Reinhard Pfaffenbergs löbliches Tagebuch Archiv

 

 

01.01.2008

07.30 Uhr Mein Radiowecker geht an und läutet den ersten Tag des Jahres 2008 ein - wie schön. Um in das neue Jahr schwungvoll zu starten, hüpfe ich voller Vorfreude aus den Federn und absolviere bei stimmungsvoller Radiomusik die wichtige Morgengymnastik am geöffneten Fenster. Während ich meine eingeschlafenen Muskeln mit dem Hampelmann stähle, fällt mir auf, dass es seit Mitternacht ergiebig geschneit hat - wie unlöblich. Gott sei Dank werde ich schon Morgen mein Ränzlein schnüren und ins sonnige Rentnerparadies ausfliegen - das wird ein Spass. 
08.00 Uhr Nachdem ich schnell die heutigen Termine in meiner Schwarzbeere geprüft habe, entspanne ich mich bei einem heissen Schaumbad und folge nebenbei dem Radioprogramm aus meiner bayerischen Heimat. Unter anderem erfahre ich, dass derzeit sämtliche Mitglieder der "Alevitische Gemeinde" auf die Barrikaden gehen und aus dem Beleidigtsein gar nicht mehr herauskommen wollen. Kopfschüttelnd höre ich weiter, dass sich die Muslimbruderschaft mit "allen friedlichen, demokratischen und rechtlichen Mitteln" gegen die Darstellung ihres Glaubens in der Tatort-Sendung "Wem Ehre gebührt" zur Wehr setzen wird. In besagtem Fernsehkrimi, der in der Weihnachtswoche in der ARD ausgestrahlt wurde, war es um Inzest in einer alevitischen Familie gegangen. Neben Beschwerdebriefen, unzähligen Anrufen und sogar Morddrohungen gegen den Intendanten des NDR, versammelten sich am vergangenen Samstag auch noch einige Tausend Muslime in Köln, um lautstark gegen die Ausstrahlung zu demonstrieren. Als Begründung ihres lächerlichen Protests nannte die Glaubensgemeinschaft historische Erfahrungen, "wonach bereits während der osmanischen Zeit von sunnitischen Muslimen unbegründet behauptet worden sein, dass Aleviten Inzest betrieben hätten". Ein Sprecher der Glaubensgemeinschaft ging anlässlich einer Pressekonferenz noch weiter und argumentierte, dass die Tatortfolge nur ausgestrahlt wurde, um den Alevitischen Glauben zu beschmutzen und Hass gegen Muslime zu schüren - das ist ja allerhand. Dieses Beispiel zeigt wieder einmal, wie weit es in Deutschland mittlerweile gekommen ist. Anstatt die Freiheit der Kunst anzuerkennen und unsere freiheitliche Gesellschaft zu akzeptieren, ziehen es die Anhänger Mohammeds vor, lautstark gegen einen harmlosen Kriminalfilm zu protestieren und die Säbel zu wetzen - wo soll das noch hinführen mit dieser Welt. 
09.00 Uhr Nachdem sich mein Blutdruck normalisiert hat, steige ich aus der Badewanne und trete vor den Kleiderschrank, um mich ordentlich in Schale zu werfen. Da bereits die Sonne vom Himmel lacht und die Landschaft in ein glitzerndes Winterwunderland verwandelt, schlüpfe ich geschwind in eine bequeme Blautschiens, warme Strümpfe sowie meine löblichen Mondstiefel. 
09.15 Uhr Voller Elan eile ich nach unten und stelle fest, dass sich die Familie bereits radiohörend am Esstisch eingefunden hat und sich das wichtigste Mahl des ganzen Tages zu stimmungsvollen George Strait Klängen munden lässt. Als ich mich dazu setze und den netten Menschen einen schönen guten Morgen wünsche, kündigt mein Bruder an, dass wir bald das Haus verlassen und gemeinsam zum Gotteshaus fahren werden - wie aufregend. Während ich ebenfalls zugreife und mir vitaminreiche Pfannkuchen mit kanadischem Ahornsirup, Rühreier und ein Glas Grapefruchtsaft munden lasse, meldet sich David (2) laut lachend zu Wort und sagt, dass wir danach einen grossen Schneemann vor dem Haus bauen müssen. Selbstverständlich nicke ich eifrig und teile dem Buben unmissverständlich mit, dass wir das sonnige Wetter auf alle Fälle auch für eine Schlittenfahrt nutzen sollten - das wird ein Spass. 
09.45 Uhr Während ich mir eine weitere Tasse Kaffee einschenke, stelle ich meinen löblichen Neffen zur Rede und erkundige mich, wann seine aktuelle Musiktournee weitergeht. James steht mir Rede und Antwort und sagt, dass er bis zum 12. Januar Urlaub machen und danach nach Buffalo fahren wird, um in einer 1.000 Zuschauer fassenden Musikhalle insgesamt zwei Auftritte zu absolvieren. Als ich Amanda fragend anschaue, teilt mir die Maid traurig mit, dass sie sich leider am 5. Januar verabschieden muss und zurück nach München fliegen wird. Trotz allem nimmt mein Neffe seine Ehefrau verliebt in die Arme und erzählt, dass die Tournee nicht mehr allzu lange dauert und er höchstwahrscheinlich Ende Februar nach Hause kommen wird - wie schön. 
10.00 Uhr Nachdem ich das Frühstück beendet und mit Maria die Geschirrspülmaschine befüllt habe, schlüpfe ich gutgelaunt in meinen Lodenmantel und folge den anderen zum Wagen. Während Georg den PS-strotzenden PKW gekonnt zur St. Charles Kirche in die Lawrence Avenue kutschiert, erzählt meine Schwägerin, dass es im Stadtteil York bis vor zwanzig Jahren noch gar keine Kirche gegeben hat. Erst durch eine Spendenaktion, bei der fast 1 Million DOLLARS zusammengetragen wurden, war es dem Gemeindevorsteher möglich, ein schmuckes Gebäude mit angeschlossenem Kindergarten entstehen zu lassen. Als ich genauer nachfrage, erwidert Maria, dass früher die Gottesdienste in der Schulturnhalle oder im Gemeindehaus abgehalten werden mussten - wie unlöblich. 
10.15 Uhr Nach einer kurzweiligen Fahrt haben wir unser Ziel endlich erreicht und können das Auto sicher vor dem beeindruckenden Gotteshaus abstellen. Ich klettere schnell vom Rücksitz und spaziere mit meinen Verwandten in die Kirche, um entspannt in der zweiten Reihe platz zu nehmen. Wenig später tritt Pfarrer Richards mit einem löblichen Kinderchor vor die versammelte Gemeinde und stimmt das schöne Lied "Turn Your Eyes Upon Jesus" (löblich: Dreh deine Augen zu Jesus) an - da kommt Freude auf. Anschliessend ermahnt uns der gute Mann zur Löblichkeit und animiert uns, den heutigen Tag gebührend zu feiern und ihn als Hochfest zu Ehren der Gottesmutter Maria anzuerkennen - wie wahr. Pfarrer Richards kommt nun richtig in Fahrt und erteilt den Menschen, die das Neujahresfest und die heilige Nacht ausschliesslich für groben Unfug missbrauchen, einen prompte Absage - dem ist gar nichts mehr hinzuzufügen. 
11.15 Uhr Nachdem wir weitere Lieder gesungen und die heilige Kommunion empfangen haben, verlassen wir gutgelaunt die Kirche und wechseln einige Sätze mit dem Pfarrer. Zu meiner Überraschung begrüsst mich der fromme Mann auf Deutsch und erinnert sich, dass ich Georgs Bruder aus Deutschland bin. Ich bedanke mich redlichst für die stimmungsvolle Messe und stecke dem Mann Gottes einen druckfrischen 20 DOLLAR Schein für die Gemeindekasse zu. Pfarrer Richards zeigt sich hoch erfreut und verspricht, das Geld für einen guten Zweck zu verwenden - das ist wunderbar. 
12.00 Uhr Pünktlich zur Mittagszeit treffen wir endlich wieder im Eigenheim ein und ich höre, dass meine Schwägerin heute nichts zu Essen auf den Tisch bringen wird - wie furchtbar. Da mir aber der Magen knurrt, mache ich mich selbst an die Arbeit und zaubere in Sekundenschnelle ein schmackhaftes Sandwich (löblich: belegtes Brot), bestehend aus Vollkornbrot, Schweizer Käse, Butter, Schinken, Gewürzgurke und einem frischen Salatblatt - wie gut das duftet. Als ich kraftvoll zubeisse und meine ausgetrocknete Kehle mit einem Schluck Coca Cola öle, zerrt mich David ständig am Ärmel und fordert mich wild gestikulierend auf, mit ihm endlich nach Draussen zu gehen - was muss ich denn noch alles ertragen. Missmutig komme ich der Bitte nach und helfe dem Kleinen, aus der weissen Pracht einen ordentlichen Schneemann von mindestens zweieinhalb Metern Höhe zu bauen. Um David eine kleine Freude zu bereiten, stecke ich der Figur auch noch eine gelbe Rübe mitten ins Gesicht und forme einen lachenden Mund aus achtlos weggeworfenen Zigarettenstummeln - das wäre geschafft. 
13.00 Uhr Als ich fröstelnd in die gute Stube zurückkehren möchte, quengelt David weiter und bittet mich mit Tränen in den Augen, ihn mit dem Schlitten durch den Garten zu ziehen - wie unlöblich. Da ich mich bekanntlich nicht um alles kümmern kann, rufe ich James zur Hilfe und stelle klar, dass ich jetzt meine Koffer packen und einen Mittagsschlaf halten muss. Mein löblicher Neffe nickt verständnisvoll und sagt, dass er sich gerne selbst um seinen Sohn kümmern wird - wie freundlich. 
13.30 Uhr Nachdem ich die nassen Mondstiefel neben den Heizkörper gestellt und in meine Hausschuhe geschlüpft bin, nehme ich bequem auf dem Bett platz und strecke die Füsse aus - das tut gut. Kurze Zeit später schlummere ich ein und träume von meinem bescheidenen Eigenheim im Waldweg 11 - wie schön.
14.30 Uhr Leider wird mein Nickerchen schon bald durch unüberhörbares Telefonklingeln gestört - wie unlöblich. Trotzdem greife ich zur Schwarzbeere (unlöblich: Blackberry) und habe zu meiner Überraschung Frau Simone aus dem Waldweg 5 in der Leitung. Als Kavalier der alten Schule wünsche ich dem Fräulein ein gutes neues Jahr und erkundige mich dann, wie es meinen beiden Katzen Jenny und Tony geht. Simone räuspert sich und gibt zu Protokoll, dass sie eigentlich anruft, um mir mitzuteilen, dass Kater Tony wegen des lauten Feuerwerks und der vielen Kracher gestern Nacht entsprungen ist - wie schrecklich.
14.45 Uhr Während ich die Hände über dem Kopf zusammenschlage und Simone auffordere, die Polizei einzuschalten, beschwichtigt mich das Kind und sagt, dass das Kätzchen bestimmt wieder von selbst nach Hause kommt. Trotzdem bleibe ich skeptisch und bitte Frau Simone, mich stets auf dem Laufenden zu halten und bald wieder anzurufen. Danach beende ich verärgert das Gespräch und hoffe sehr, dass der gute Tony wieder in den Waldweg zurück findet.
15.00 Uhr Nachdenklich hole ich meine Delsey Gepäckstücke vom Schrank und mache mich daran, meine Habseligkeiten ordentlich einzupacken - immerhin steht mein Abflug nach Florida bereits morgen um halb neun auf dem Programm.
15.45 Uhr Endlich ist alles erledigt und ich kann zu meinen Liebsten nach unten gehen, um mich direkt vor den knisternden Kamin zu setzen - da kommt Freude auf. Bei dieser Gelegenheit spreche ich meinen Bruder auf das Abendessen an und bringe in Erfahrung, dass sein italienischer Freund Herr Bucco sein Lokal leider heute und morgen wegen einer Familienfeier geschlossen hat. HEUREKA - heute scheint wirklich alles schief zu gehen. Georg beruhigt mich jedoch und sagt, dass er ersatzweise einen Tisch im beliebten "Wildfire Steakhouse & Winebar" (löblich: Wildfeuer Steakhaus und Weinschenke) in der Yonge Strasse reserviert hat - das soll mir auch Recht sein.
16.30 Uhr Nach einem Whiskey der Spitzenklasse fühle ich mich etwas besser und nehme am Heimrechner platz, um geschwind meine löbliche Heimseite zu besuchen. Der elektronische Briefkasten quillt wieder einmal über und ich muss auch heute wieder Fragen besorgter Eltern beantworten. Herr Andreas D. aus Salzburg schreibt, dass seine Tochter Franziska (16) unbedingt ein sogenanntes Arschgeweih haben will und schon nächste Woche einen Termin im Tätowierladen hat - wie schrecklich. Selbstverständlich gebe ich wertvolle Ratschläge und empfehle dem Mann, der Kleinen ganz einfach das Taschengeld zu streichen - das sollte ihr eine Lehre sein.
17.00 Uhr Nun verfasse ich noch einen Brief an meinen guten Freund Herrn Wang im Rentnerparadies und erinnere ihn daran, dass ich morgen Mittag mit Flug AC 934 in Fort Myers eintreffen werde. Ferner berichte ich vom Verschwinden meines Katers und stelle klar, dass ich am Liebsten gleich nach Hause fahren würde.
17.45 Uhr Gerade als ich den Heimrechner laut seufzend herunterfahre, kommt mein Bruder daher und sagt, dass er den Tisch für sieben Uhr reserviert hat - wie schön. Während wir gemütlich auf dem Wohnzimmersofa platz nehmen, erzähle ich von Simones Anruf und ernte nur ein Achselzucken - wie unlöblich. Maria hat angeblich Erfahrung mit Katzen und meint, dass das Tierchen ganz bestimmt wieder nach Hause zurück kommen wird - das will ich hoffen.
18.15 Uhr Düdeldü - dem Anlass entsprechend werfe ich mich ordentlich in Schale und ziehe nicht nur eine frische Tschiens, weisses Hemd, hellblaue Krawatte sowie meine Cowboystiefel an, sondern setze auch meinen stilvollen Cowboyhut aus Dallas auf - steht mir echt prima. Danach eile ich nach unten und finde die anderen bereits bemäntelt an der Haustüre wartend vor - wie schön. Gutgelaunt steigen wir alle in Georgs luxuriöses Lincoln Towncar (löblich: Stadtwagen) und lassen uns von meiner Schwägerin zum Gasthaus in der Yonge Strasse kutschieren.
19.00 Uhr Im "Wildfire Steakhouse & Winebar" angekommen, nehmen wir an dem reservierten Tisch im hinteren Teil des Lokals platz und lassen und von einem Kellner im Anzug die Speisekarten sowie Gläser mit frischem Wasser kredenzen. Während Amanda und mein Bruder Salate sowie vegetarische Pappardelle Nudeln mit Pilzen, Tomaten und Feta Käse bestellen, wählt meine Schwägerin ein Heilbuttfilet direkt aus dem Atlantik mit Kartoffelbrei und würziger Tomatensosse. Ich folge dem Beispiel meines Neffen und entscheide mich für die Tagessuppe, ein zartes 8 oz. (ca. 225 Gramm) Filet Mignon aus dem schönen Staat Alberta mit Knoblauch-Kartoffelbrei sowie frischem Gemüse - da kommt Freude auf.
19.45 Uhr Wir lassen uns die extraordinären Spezialitäten redlichst munden und trinken einen köstlichen Rotwein von der "Fielding Estate Winery" aus der nahen Niagara Region. HEUREKA - dieses Tröpfchen muss man einfach gekostet haben.
20.15 Uhr Bei Schaumkaffees und einer weiteren Flasche Wein lassen wir meinen Aufenthalt in Toronto nochmals Revue passieren und sind uns einig, dass ich unbedingt bald wieder nach Kanada kommen sollte. Mein Bruder geht sogar noch weiter und fordert mich auf, meine Villa im Waldweg zu verkaufen und stattdessen ein nettes Häuschen in Toronto zu beziehen - wie aufregend. Falls es in Deutschland immer weiter bergab gehen sollte, werde ich auf diesen Vorschlag ganz bestimmt zurückkommen.
21.00 Uhr Ein netter Abend im Kreise meiner Familie geht langsam zu Ende und ich fordere den Kellner auf, mir die Rechnung zu bringen. Der gute Mann kommt meiner Aufforderung prompt nach und präsentiert mir einen Kassenbon, bei dessen Anblick ich Atemnot bekomme. HEUREKA - wenn das so weitergeht, muss ich mein Eigenheim wirklich verkaufen und ins Armenhaus umziehen. Da ich nur 200 Dollars Bargeld bei mit habe, überreiche ich dem Heini zähneknirschend mein unlöbliches Zahlungsmittel namens Meisterkarte und lege auch noch einen 20 Dollar Schein als Trinkgeld dazu.
21.30 Uhr Gutgelaunt fahren wir nach Hause und sprechen bei dieser Gelegenheit über meinen Abflug morgen Früh. Ich mach meine Verwandten darauf aufmerksam, dass mein Flug bereits um 08.40 Uhr starten wird und ich keinesfalls zu spät kommen darf. Georg winkt gelassen ab und sagt, dass es locker reicht, wenn ich eine Stunde vor Abflug eintschecke - wie unlöblich.
22.00 Uhr Zurück in der Villa wünsche ich Amanda, James, Maria sowie meinem Bruder eine gesegnete Nachtruhe und ziehe mich dann schnell auf meine Gästesuite im Dachboden zurück.
22.45 Uhr Just als ich meine Reisedokumente überprüfe und sauber im Brustbeutel verstaue, klingelt meine nagelneue Schwarzbeere - wie aufregend. Natürlich nehme ich das Gespräch umgehend entgegen und habe tatsächlich Frau Simone aus dem Waldweg in der Leitung. Die Gute hört sich erleichtert an und gibt zu Protokoll, dass Admiral Bürstenbinder vor einer halben Stunde geklingelt und Kater Tony abgegeben hat. Angeblich hockte das arme Kätzchen verängstigt hinter dem Glascontainer in der Rosenstrasse und ist nun heilfroh, endlich wieder daheim zu sein. HEUREKA - das ist die beste Nachricht des ganzen Tages.
23.00 Uhr Zufrieden gehe ich ins Bett und freue mich schon auf meinen Abflug ins Rentnerparadies morgen Vormittag. Gute Nacht.

 

verfasst von Reinhard Pfaffenberg am 01.01.2008
© Reinhard Pfaffenberg