley View Drive wünsche ich den Leuten eine gute Nacht und verabschiede mich ins Gästezimmer. Nachdem ich heiss geduscht habe, scheuche ich Hund Dixon ins Bett und lösche das Licht. Gute Nacht.

 

verfasst von Reinhard Pfaffenberg am 24.09.2010
© Reinhard Pfaffenberg