Reinhard Pfaffenbergs löbliches Tagebuch Archiv

 

 

25.12.2007

06.45 Uhr Ich erwache löblichst und hüpfe augenblicklich aus den Federn. Bevor ich mich von meinen Liebsten reichlich beschenken lasse, führe ich die wichtige Morgengymnastik am geöffneten Fenster durch und werde dabei Zeuge, wie ein löbliches Grauhörnchen über den schneebedeckte Rasen huscht und nach Futter Ausschau hält - diese Idylle muss man einfach erlebt haben. 
07.00 Uhr Just als ich zum Kopfstand ansetzen möchte, erklingt plötzlich unüberhörbares Glockengeläut aus dem Parterre. Selbstverständlich eile ich badebemäntelt nach unten und stelle überrascht fest, dass das Christkind während der Nacht eine Menge Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt hat - wie aufregend. Bevor ich mich über die Präsente hermache, wünsche ich meiner Familie und besonders dem kleinen David (2) ein frohes Weihnachtsfest. Mein Bruder ergreift prompt die Initiative und teilt zu den stimmungsvollen Klängen einer Elvis Presley Kompaktscheibe die Geschenke aus. Während David angesichts eines ferngesteuerten roten Spielzeugsautos, Märchenbuch, Winterjacke, Tretbrett (unlöblich: Kickboard) sowie einer Carrerabahn aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt, stürze ich mich ebenfalls auf meine Päckchen und erkenne, dass sich meine Liebsten in diesem Jahr nicht haben lumpen lassen. Neben einer edlen Seidenkrawatte, einer Flasche Bourbon aus dem Hause "Woodford Reserve" und einem dreizehnteiligen Kalligraphiesatz habe ich von den Kindern ausserdem die aktuelle Schwarzbeere (unlöblich: Blackberry) Modell 8310 mit integriertem GPS Empfänger und einer wiederaufladbaren AT&T Telefonkarte erhalten - das ist wirklich phantastisch. Überglücklich drücke ich die lieben Menschen an mich und lasse es mir nicht nehmen, ihnen auch ihre Geschenke zu überreichen. 
07.30 Uhr Während ich die Schwarzbeere auspacke und fachmännisch den Akku sowie die "Calling Card" (löblich: Anruf Karte) einlege, bedankt sich James per Handschlag für die schönen Kompaktscheiben und sagt, dass ihm die neue "Rascal Flatts" Scheibe in seiner Sammlung bisher gefehlt hat - das hört man gerne. Meine Schwägerin ist ebenfalls überrascht und verspricht, das eine oder andere Gericht aus dem Alfons Schuhbeck Kochbuch während meines Aufenthalts in Toronto nachzukochen - darauf freue ich mich jetzt schon. 
08.00 Uhr Nachdem mein Bruder seiner Ehefrau eine Kaffeemaschine sowie das sündteure Weissgoldarmband übergeben hat, nehmen wir am festlich gedeckten Esstisch platz und läuten den 359. Tag des Kalenderjahres mit einem extraordinären Frühstück ein. Just als Maria die Tassen mit köstlichem Bohnenkaffee auffüllt und David das Spielzeugauto aus den Händen nimmt, werfe ich James einen skeptischen Blick zu und frage, warum er Amanda bisher nichts geschenkt hat. Anstatt das Fehlverhalten einzusehen und sich bei seiner Frau zu entschuldigen, gibt der Bube stolz zu Protokoll, dass er Amanda bereits gestern Abend mit einem Reisegutschein überrascht hat - wie interessant. Als ich mir weiterführende Informationen erbete, erzählt der Junge, dass er nach seiner Tournee im kommenden April mitsamt seiner Familie eine zweiwöchige Flugreise auf die Malediven unternehmen wird - das ist ja kaum zu glauben. HEUREKA - solche Sperenzchen kann ich mir von meiner spärlichen Rente leider nicht leisten. 
08.45 Uhr Nach dem dritten französischen Backhorn (unlöblich: Croissant) und der dritten Tasse Kaffee muss ich leider die Segel streichen. Redlichst gestärkt kehre ich mit David ins Wohnzimmer zurück und sehe, wie der Kleine auf sein Tretbrett steigt und fast den Christbaum umstösst. Um schlimmeres Unheil zu verhindern, schreite ich beherzt ein und erkläre dem Buben, dass er im Haus lieber zu den anderen Spielsachen greifen sollten. Mein Grossneffe nickt eifrig und wendet sich mit strahlenden Augen seiner neuen Carrerabahn zu - wie schön. 
09.00 Uhr Während James die neue Keith Urban Kompaktscheibe in Georgs Musikabspielgerät einlegt und dem Nummer 1 Schlag "Better Life" (löblich: Besseres Leben) frönt, verabschiede ich mich ins Badezimmer und genehmige mir ein Wirbelbad mit Schaum - das tut jetzt richtig gut. Nebenbei lausche ich dem lehrreichen Kurzwellenprogramm des bayerischen Rundfunks und bringe in Erfahrung, dass einer Umfrage des Politmagazin "STERN" zufolge, jeder zweite Deutsche zwischen 200 und 500 EUROS für Weihnachtsgeschenke ausgibt. Trotz der hohen Ausgabebereitschaft zeigten sich jedoch nicht alle Händler glücklich. Während vor allem in den Einkaufspassagen der Innenstädte grosser Andrang herrschte, mussten viele ländliche Unternehmen Umsatzeinbussen von bis zu 50% hinnehmen. Ein Sprecher der "Industrie und Handelskammer" erklärte in diesem Zusammenhang, dass die meisten Konsumenten nicht mehr gewillt sind, viel Zeit für den Weihnachtseinkauf zu investieren und aus diesem Grund diverse Internetzgeschäfte oder Einkaufszentren aufsuchen - das ist wieder einmal typisch. Zudem gab das renommierte Tourismusinstitut ETI bekannt, dass sich in diesem Jahr wieder mehr Menschen eine Urlaubsreise über die Feiertage gönnen. In den Reisebüros werden vor allem Kurzreisen in die Alpen sowie Fernreisen ins Ausland gebucht. Wenn man den Erhebungen des besagten Instituts Glauben schenken kann, werden in den kommenden Tagen zirka 16 Prozent der Bundesbürger verreisen und den Hotelbesitzern einen Umsatz in dreistelliger Millionenhöhe bescheren - wo soll das noch hinführen mit dieser Welt. 
09.45 Uhr Nachdem ich mich ordentlich in Schale geworfen und mir meine neue Krawatte umgebunden habe, laufe ich schnurstracks ins Wohnzimmer und lasse mir von Georg einen würzigen Weihnachtspunsch kredenzen. Während die anderen angeregt plaudern und sich über den spielenden David amüsieren, nehme ich meine neue Schwarzbeere in Augenschein und bemerke, dass das technische Wunderwerk auch über eine sogenannte QWERTZ-Tastatur, eine integrierte 2 Megapixel Kamera, einen mehrmedialen Spieler (unlöblich: Multimedia Player) sowie über ein eingebautes Telefon verfügt - das ist wirklich super. James klärt mich über die Funktionsweise ganz genau auf und berichtet, dass ich mit diesem Gerät sogar in abgelegenen Gebieten in der Lage sein werde, den Internetz Erkunder (unlöblich: Internet Explorer) aufzurufen und im weltweiten Internetz zu segeln - wie aufregend. Staunend betätige ich die Freisprechanlage und gebe kurzerhand Sandras Handtelefonnummer ein. Wie nicht anders zu erwarten, meldet sich meine unterbelichtete Mitbewohnerin bereits nach dem dritten Klingeln in der Leitung und teilt mir mit, dass sie gerade mit ihren Eltern und ihrer Oma am Kaffeetisch sitzt - wie schön. Natürlich komme ich umgehend auf die Bescherung im fernen Toronto zu sprechen und gebe meiner Untermieterin zu verstehen, dass ich von James und Amanda das schöne "Blackberry 8310" bekommen habe. Sandra kann es kaum glauben und erwidert, dass sie von ihren Eltern mit einer Lederjacke und zahlreichen Büchern beschenkt wurde - das soll mir auch Recht sein. 
10.15 Uhr Düdeldü - neugierig begebe ich mich in die Küche und sehe, dass Maria just in diesem Moment damit beschäftigt ist, die nagelneue Saeco Espressomaschine aus dem Karton zu holen und in Betrieb zu nehmen. Natürlich helfe ich der Guten und bemerke nebenbei, dass ein solcher Kaffeevollautomat in meinem bescheidenen Eigenheim immer noch fehlt. Sobald ich im kommendem Jahr meine Lebensversicherung ausbezahlt bekomme, werde ich ebenfalls tief in die Geldbörse greifen und mir ein ähnliches Modell anschaffen - meine Pensionsgäste werden Augen machen. 
10.45 Uhr Als endlich frisches Leitungswasser durch die Maschine rinnt, spaziere ich ins Wohnzimmer und nehme neben meinen Liebsten platz, um einer primitiven Fernsehschau namens "Married with Children" (löblich: Verheiratet mit Kindern) auf einem örtlichen Privatsender zu frönen - wie unlöblich. Während der Hauptdarsteller El Bundi laut plärrend auf dem Bildschirm erscheint und seiner Ehefrau unflätige Schimpfwörter an den Kopf wirft, erklärt Amanda besserwisserisch, dass diese amerikanische Serie auch in Deutschland mit grossem Erfolg gelaufen ist. Um nicht am Gehirnbrand zu erkranken, greife ich kopfschüttelnd zur Blackberry (unlöblich: Schwarzbeere) Gebrauchsanleitung und lerne, dass man sich dank modernster GPS Funktechnik auch in menschenverlassenen Gebieten zurecht finden kann - wie schön. Um einen genaueren Einblick zu erhalten, folge ich den Anweisungen und schaffe es nach wenigen Augenblicken, die Kartenfunktion aufzurufen und meinen derzeitigen Standort zu finden. 
11.30 Uhr Während ich durch den verschneiten Garten laufe und beeindruckt auf das rote Kreuz auf der Anzeige blicke, kommt plötzlich ein silbergrauer FORD auf der Einfahrt zum Stehen. Misstrauisch folge ich dem Schauspiel und staune nicht schlecht, als der kleine Paul (3), Laura und Herr William aussteigen und in Richtung Haus schlendern. Selbstverständlich begrüsse ich die Leute per Handschlag und stelle klar, dass ich gerade mein elektronisches Weihnachtsgeschenk auf Herz und Nieren überprüft habe. Georg ist ganz aus dem Häuschen und gibt vor, dass er schon den ganzen Vormittag auf die Ankunft seiner Lieblingstochter gewartet hat. Laura steht uns Rede und Antwort und sagt, dass sie bereits vor zwei Stunden in Hamilton losgefahren sind, aber sich wegen eines kilometerlangen Staus bei Mississauga etwas verspätet haben. 
12.00 Uhr Um das Wiedersehen gebührend zu feiern, entkorkt meine Schwägerin ein Fläschchen Rotwein und serviert ein Tablett mit schmackhaften Truthahn-, Salami- und Käsesemmeln - eine kleine Brotzeit kommt jetzt gerade Recht. HEUREKA - mit diesen schmackhaften Kreationen könnte Maria sogar dem angesehenen französischen Meisterkoch Paul Bocuse Konkurrenz machen. 
12.30 Uhr Als wir kraftvoll zubeissen und uns zungeschnalzend an den Semmeln laben, hat James ganz besonders viel zu erzählen und gewährt uns einen Einblick in seine aufregende Musikreise durch das ganze Land. Unter anderem berichtet der fleissige Bube von seinem vielumjubelten Auftritt in Chicago und gibt vor, dass anlässlich dieses Konzertspektakels gut und gerne 2.500 Menschen in die Veranstaltungshalle gekommen sind. Laura will es kaum glauben und verspricht, gemeinsam mit ihrer kleinen Familie dem Benefizauftritt Morgen Abend beizuwohnen - das wird ein Spass. Bei dieser Gelegenheit fordert mich James erneut auf, als "Special Guest" (löblich: Spezial Gast) auf die Bühne zu kommen und mich als "Santa Claus" (löblich: Nikolaus) zu verkleiden - papperlapapp. Da ich nicht der Depp vom Dienst bin, erteile ich dieser Schnapsidee eine schnelle Absage und stelle klar, dass ich mich für diesen Unsinn nicht zur Verfügung stellen werde - wo kämen wir denn da hin. 
13.30 Uhr Während sich die Familie mit langweiligen Kleingesprächen (unlöblich: Smalltalk) die Zeit vertreibt, ziehe ich mich laut gähnend auf mein Zimmer zurück und entspanne redlichst - ein kleiner Mittagsschlaf kann nach diesem aufregenden Vormittag nicht schaden. Schon wenig später schlummere ich ein und träume von meinem beschaulichen Eigenheim im Waldweg 11 - wie schön. 
14.30 Uhr Ich erwache ausgeschlafen und höre, dass meine Familie immer noch im Wohnzimmer versammelt ist und über längst vergangene Zeiten plaudert. Da ich als Anschnurjournalist die wichtige Arbeit auch am Weihnachtstag nicht ausfallen lassen kann, setze ich mich an Georgs leistungsstarken Heimrechner und stelle gekonnt die Internetzverbindung her. Neben unzähligen Werbedepeschen für VIAGRA, kostenlosen Empe 3 Spielern und anderem Tand, finde ich eine Reihe Schreiben besorgter Heimseitenbesucher im elektronischen Postkasten vor. Unter anderem berichtet Helmut K. aus Paderborn, dass seine Tochter Inken (15) unbedingt ein sogenanntes Nasenpiercing haben möchte und schon für die kommende Woche einen Stechtermin in einem zwielichtigen Studio vereinbart hat - wie furchtbar. Natürlich gebe ich wertvolle Ratschläge und empfehle dem Familienvater, der Kleinen ordentlich die Leviten zu lesen und den garstigen Stechstudiobetreiber anzuzeigen - so kann es jedenfalls nicht weitergehen.
15.30 Uhr Verärgert beende ich die Anschnurseelsorge und verfasse noch schnell elektronische Briefe an Herrn Wang und meinen Studienfreund Thomas Kronach. Ich schildere meine spannenden Erlebnisse in Toronto und erinnere daran, dass ich bereits am 2. Januar weiterfliegen und mir einen kleinen Urlaub im sonnigen Naples leisten werden - darauf freue ich mich jetzt schon. 
16.15 Uhr Nachdem ich Georgs Laptop zugeklappt habe, genehmige ich mir als kleine Belohnung ein schmackhaftes Weihnachts COCA COLA und setze mich zu den anderen aufs Wohnzimmersofa. Als ich auf meine wertvolle ROLEX blicke, beruhigt mich Maria redlichst und sagt, dass sie bald in die Küche gehen wird, um einen schmackhaften Truthahn für das Abendessen vorzubereiten - wie aufregend. In der Zwischenzeit bleibe ich mit James, Georg und Herrn William am offenen Kamin sitzen, um über dies und das zu plaudern.
17.00 Uhr Bei vitaminreichen "Makers Mark" Whiskeys kommen wir aus dem Lachen gar nicht mehr heraus und sprechen unter anderem über meinen vielumjubelten Konzertauftritt im letzten Jahr in Dallas. HEUREKA - diesen Abend in Texas werde ich so schnell nicht vergessen. Herr William geht sogar noch weiter und schlägt mir vor, nach Nashville zu ziehen und eine eigene Landmusikkarriere zu starten. Natürlich winke ich sofort ab und gebe dem guten Jungen zu verstehen, dass dieser Zug für mich leider abgefahren ist - wie schade.
18.00 Uhr Nachdem Amanda, Laura und die Kinder von ihrem Spaziergang zurückgekehrt sind, können wir endlich an der festlich gedeckten Tafel platz nehmen und uns dem löblichen Weihnachtsessen widmen - wie schön. Meine Schwägerin kredenzt einen knusprig gebratenen Truthahn der Spitzenklasse mit delikaten Beilagen in Form von Cranberry Sauce, Kartoffelbrei sowie feinem Karottengemüse und frischem Brot - wie gut das duftet.
18.30 Uhr Wir lassen uns die traditionellen Köstlichkeiten zungeschnalzend munden und loben Maria für ihre Kochkünste. Dazu trinken wir erstklassigen Rotwein aus dem fernen Kalifornien und hören von meiner Schwägerin, dass es später sogar noch eine Nachspeise gibt. HEUREKA - wenn das so weitergeht, kann ich meine Diät wohl vergessen.
19.00 Uhr Nun ist es tatsächlich soweit und Maria serviert zum Abschluss des Menüs eine Eigenkreation in Form von gegrillten Bananen mit Ahornsirup und Schokoladeneis - wie aufregend. Zur Feier des Tages lasse ich Fünfe gerade sein und greife beherzt zu - schmeckt nicht schlecht, Herr Specht.
19.45 Uhr Nachdem James mit Amanda, seiner Schwester und Herrn William des Eigenheim in Richtung Innenstadt verlassen hat, helfe ich Georg und Maria beim Aufräumen der Küche und lobe die Gute nochmals für das ausgezeichnete Weihnachtsmenü. Meine Schwägerin bedankt sich herzlichst für die Komplimente und gibt zu Protokoll, dass sie den prächtigen Truthahn bei einem echten Biobauern vor den Toren der Stadt gekauft hat - wie aufregend.
20.30 Uhr Wir sitzen gemütlich bei Schaumkaffees und weiteren Whiskeys zusammen und lassen den wunderbaren Weihnachtstag langsam ausklingen. Unter anderem unterhalten wir uns über James Benefizkonzert morgen Abend und fordern Maria abermals auf, uns in die Konzerthalle zu begleiten. Die Gute kann sich jedoch nicht recht entscheiden und sagt, dass sie noch nie ein Konzert ihres Sohnes live gesehen hat, weil sie angeblich mehr Lampenfieber hat, als James selbst - wie unlöblich. 
21.00 Uhr Da mir angesichts des Tschetlegs und des üppigen Weihnachtsmahls langsam die Augen zufallen, wünsche ich Georg und Maria noch einen schönen Abend und ziehe mich dann laut gähnend auf mein Zimmer im Dachboden zurück.
21.30 Uhr Nach einer erquickenden Dusche falle ich erschöpft ins bequeme Bett und schlafe auch schon bald ein. Gute Nacht. 

 

verfasst von Reinhard Pfaffenberg am 25.12.2007
© Reinhard Pfaffenberg