Reinhard Pfaffenbergs löbliches Tagebuch Archiv

 

 

22.09.2010

07.15 Uhr Ein neuer Tag beginnt und ich habe momentan gar keine Orientierung. Erst als ich aus dem Fenster schaue und einen Blick auf den  Flughafen der Stadt St. Louis erhasche, wird mir klar, dass ich mich vor den Toren der "Gateway City" (löblich: Torweg Stadt) aufhalte. Weil meine Zeit sehr knapp bemessen ist, hüpfe ich sogleich aus dem Bett und mache mich daran, den Hund zu begrüssen und das Netzbuch in Betrieb zu nehmen. Ferner rufe ich in Edelberts Motelzimmer an und frage an, wann wir weiterfahren wollen. Edelbert gibt sich deprimiert und berichtet, dass er Rückenschmerzen hat - wie schrecklich. Bevor mein Bekannter antworten kann, beende ich das Telefonat und renne badebemäntelt nach nebenan, um Prof. Kuhn eine hochwirksame "Low Back Pain" (löblich: Rückenschmerzen) Salbe aus meiner Hausapotheke zu überreichen. Edelbert freut sich und sagt, dass die vielen Stunden im JEEP höchstwahrscheinlich Auslöser der Schmerzen sind. Ich mache mir sogleich die grössten Sorgen und animiere den guten Mann, löbliche Streck- und Dehnübungen am Fenster durchzuführen. 
07.45 Uhr Nachdem wir vereinbart haben, in eineinhalb Stunden im benachbarten "Dairy Queen" (löblich: Molkerei Königin) zu frühstücken, kehre ich auf mein Zimmer zurück und genehmige mir ein löbliches Vollbad. Unterdessen lausche ich Dank modernster Internetztechnik dem Radioprogramm aus meiner weissblauen Heimat und lerne, dass heute vor genau 24 Jahren die erste Ausgabe der Fernsehserie ALF in Amerika ausgestrahlt wurde. Der Hauptprotagonist, ein orangefarbener Ausserirdischer vom Planeten Melmark, spielte sich bald in die Herzen der Zuschauer und schaffte es, bis zum Jahr 1990 Millionen an die heimischen Bildschirme zu fesseln. Nach vier Staffeln und 102 ausgestrahlten Folgen entschloss sich die Produktionsfirma, den Ausserirdischen in Rente zu schicken und sich neuen Ideen zuzuwenden. Seufzend lehne ich mich zurück und erinnere mich, dass ich den Abenteuern des lustigen Weltraumfahrers sehr gerne beigewohnt habe. 
08.45 Uhr Kurz vor dem Neunuhrläuten beende ich das Badevergnügen und schlüpfe in bequeme Freizeitkleidung. Ausserdem befülle ich Dixons Napf und lasse das Haustier wissen, dass es erst am Abend wieder etwas zu Essen bekommt. Der Hund legt seinen Kopf schief und stürzt sich gierig auf das ROYAL CANIN Trockenfutter - wie schön.
09.15 Uhr Wenig später klopft Edelbert an die Pforte und behauptet, dass es ihm mittlerweile schon wieder besser geht. Der schlaue Mann gibt mir die Rückencreme zurück und sagt, dass die Schmerzen in Minutenschnelle verflogen sind. Um nicht noch mehr Zeit zu vertrödeln, werfe ich meine Reisetasche auf die Ladefläche des JEEPS und helfe dem Vierbeiner auf den Rücksitz. Danach fahren wir ruckzuck zum Gasthaus unseres Vertrauens und freuen uns, direkt vor dem Dairy Queen Eingang einen Stellplatz zu ergattern. Wir betreten hungrig die gutbesuchte Wirtschaft und werden von einer übergewichtigen Kassenkraft recht herzlich begrüsst. Weil mein Magen laut knurrt, bestelle ich kurzerhand ein "Breakfast Menue", bestehend aus zwei vitaminreichen "Iron Grilled Sandwiches" (löblich: belegte Brote vom Eisengrill), "Hash Brownies" (löblich: Kartoffelpuffer) und gebratenen Speckstreifen. Dazu gibt es brühfrischen Kaffee mit aufgeschäumter Milch - das schmeckt. 
09.30 Uhr Während wir kraftvoll zubeissen, plaudern wir über unsere heutige Etappe und fassen den Entschluss, 300 Meilen zurückzulegen und Kansas City anzusteuern. Edelbert hat sich bereits schlau gemacht und meint, dass wir in St. Joseph übernachten könnten. Um mir einen genaueren Einblick zu gewähren, plappert der Gute weiter und erzählt, dass die kleine Ortschaft im 19. Jahrhundert ein wichtiger Verkehrs- und Handelsknotenpunkt im Mittleren Westen war. Darüber hinaus erfahre ich, dass in besagter Stadt einst Jesse James hinterrücks vom feigen Robert Ford erschossen wurde - wie aufregend. 
10.00 Uhr Redlichst gestärkt hüpfen wir in den JEEP und steuern eine CARSTAR Trankstelle an, um den Ölstand zu kontrollieren und Premium Benzin nachzufüllen. Während ich mich an der Zapfsäule zu schaffen mache, zeigt sich mein Begleiter spendabel und erwirbt für wenig Geld mehrere Dosen Diät Coca Cola sowie in Plastik abgepackte Sandwiches - wie schön. Nach dem Bezahlvorgang lasse ich den Wählhebel in der "D" Stellung einrasten und presche hupend davon.
10.30 Uhr Wir lassen den "Gateway Arch" hinter uns und rasen auf der Interstate 70 zügig in Richtung Westen. Während ich Meile für Meile zurücklege, segelt Edelbert kaugummikauend durchs weltweite Internetz und meldet, dass diese Interstate in Cove Fort, UT ihren Anfang nimmt und in Baltimore, Maryland endet. Zudem setzt mich mein Beifahrer darüber in Kenntnis, dass diese Autobahn 2.200 Meilen lang ist und durch die Millionenmetropolen Denver und Indianapolis führt - das soll mir auch Recht sein. Ich kratze mich demonstrativ am Kinn und entgegne, dass die Landschaft seit St. Louis sehr karg daherkommt. Edelbert weiss es wie immer besser und erzählt, dass man diese Gegend auch "Badlands" (löblich: schlechtes Land) nennt, weil hier weder Getreide noch andere Nutzpflanzen gedeihen - wie unlöblich.
11.15 Uhr Nach einer dreiviertel Stunde passieren wir Jonesburg und bemerken anhand der Willkommenstafel, dass hier 695 Menschen leben. Des weiteren weist und das Schild auf ein Rodeo hin, welches am 1. Oktober vor den Toren der Gemeinde stattfinden soll. Ich ziehe mir meinen Cowboyhut tief ins Gesicht und trete das Gaspedal bis zum Anschlag durch. 
11.45 Uhr Dummerweise werden wir nach wenigen Meilen von einem Polizeiauto mit Blaulicht verfolgt und genötigt, rechts ranzufahren. Weil man sich mit der amerikanischen Landpolizei bekanntlich nicht anlegen sollte, komme ich der Aufforderung anstandslos nach und werde vom einem Hilfsscherriff des Montgomery County beschuldigt, bei einem waghalsigen Überholmanöver keinen Blinker gesetzt zu haben. Der bärtige Heini umrundet den JEEP mit Argusaugen und möchte wissen, ob ich der Halter des Fahrzeugs bin. Ich nicke eifrig und antworte, dass wir aus dem Sonnenscheinstaat stammen und uns keiner Schuld bewusst sind. Der Polizist lässt Gnade vor Recht ergehen und belässt es bei einer mündlichen Ermahnung - wie schön. Ich atme tief durch und halte es für besser, gemächlich weiterzufahren und mich an die geltenden Verkehrsregeln zu halten. 
12.15 Uhr Kurz nach der Mittagszeit genehmige ich mir ein Sandwich mit Eiersalat und freue mich, als endlich die 100.000 Bürger zählende Grossstadt Columbus am Horizont auftaucht. Edelbert gibt sich erleichtert und schlägt vor, dass wir die Gelegenheit beim Schopf packen und den Campus der Universität von Missouri besichtigen sollten. Ich schüttle jedoch entschieden den Kopf und erwidere, dass es langsam Zeit wird, dem Vierbeiner etwas Auslauf zu verschaffen.
13.00 Uhr Wir stellen den JEEP unweit des denkmalgeschützten "Tiger Hotels" an der Cherry Street ab und unternehmen einen erquickenden Gassigang durch das alte Zentrum. Während Dixon aufgeregt sein Beinchen hebt, deute ich auf eine einladende Gaststätte namens "Addison's - An American Grill" und gebe zu Protokoll, dass eine warme Mahlzeit nicht schaden kann. Mein Bekannter vertritt die gleiche Meinung und bugsiert mich in die Wirtschaft. Wir werden von der Inhaberin höchstpersönlich Willkommen geheissen und zu einem Fenstertisch mit Ausblick geführt. Nebenbei streicht die nette Frau meinem tierischen Begleiter übers Fell und sagt, dass sie selbst einen Golden Retriever ihr Eigen nennt - wie schön. Um nicht zu verhungern, schlage ich die Karte auf und wähle aus dem reichhaltigen Angebot ein "Citrus Marinated BBQ Chicken" (löblich: Zitronenmariniertes Grillhuhn) sowie einen "House Salad" (löblich: Haussalat) mit Thousand Island Dressing (löblich: 1.000 Insel Sauce). Ferner beäuge ich die Ölgemälde an der Wand und bringe heraus, dass ein örtlicher Künstler für diese unansehnlichen Schmiererein verantwortlich zeichnet. HEUREKA - diesen uninspirierten Schund muss man gesehen haben. 
14.00 Uhr Um siebenunddreissig Dollars ärmer, setzen wir die Fahrt fort und gleiten radiohörend gen Westen. Unter anderem ziehen wir an Rochenport, Sweet Springs und Concordia vorbei und haben das Glück, stimmungsvoller amerikanischer Landmusik (unlöblich: Countrymusic) auf der Frequenz von "106.5 THE WOLF" (löblich: Der Wolf) lauschen zu dürfen - was kann es schöneres geben. 
14.45 Uhr Just als Josh Turner seinen Hitparadenerfolg "All over Me" (löblich: Alles über mich) trällert, klappt Edelbert das Netzbuch auf und informiert sich über den Postzustelldienst "Pony Express", dessen Route einst von St. Joseph bis ins 2.000 Meilen entfernte Sacramento reichte. Der Professor ist begeistert und sagt, dass die Reiterstaffel anno 1860 ins Leben gerufen wurde und 153 Stationen im Wilden Westen mit Post- und Paketsendungen belieferte - das ist phantastisch.
15.30 Uhr Während Edelbert aus dem Quasseln gar nicht mehr herauskommt, kruse ich an Kansas City vorbei und biege hupend und blinkend auf die Interstate 29 nach Norden ab. Um schneller voranzukommen, stelle ich den Tempomaten auf exakt 65 Meilen pro Stunde ein und lösche meinen Durst mit einem kräftigen Schluck aus der Diät Coca Cola Dose - das tut gut.
16.15 Uhr Nach weiteren 50 Meilen treffen wir endlich am Ziel ein. Ich drossle die Geschwindigkeit und beauftrage Edelbert, im Internetz nach einem bezahlbaren Hotel in der Innenstadt von St. Joseph zu suchen. Mein Beifahrer macht sich sogleich ans Werk und schlägt vor, dass wir im "Holiday Inn" am Missouri River eintschecken könnten. Nach kurzer Suche werden wir fündig und können das Auto vor der schönen Motelanlage abstellen. Mit Hund Dixon im Schlepptau werden wir an der Rezeption vorstellig und hören, dass ein Zimmer für AAA-Mitglieder mit 79 Dollars zu Buche schlägt. Wir gehen auf den Handel gerne ein und erhalten im Gegenzug Schlüsselkarten für zwei Zimmer im vierten Obergeschoss. 
17.00 Uhr Bevor wir die Stadt erkunden und das wohlverdiente Abendessen einnehmen, bette ich mich in meinem King-Size Bett zur Ruhe. Ich schliesse genüsslich die Augen und döse bald ein, um von meinem luxuriösen Eigenheim in fernen Naples zu träumen. 
17.30 Uhr Just als ich mich im Traum in der Hollywoodschaukel sitzen sehe, wird mein Nickerchen durch das aggressive Schellen der Schwarzbeere gestört. Zu allem Überfluss meldet sich Frau Pontecorvo und möchte wissen, ob ich mich schon im Wilden Westen tummle. Ich stimme prompt zu und erzähle, dass wir vor wenigen Minuten in St. Joseph angekommen sind. Meine Nachbarin freut sich und kündigt an, in den nächsten Tagen erneut anzurufen. Missmutig wische ich mir den Schlaf aus den Augen und nehme Hund Dixon an die Leine. Danach poche ich an Edelberts Zimmertüre und bringe einen kleinen Spaziergang zur Sprache.
18.00 Uhr Wir schlendern entspannt die Francis Street entlang und stossen bald auf eine beeindruckende Bronzestatue unweit des Rathauses, die einen stolzen Reiter auf einem Palomino zeigt. Interessiert nehmen wir die Informationstafel in Augenschein und lesen, dass dieses Denkmal den vielen Postbeamten gewidmet ist, die einst auf ihren Pferden durch den Mittleren Westen ritten - wie aufregend.
18.30 Uhr Im Anschluss kehren wir in eine HARDEE'S Wirtschaft ein und setzen uns unweit der Essensausgabe an einen Zweiertisch.
19.00 Uhr Während wir uns an köstlichen Käseburgern mit hausgemachten Kartoffelstäben laben, plaudern wir über die Tageserlebnisse und sind einstimmig der Meinung, dass die Reiter des "Pony Express" echte Helden waren. Edelbert gibt zu bedenken, dass es damals weder befestigte Strassen, noch Motelketten oder Fahr hindurch (unlöblich: Drive Thru) Gaststätten gab, in die die Reiter hätten einkehren können - wie wahr. Zudem mussten die Postreiter immer damit rechnen, von garstigen Indianern oder anderen Banditen überfallen zu werden.
19.30 Uhr Wieder zurück auf der Francis Street wandern wir entspannt in Richtung Hotel und unterhalten uns über die morgige Etappe der Reise. Der Professor tut sich wieder einmal als Besserwisser hervor und gibt zu Protokoll, dass er bereits alles bis ins Detail geplant hat - das ist typisch.
20.15 Uhr Nachdem wir in der Hotelhalle noch etwas mit eben eingetroffenen Touristen aus dem schönen Virginia geplaudert haben, verabschiede ich mich von Prof. Kuhn und fahre mit dem Lift in den vierten Stock hinauf. Ich erlaube Dixon ausnahmsweise, es sich auf der Tagesdecke auf dem Bett bequem zu machen und eile dann in die Nasszelle, um eine heisse Dusche zu nehmen - das tut gut.
21.00 Uhr Redlichst erfrischt scheuche ich Dixon vom Bett und falle dann erschöpft auf die Matratze. Danach schalte ich mich noch etwas durch die unzähligen Fernsehprogramme und muss bald erkennen, dass ich vor Müdigkeit kaum mehr die Augen auf halten kann.
21.30 Uhr Laut gähnend schalte ich das Farbfernsehgerät aus und schlafe wenig später ein. Gute Nacht.

 

verfasst von Reinhard Pfaffenberg am 22.09.2010
© Reinhard Pfaffenberg