Reinhard Pfaffenbergs löbliches Tagebuch Archiv

 

 

21.12.2007

06.45 Uhr Ich erwache ausgeschlafen und freue mich sehr, heute endlich diesem Land auf Wiedersehen sagen und nach Kanada ausfliegen zu können - wie aufregend. Um keine Zeit zu verlieren, hüpfe ich ruckzuck aus den Federn und absolviere die wichtige Morgengymnastik am weit geöffneten Fenster - wer rastet, der rostet. 
07.00 Uhr Laut pfeifend eile ich in die Nasszelle und verwöhne mich mit einem Sprudelbad der Extraklasse. Während ich mich ordentlich wasche und mir eigene Gedanken mache, folge ich dem Radioprogramm des bayerischen Rundfunks und bringe in Erfahrung, dass vor genau 19 Jahren der verheerende Bombenanschlag auf den Pan-American-Flug 103 passierte. Wie jedes Kind weiss, stürzte dabei eine Boeing 747 der amerikanischen Fluggesellschaft "Pan Am" über Lockerbie in Schottland ab und riss 259 Passagiere sowie 11 Bewohner der Stadt in den Tod - wie furchtbar. Wie sich hinterher herausstellte, wurden schon vor dem Start in London zirka 400 Gramm Plastiksprengstoff ins Flugzeug geschmuggelt und wenige Minuten nach dem Abflug gezündet. Schlaue Ermittler konnten erst Jahre später einen direkten Zusammenhang mit dem libyschen Geheimdienst feststellen und ganz klar beweisen, dass Staatsscheff Muammar-al-Gaddafi den Befehl für diesen hinterhältigen Angriff persönlich erteilt hatte - wie unlöblich. Im Jahre 2002 übernahm Libyen die volle Verantwortung für den Anschlag und zahlte bisher knapp 2,5 Milliarden Dollars Entschädigung an die Hinterbliebenen der Opfer aus. Ferner kam es 2001 im sogenannten "Lockerbieprozess" zu einer einzigen Verurteilung, bei der der libysche Geheimdienstoffizier Abdel Basset Ali al-Megrahi wegen 270fachen Mordes schuldig gesprochen und mit einer lebenslangen Haftstrafe belegt wurde. 
07.45 Uhr Nun muss ich mich aber wirklich beeilen. Da mich in nicht einmal zwei Stunden ein Taxi an den Flughafen bringen wird, beende ich das Badevergnügen und werfe mich für den anstrengenden Interkontinentalflug redlichst ins Schale. Danach befülle ich meinen neuen Samsonite Kulturbeutel mit wichtigen Utensilien wie Zahnbürste, Handkreme, Kamm sowie einem weiteren Bündel Dollarnoten und vergesse auch nicht, die Weihnachtspräsente für meine Liebsten in meiner Reisetasche zu verstauen. Gutgelaunt trage ich die Gepäckstücke nach unten und komme dabei zu dem Schluss, dass ich das zulässige Höchstreisegewicht womöglich um einige Kilos überschritten habe - wo soll das noch hinführen. 
08.00 Uhr Trotz allem lasse ich mir die gute Laune nicht verderben und nehme neben meiner unterbelichteten Mitbewohnerin platz, um mir das letzte Frühstück in meiner weissblauen Heimat redlichst schmecken zu lassen. Während ich kraftvoll zubeisse und geröstete Weissbrotscheiben (unlöblich: Toast), Rühreier mit Speck sowie einen Obstgarten Vanille verzehre, werfe ich Sandra skeptische Blicke zu und höre auf Anfrage, dass sie gleich nach der Arbeit ebenfalls abreisen und nach Frankfurt fahren wird. Das Kind legt beste Laune an den Tag und kündigt grossspurig an, dass sie mit ihren Eltern am Abend die Frankfurter Festhalle besuchen und sich ein zwielichtiges Konzertspektakel namens "Night of the Proms" (löblich: Nacht der Promis) anschauen wird - das soll mir auch Recht sein. Als ich auf meine Haustiere deute und zu Protokoll gebe, dass die Vierbeiner am Nachmittag zu Simone ins Nachbarhaus gebracht werden müssen, beruhigt mich das Kind redlichst und verspricht, dass es sich vor der Abfahrt um die Angelegenheit kümmern wird - wie schön. Zufrieden giesse ich mir eine weitere Tasse Kaffee ein und sortiere noch einmal meine Reisedokumente.
08.45 Uhr Nun heisst es langsam Abschied nehmen. Da Sandra nun zur Arbeit fahren wird, reiche ich ihr meine Hand und zeige noch einmal auf, dass sie während meiner Abwesenheit weder ausschweifende Hartfelsenfeierlichkeiten veranstalten, noch Herrenbesuche im Waldweg 11 empfangen darf. Wie nicht anders zu erwarten, nickt mein Gegenüber eifrig und verspricht schmunzelnd, sich explizit an die Hausordnung zu halten - wie beruhigend. 
09.15 Uhr Nachdem Sandra mit quietschenden Reifen von der Einfahrt gefahren ist, laufe ich zu guter Letzt durchs ganze Haus und verschliesse sämtliche Türen und Fenster sicher. Im Anschluss wünsche ich meinen beiden Vierbeinern einen schönen Aufenthalt im Haus der Kinder und schleppe mein schweres Reisegepäck auf die Einfahrt. 
09.30 Uhr Wie verabredet kommt um halb zehn ein Taxi laut hupend vor meiner Villa vorgefahren - das klappt wieder wie am Schnürchen. Nachdem wir die Gepäckstücke im Kofferraum verstaut haben, bittet mich der schnauzbärtige Fahrer mit Migrationshintergrund, auf dem Rücksitz platz zu nehmen und mich anzuschnallen - wie schön. Während der freundliche Zeitgenosse seine Kraftdroschke auf schwindelerregende 120 Stundenkilometer beschleunigt, zeige ich mit erhobenem Zeigefinger auf, dass ich zum "Terminal 2" gebracht werden möchte. 
10.00 Uhr Nach knapp dreissig Minuten passieren wir das Informationsschild des Flughafens und können ohne Probleme die am 29. Juni 2003 eröffnete Abflughalle ansteuern. Als es ans Bezahlen geht, zeige ich mich mit einem stattlichen Trinkgeld in Höhe von 2 EUROS erkenntlich und bedanke mich recht herzlich für den hervorragenden Transfer. Der Taxifahrer freut sich über das Lob und sagt, dass er sich jetzt gleich einen Becher Kaffee in der Bäckerei Wünsche leisten wird - das soll ihm vergönnt sein. 
10.30 Uhr Kofferschleppend begebe ich mich zu einem Lufthansa Abflugschalter und überreiche einer Mitarbeiterin der besagten Fluggesellschaft meinen Reisepass sowie einen Heimrechnerausdruck mit der "Air Canada" Reservierungsnummer. Die gute Frau macht sich prompt an die Arbeit und sagt, dass ich den Platz A in der 27. Reihe einnehmen darf - das finde ich super trouper. 
10.45 Uhr Nachdem ich die Einsteigekarte erhalten habe, schlendere ich entspannt zum Abflugtor und händige einem grimmig dreinblickenden Beamten erneut meine Reisedokumente aus. Der Uniformträger mustert mich ganz genau und fordert mich gelangweilt auf, sämtliche mitgeführten metallischen Gegenständen auf das Förderband zu legen und ausserdem meine Schuhe auszuziehen - wie unlöblich. Da sämtliche Ausreden nichts nützen, komme ich der Aufforderung des Beamten nach und werde zu allem Überfluss auch noch von einem übergewichtigen Ostdeutschen (46) abgetastet - wo soll das noch hinführen mit dieser Welt. 
11.00 Uhr Da ich nach der Sicherheitskontrolle einige Minuten überbrücken muss, entschliesse ich mich, in eine Gaststätte einzukehren und mir das letzte Weissbier für sehr lange Zeit zu gönnen. Während ich meine ausgetrocknete Kehle ordentlich öle, werfe ich einen prüfenden Blick auf meinen Flugschein und erkenne, dass ich nun knapp 9 Stunden auf einem viel zu engen Flugzeugsessel zubringen werde. 
11.15 Uhr Als der Flug nach Toronto endlich aufgerufen wird, laufe ich geschwind zum Tor (unlöblich: Gate) und besteige als einer der ersten Passagiere die Boing 767-300 - das wäre geschafft. Während ich neugierig das Treiben auf dem Rollfeld verfolge, quetscht sich plötzlich eine unterbelichtete Blondine (22) auf den Platz neben mir und stellt sich als Heike Muschler aus München vor - das hat gerade noch gefehlt. Naserümpfend lasse ich meine Gurtschnalle einrasten und erkläre, dass mein Name Reinhard Pfaffenberg lautet und ich mich auf direktem Weg nach Toronto befinde. 
12.15 Uhr Mit kurzer Verspätung setzt sich der Stahlvogel endlich in Bewegung und hebt mit lautem Getöse von der Rollbahn ab - wie aufregend. Beeindruckt stelle ich meine wertvolle ROLEX auf die amerikanische Zeit um und bemerke, dass es in Kanada erst 06.15 Uhr Morgens ist. 
06.45 Uhr Als endlich die Sicherheitswarnung "Fasten Your Seatbelt" erlischt, springe ich erleichtert auf und vertrete mir etwas die Füsse. Bei dieser Gelegenheit blicke ich mich genauestens um und erkenne mit geschultem Auge, dass sich Gott sei Dank keine gewaltbereiten Mohammedaner im Flugzeug aufhalten. Nachdem ich die Toilette aufgesucht und mich erfrischt habe, kehre ich ruckzuck auf meinen Platz zurück und lasse mir vom Flugpersonal eine schmackhafte Coca Cola mit lustigen Eiswürfeln sowie Erdnüsse kredenzen - das schmeckt. 
07.15 Uhr Während ich mir die Langeweile mit dem flugzeugeigenen Radioprogramm vertreibe und dem gepflegten Klassikkanal fröne, tritt eine fesche Flugbegleiterin (27) an meinen Platz und erkundigt sich, ob ich zum Mittagessen einen Backfisch auf Salat, oder ein saftiges Steak mit Saisongemüse haben möchte. HEUREKA - selbstverständlich entscheide ich mich ohne zu zögern für das gesunde Fleischgericht und staune nicht schlecht, als mir die Dame ein stattliches Steak mit exotischer Sosse vorsetzt - diese Portion muss man einfach gesehen haben. 
07.45 Uhr Just als ich mir die wohlverdiente Brotzeit schmecken lasse und dazu ein Gläschen Rotwein aus Kalifornien geniesse, meldet sich plötzlich meine Nachbarin zu Wort und plappert davon, dass sie die Weihnachtsfeiertage bei ihrem Freund in Halifax verbringen wird. Als ich mir weiterführende Informationen erbete, erzählt Fräulein Muschler, dass ihr Freund seit vielen Jahren in Kanada lebt und an der Universität Politikwissenschaften studiert - wie interessant. Weiter höre ich, dass die jungen Leute sogar eine Kurzreise in die USA planen und den Silvesterabend in der Millionenmetropole New York zubringen wollen - das ist wirklich phantastisch. Als Kenner dieser Stadt schnalze ich anerkennend mit der Zunge und mache das Fräulein darauf aufmerksam, dass sie unbedingt eines der vielen Theater am Broadway aufsuchen und sich ein erquickendes Musical ansehen sollte. Anstatt den Ratschlag dankend anzunehmen, stielt sich die kleine Frau gekonnt aus der Verantwortung und gibt vor, viel lieber ein Hartfelsenkonzert besuchen zu wollen - das ist wieder einmal typisch. 
08.30 Uhr Nachdem ich meinen Teller geleert und den Rebensaft ausgetrunken habe, lehne ich mich entspannt zurück und schliesse die Augen. Schon wenig später schlummere ich ein und träume von meinem bescheidenen Heim im Waldweg 11 - wie schön. 
10.00 Uhr Just als ich im Traum Frau Mars vor mit stehen sehe, wird mein Nickerchen durch unüberhörbares Kindergeschrei gestört. Erschrocken reibe ich mir den Schlaf aus den Augen und bemerke, dass es dem Kind zwei Reihen hinter mir schlecht geworden ist. Anstatt sich ruhig und verhalten und den anderen Reisenden nicht auf den Wecker zu gehen, zieht es der Rabauke (4) vor, wie am Spiess zu schreien und einen Höllenlärm zu veranstalten - das darf doch wohl nicht wahr sein. Um keinen Gehörschaden davonzutragen, hüpfe ich schnell auf und statte den Flugbegleiterinnen in der Küche einen Besuch ab. 
10.30 Uhr Während ich gespannt an der Flugzeugtüre lehne und auf den nicht enden wollenden Atlantischen Ozean blicke, ermahnt mich eine Stewardess zur Löblichkeit und fordert mich unmissverständlich auf, schnell auf meinen Platz zurückzukehren. Als ich entschieden Einspruch erhebe und auf den laut schreienden Buben in der Reihe 29 verweise, greift mich die Dame auch noch am Arm und behauptet, dass man sicherheitshalber immer angeschnallt sein sollte - papperlapapp. Kopfschüttelnd komme ich der Empfehlung nach und kehre nörgelnd zu meinem Platz zurück. 
11.30 Uhr Just als meine Nachbarin einen Harry Potter Roman aus ihrem Handgepäck kramt und sich den gewaltverherrlichenden Zaubergeschichten von Frau Rowling widmet, fallen mir erneut die Augen zu und ich finde mich diesmal im sonnigen Rentnerparadies wieder - wie schön. 
12.30 Uhr Nach knapp sechzig Minuten werde ich durch unüberhörbares Schnarchen geweckt und stelle fest, dass die Maid neben mir nun auch eingeschlafen ist - das wird ja immer besser. Um auf andere Gedanken zu kommen, drücke mich durch die vielen Programme des "Air Canada Entertainment Centers" (löblich: Luft Kanada Unterhaltungszenters) und suche nach rentnergerechter Unterhaltung. Kaffeeschlürfend wähle ich den amerikanischen Spielfilm "Underdog" (löblich: Unterhund) aus und verfolge gespannt die Geschichte des Vierbeiners "Shoeshine", der in einem Tierheim auf ein neues Zuhause wartet. Zu allem Überfluss gerät der kleine Hund an den garstigen Dr. Simon Barsinister, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Tierversuche an armen Geschöpfen durchzuführen. Als es im Labor zu einem Unfall kommt und der Hund versehendlich eine Tablette mit einem Supervitamin verschluckt, kann er sich aus den Fängen des bösen Mannes befreien und fortan als fliegender Hund die bösen Mächte in der fiktiven Stadt "Capitol City" bekämpfen - da kommt Freude auf. 
14.00 Uhr Just als der Abspann läuft und ich aus dem Seufzen gar nicht mehr herauskomme, meldet sich der Flugkapitän zu Wort und teilt unmissverständlich mit, dass wir bereits in fünfzig Minuten auf dem "Lester B. Pearson Flughafen" landen werden - das ist die beste Nachricht des ganzen Tages. Neugierig spähe ich aus dem Fenster und bemerke, dass wir schon lange das Festland erreicht haben und uns über einem menschenverlassenen Gebiet nordöstlich der Hauptstadt Ottawa befinden - diese eindrucksvolle Landschaft muss man wirklich gesehen haben. 
14.30 Uhr Kurz vor der Landung ertönt eine weitere Sprechdurchsage und wir erfahren diesmal, dass es in Toronto derzeit leicht schneit und mit -9° C ziemlich kalt ist - wie aufregend.
15.15 Uhr Mit wenigen Minuten Verspätung setzt die Boeing auf einer der fünf Landebahnen des Flughafens von Toronto auf und rollt gemächlich in Richtung Ankunftsgebäude weiter. Da ich es kaum erwarten kann, meinen Bruder in die Arme zu schliessen, springe ich beherzt auf und hole schon einmal mein Handgepäck aus dem Ablagefach hervor. Cowboybehütet begebe ich mich zum Ausgang und schaffe es als erster, das Flugzeug zu verlassen - wie schön. Da ich schon mehrmals auf dem "Lester B. Pearson" Flughafen gelandet bin, finde ich mich ohne Probleme zurecht und kann die Einreiseformalitäten unbehelligt hinter mich bringen und zur Gepäckausgabe laufen. Schon von weitem sehe ich, wie mein löbliches DELSEY Gepäck redlichst auf dem Ausgabeband kreist und auf seine Abholung wartet. Kraftvoll wuchte ich meinen Koffer sowie die Reisetasche vom Band und laufe dann ruckzuck durch die Zollkontrolle, um wenig später Amanda und Maria freudestrahlend begrüssen zu können. Natürlich erkundige ich mich sofort nach dem Rechten und höre, dass James, der kleine David (2) sowie Georg den Nachmittag dazu nutzen, um letzte Weihnachtsgeschenke zu kaufen - wie aufregend. Um nicht am Flughafen Wurzeln zu schlagen, begleite ich meine Liebsten mit schnellen Schritten zum Wagen und bin heilfroh, als ich mich endlich auf den Beifahrersitz setzen kann. HEUREKA - endlich in Kanada. 
15.45 Uhr Während Amanda aus dem Erzählen gar nicht mehr herauskommt und mir von James erfolgreicher Tournee berichtet, kutschiert meine Schwägerin das Lincoln Towncar (löblich: Lincoln Stadtwagen) gekonnt durch die weihnachtlich geschmückte Stadt und klärt darüber auf, dass der Wetterdienst für die kommenden Tage ergiebige Schneefälle vorhergesagt hat - das ist phantastisch. 
16.30 Uhr Endlich treffen wir vor dem schmucken Haus meines Bruders ein und können den Wagen direkt vor der Eingangstüre abstellen. Als ich vom Ledersitz gleite und mich ordentlich strecke, gesellen sich Georg und James an meine Seite und begrüssen mit freundlichst. Als ich nach dem kleinen David frage, deutet James in Richtung der Eingangstüre und sagt, dass der Kleine den ganzen Nachmittag auf mich gewartet hat und vor wenigen Minuten eingeschlafen ist. Selbstverständlich lasse ich meine Koffer von James ins Haus tragen und betrete zusammen mit Amanda, Georg und Maria die Villa. 
17.00 Uhr Nachdem ich meine Koffer ausgepackt und mich im Gästezimmer eingerichtet habe, geselle ich mich labattblautrinkend zu meinen Liebsten in die Küche und informiere sie über das Geschehen in der weissblauen Heimat. Selbstverständlich fragt mich Amanda ganz genau aus und möchte wissen, ob mit dem Donutladen alles in Ordnung ist. Ich beruhige meine Scheffin redlichst und stelle klar, dass ich täglich hart gearbeitet habe und Rekordeinnahmen am laufenden Band einfahren konnte. Um mich nicht zu verplappern, wechsle ich schnell das Thema und kommt auf James Tournee durch Amerika zu sprechen. Mein löblicher Neffe winkt demonstrativ ab und erzählt, dass bei den bisherigen Auftritten zirka 120.000 Menschen anwesend waren und für einen stattlichen Umsatz gesorgt haben. Ferner höre ich, dass James Kompaktscheibe dank der vielen Auftritte erneut in die "Hot 100" (löblich: Heisse 100) eingestiegen und derzeit auf Platz 91 der Landmusikhitparade zu finden ist - das ist super trouper. 
17.30 Uhr Just als sich mein Magen laut knurrend meldet, macht Maria einen hervorragenden Vorschlag und sagt, dass wir langsam aufbrechen und das neu eröffnete Gasthaus in der Yongestrasse besuchen sollten - wie schön. Ich gehe mit dem laut gähnenden David nach Draussen und nehme neben meinem Bruder auf dem Beifahrersitz des Lincoln Stadtwagens platz. Bei stimmungsvoller Weihnachtsmusik krusen wir gemächlich durch das Wohngebiet und treffen wenig später vor einer einladenden Wirtschaft namens "Nuovo Vesuvio Ristorante" ein. Georg ist natürlich bestens informiert und erzählt, dass dieses Spitzenlokal einem gewissen Herrn Angelo Bucco gehört, der vor vielen Jahren aus Neapel nach Kanada gekommen ist, um es in Toronto vom Tellerwäscher zum Gastronom der Extraklasse zu bringen - wie aufregend. Um nicht zu verhungern, betreten wir umgehend in die festlich geschmückte Stube und nehmen entspannt an einem schönen Ecktisch platz. Der Ladeninhaber begrüsst uns sogar persönlich und vermutet, dass ich bestimmt Georgs Bruder aus Bayern bin. Nachdem ich mich vorgestellt und dem guten Mann meine Visitenkarte überreicht habe, blättere ich in der Speisenkarte und lese, dass hier allerhand italienische Spezialitäten feilgeboten werden - schon jetzt läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Als ich schon die Bestellung aufgeben möchte, nimmt mir Herr Bucco die Karte aus der Hand und sagt, dass er für seine Lieblingsgäste natürlich etwas ganz besonderes zubereiten wird. Zungeschnalzend erfahre ich, dass der gute Mann gestern beim Jagen war und einen Hasen erlegt hat - das hört sich wirklich verlockend an. Eifrig nickend stimmen wir zu und entscheiden uns für ein Fläschchen Rotwein, einen Vorspeisenteller für fünf Personen sowie besagten Meister Lampe in würziger Knoblauchsosse. 
18.00 Uhr Während wir redlichst anstossen und unser Wiedersehen ordentlich begiessen, frage ich Georg genau aus und höre, dass er sich nach seinem Herzanfall aus seiner Baufirma grösstenteils zurückgezogen und zwischenzeitlich die Hauptaufgaben einem frisch von der Universität gekommenen Wirtschaftsfachmann überlassen hat. Maria geht noch weiter und stellt klar, dass der Mann zwar noch sehr jung ist, aber das Tagesgeschäft hervorragend beherrscht - wie aufregend. 
18.30 Uhr Als es draussen zu schneien beginnt, kredenzt Herr Bucco endlich den in Olivenöl und italienischen Gewürzen herausgebratenen Hasen und lässt es sich nicht nehmen, mir ein ordentliches Stück Braten mit der extraordinären Sosse sowie in Fenchel und Tomaten gewendete Bandnudeln auf meinem Teller anzurichten - wie gut das duftet. Natürlich koste ich umgehend und komme angesichts des schmackhaften Sösschens aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus - der Wirt scheint ein wahrer Artist des Kochlöffels zu sein. 
19.00 Uhr Wir verbringen einen wundervollen Abend in einem der besten Lokale der Gegend und planen nebenbei die kommenden Tage. Mein Bruder berichtet, dass wir den Weihnachtsabend gemütlich zu Hause feiern und am kommenden Morgen noch vor dem Frühstück die Bescherung vornehmen sollten. Ausserdem bringt James seinen angekündigten Auftritt am 26. Dezember zur Sprache und fordert uns alle auf, zu diesem Benefizspektakel mitzukommen - das ist doch wohl eine Selbstverständlichkeit. Während die jungen Leute auf Maria einreden und sie dazu animieren, ebenfalls mitzukommen, stösst mich Georg in die Seite und gibt mir flüsternd zu verstehen, dass wir uns zwei Tage später still und leise verabschieden und zu einer idyllisch gelegenen Hütte in die Wildnis fahren werden - darauf freue ich mich jetzt schon. 
19.30 Uhr Da ich nach dem langen Interkontinentalflug langsam müde werde, zückt Georg seine prall gefüllte Geldbörse und sagt, dass wir uns langsam auf den Heimweg machen und den Abend daheim ausklingen lassen sollten. Mein Bruder lässt sich nicht lumpen und überreicht Herrn Bucco seine goldene Kreditkarte sowie ein stattliches Trinkgeld in Form eines 20 DOLLAR Scheines - es muss wirklich schön sein, wenn man Millionär ist. 
20.00 Uhr Zuhause angekommen, bringen wir den kleinen David zu Bett und versammeln uns dann zu einem kleinen Umtrunk vor dem knisternden Kamin im Wohnzimmer. Da mir aber ständig die Augen zufallen, stelle ich mein Glas laut gähnend zur Seite und gebe den anderen unmissverständlich zu verstehen, dass ich mich nun verabschieden und aufs Ohr hauen werde - diesen Stress hält nicht einmal der stärkste Rentner aus. 
20.30 Uhr Nach einer heissen Dusche falle ich zufrieden ins Bett und schlafe sofort ein. Gute Nacht.

 

verfasst von Reinhard Pfaffenberg am 21.12.2007
© Reinhard Pfaffenberg